Roland Koch

Alles auf null?

Von Majid Sattar

19. Januar 2009 Seinen 50. Geburtstag beging Roland Koch in schwierigen Zeiten. Die Landtagswahl hatte er vermasselt, er war nur noch geschäftsführender Ministerpräsident, ein Alpha-Tier an der Leine eines Parlaments ohne klare Mehrheit. Als er Mitte April in Wiesbaden zur Feier einlud, zeigte er sich demütig: „Ich will, dass wir diese Dinge in Hessen in Ordnung bringen.“ Jetzt kann er seiner Hessen-CDU Vollzug melden. Doch was nun? Alles zurück auf null? Das vergangene Jahr aus der Erinnerung streichen? Einfach weiter so – als wäre nichts gewesen?

Roland Koch ist wiederhergestellt. Doch hinter ihm liegt ein Jahr, das seine Spuren hinterlassen hat. Angeblich ist es ein kurzer Wahlkampf gewesen, nach dem zweiten gescheiterten Versuch Andrea Ypsilantis, mit einem Linksbündnis in die Staatskanzlei einzuziehen. Ein Wahlkampf, der das Gegenteil des vorherigen war, ohne Überraschungen, ohne Polarisierung, ohne offene Fragen: wirklich wieder Koch. Tatsächlich aber stecken ihm und den Seinen 18 Monate Dauerwahlkampf in den Knochen. 2008 war nichts anderes als ein ständiges Lauern, Manövrieren, Taktieren, Kontern und Gegenkontern.

Staatskanzlei besenrein zur Übergabe

Alles wieder auf Anfang? Roland Koch am Freitag zum Wahlkampfabschluss in der Frankfurter Jahrhunderthalle

Alles wieder auf Anfang? Roland Koch am Freitag zum Wahlkampfabschluss in der Frankfurter Jahrhunderthalle

Davon zeugt auch das Büro seines Regierungssprechers Dirk Metz, in dem immer noch ein paar Kisten stehen, die er noch nicht wieder geleert hat, Kisten, die Anfang November gepackt worden waren, bevor Andrea Ypsilanti ein zweites Mal vor die Wand rannte. Natürlich wusste Koch von einigen in der SPD-Fraktion, die arge Zweifel am Linkskurs hegten, aber er wusste auch von einer Probeabstimmung, in der die Mehrheit stand. So war die Staatskanzlei besenrein zur Übergabe.

Kochs Zimmer ist längst wieder eingerichtet: Die grünen Bände der Verfassungsgerichtsurteile stehen wieder stolz in ihren Regalen, und auch das Bild, das er vor Jahren der Malerin Ruth Wagner (im Nebenberuf einst seine stellvertretende Ministerpräsidentin) abgekauft hatte, hängt wieder an der Wand. Er könnte sich nun zurücklehnen an seinem Schreibtisch, gekleidet in seiner dunkelblauen Strickjacke, die sich nur dem Umfang nach von der Helmut Kohls unterscheidet. Im Nachhinein lässt sich vieles rationalisieren: Seine CDU, die hessische Kampftruppe, stand zu ihm, auch Angela Merkel und die FDP unter Jörg-Uwe Hahn, wie schon im Jahr 2000 während der Spendenaffäre – und den Rest erledigte Andrea Ypsilanti ganz allein.

Letzte Chance, die eigene Haut zu retten

Ganz so einfach ist es nicht. Ja, seine CDU stand Gewehr bei Fuß, damals, als die Führungsriege im nordhessischen Bad Wildungen in Klausur ging und eine schonungslose Wahlanalyse betrieb: die schnoddrige Gymnasialreform, die schmuddelige Ausländerkampagne, die irritierenden Signale Klinikprivatisierung einerseits, staatlicher Schlösserkauf andererseits und einiges mehr. Nichts wurde ausgelassen – hinter verschlossenen Türen. Und nichts drang nach draußen. Das war nicht nur die Folge der Ehrerbietung für den Kampftruppenleiter, der später einmal sagte, der Zerfall seiner Partei sei ein richtiges Risiko gewesen.

Es war die letzte Chance, aus einem nur geschäftsführenden Regierungschef wieder einen richtigen zu machen – und so die eigene Haut zu retten. Und die Bundesvorsitzende? Im Herbst 2005 hatte Angela Merkel in der Bundestagswahl ein Debakel erlebt – und Koch hatte nicht getan, was ihm einige zugetraut hatten. Manche in Wiesbaden sagen, ohne Koch wäre Frau Merkel nicht Kanzlerin einer großen Koalition geworden. In Hannover und in Düsseldorf sieht das mancher ein wenig anders.

Eine Hand wäscht die andere (nicht)

Jedenfalls tat Frau Merkel es Koch nun, nach der verdorbenen Hessen-Wahl, gleich. Es ist sicher nicht falsch, darauf zu verweisen, dass er, der Machtpolitiker, nun ungefährlicher geworden war. Und der Sachpolitiker Koch war später im Jahr, das sich als veritables Krisenjahr erweisen sollte, in der Partei Ludwig Erhards gefragter denn je. So fügten sich die Dinge. Dass er auf dem CDU-Bundesparteitag im vergangenen Dezember in Stuttgart mit dem besten Stellvertreterergebnis ausgestattet wurde, war ebenfalls nicht Ausdruck grenzenloser Liebe unter den Delegierten, sondern folgte den Gesetzmäßigkeiten einer Partei in Wahlkampfzeiten.

Und Hahn? Gewiss, beide sind uralte Freunde, sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Indes: Welch andere Option hätte der FDP-Vorsitzende auch gehabt? Eine Ampelkoalition in Wiesbaden hätte längerfristiger Pläne seines Bundesvorsitzenden Guido Westerwelle durchkreuzt.

Koch wird wissen, an welch seidenem Faden seine Zukunft in den vergangenen Monaten zwischenzeitlich hing. Der absolute Tiefpunkt war nicht der Wahlabend am 27. Januar. Schlimmer wurde es, erzählen Leute, die ihn seit Jahren kennen, als er Wochen später seine Fühler für den Fall der Fälle in die Privatwirtschaft ausstreckte, um zu gucken, was da gehen könnte. Er trage nun mal derzeit das Verliererimage, das vertrage sich nicht mit dem Posten eines Vorstandsvorsitzenden, sei ihm bedeutet worden. Da war die Talsohle erreicht. Was hätte er nun tun sollen – er, der von sich wissen wird, dass ihm intellektuell in der Politik wie in der Wirtschaft nur wenige das Wasser reichen können: seine Anwaltskanzlei wiedereröffnen und wieder schnöde Wirtschaftsmandate vertreten?

Rettung in Gestalt einer SPD-Abgeordneten aus Darmstadt

Seine Umgebung durfte von derlei Gedankenspielen freilich nichts spüren. 200 Leute, politischer Stab und Ministerialbeamte, hängen an seinem Amt. Täglich suchten sie ängstlich in seinem Gesicht zu lesen, wie es um ihn stand, ob er schon auf dem Sprung war, aufgegeben hatte – oder doch noch hoffte und weiter zu kämpfen bereit war.

Die Rettung kam zunächst in Person von Dagmar Metzger. Die Nachricht von der Eisernen Lady aus Darmstadt, die den Kurs der hessischen Genossen nicht unterstützen wollte, erreichte ihn in Berlin, als er sich gerade von seinen Ministerpräsidentenkollegen auf eher saloppe Weise verabschiedet hatte („Wer weiß, ob wir uns noch mal sehen“) und dann eine Ausstellung über die Ministerpräsidenten als Wegbereiter der Bundesrepublik Deutschland in der hessischen Landesvertretung besuchte. Er kannte die Abgeordnete damals nicht einmal. Sofort bestellte er ein biographisches Dossier.

Alte Rollen, persönliche Animositäten

Frau Metzgers Nein veränderte alles. Es folgte der Versuch des Unmöglichen: Jamaika im Ursprungsland von Rot-Grün. Koch wurde unter Alfred Dregger sozialisiert, Tarek Al-Wazir unter Joschka Fischer. Wie sollte das gehen? Als Koch Al-Wazir kurz darauf einen „netten Kerl“ nannte, ging das manchem in seiner Partei zu weit. Als die linke Landtagsmehrheit beim ersten Versuch, die Studiengebühren abzuschaffen, an ihrem handwerklichen Dilettantismus scheiterte, hatte Koch sie auflaufen lassen – auch die Grünen.

Das wiederum irritierte viele in der CDU-Fraktion: Was will er denn nun, der Koch? Koch wollte die Entscheidung. Zu diesem Zeitpunkt war ihm klar, dass Al-Wazir im linken Lager an der Seite Andrea Ypsilantis verharren würde. Die Grünen wollten es nicht anders. Alte Rollen lassen sich nicht ablegen, ganz gleich wie wenig ausgeprägt die persönlichen Animositäten tatsächlich sind.

Die Probleme begannen mit einem großen Wahlsieg

Die Entscheidung hieß also: nur mit der FDP, und: auf jeden Fall ein Neuanfang, schon aus psychologischen Gründen. Insofern ist das FDP-Mantra „Bloß kein Weiter-so“ Wasser auf seine Mühlen. Er wird seinem alten und neuen Koalitionspartner Raum zur Profilierung lassen, schon weil es in seinem Interesse ist. Umgekehrt formuliert: Die Probleme der hessischen CDU begannen 2003 mit dem Gewinn der absoluten Mehrheit. Das wusste er seinerzeit und bot der FDP auch deshalb eine arithmetisch nicht notwendige Koalition an. Zudem mag zwar die neue Demut eines nicht allzu fernen Tages wieder den Reflexen eines politischen Tiers weichen. Doch wird Koch sich in Zukunft dreimal überlegen, womit es sich trefflich polarisieren lässt – ganz gleich, wie gering der Einfluss der Ausländerkampagne war.

Wäre noch die Frage, die sich ebenso verbietet, wie sie sich stellt: Wie lange hält es Koch noch in Hessen, wie lange wird er gehalten? Er sagt, er bleibe in Wiesbaden. Richtig ist, dass sein Einfluss als Ministerpräsident auf die nationale Politik größer ist als im Bundeskabinett. Sollte im Herbst indes Angela Merkels Ruf ertönen, in Zeiten wie diesen brauche die Union einen Wirtschaftsminister von Format – könnte er sich dem ernsthaft verweigern? Oder aber die Dinge – Koch ist darin nun geübt – kommen ganz anders im September, und die CDU müsste sich einen neuen Bundesvorsitzenden suchen. Der wiederum könnte auch in Wiesbaden bleiben, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ©Helmut Fricke

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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