Sudan und der Sport

Angeklagt - und anerkannt

Von Michael Reinsch, Peking

Der Sport hat Abubaker Kaki dem Bürgerkrieg entrissen

Der Sport hat Abubaker Kaki dem Bürgerkrieg entrissen

20. August 2008 Mustafa Abbadi hält die Fahne bereit. Samstag könnte der Tag sein, an dem er sie in den Innenraum des Olympiastadions von Peking wirft; vielmehr werfen lässt, wie es sich eines ehemaligen Generals, Parteisekretärs, und Chefs der Verkehrsbetriebe von Khartum geziemt. Samstag könnte der Läufer Abubaker Kaki eine Medaille im 800-Meter-Lauf gewinnen.

Dann würde er mit der Fahne auf die Ehrenrunde gehen. Das wäre der Tag, der die Welt daran erinnert, dass es etwas gab, das sie vor der Magie der Spiele beschäftigte: Sudan, der international geächtete Protegé des Olympia-Gastgebers China, der sich mit der Ausbildung seiner Soldaten und Waffenlieferungen für Öllieferungen entlohnen lässt. Sudan, das Land, für dessen Staatspräsidenten Omar al-Bashir der Internationale Gerichtshof in Den Haag einen Haftbefehl wegen Völkermordes ausgestellt hat.

„No doping“ verboten, Sudans Flagge nicht

Bei der Eröffnungsfeier durfte der Junioren-Weltmeister die Flagge des Sudan tragen

Bei der Eröffnungsfeier durfte der Junioren-Weltmeister die Flagge des Sudan tragen

In der Welt des Sports ist der Paria der politischen Welt ein respektierter Gast. Seit 1960 nimmt Sudan regelmäßig an den Olympischen Sommerspielen teil. Für Athen konnten Athleten des Sudan sich erstmals qualifizieren, statt auf die Quote von zwei Teilnehmern bauen zu müssen. Diesmal haben sich acht Leichtathleten und ein Schwimmer qualifiziert; so groß war die sudanesische Olympiamannschaft noch nie. Bis auf die aus Kuba stammende Dreispringerin Yamile Aldama, Silbermedaillengewinnerin der Weltmeisterschaften von Sevilla 1999, sind alle Leichtathleten Läufer.

Als im März in Valencia die Schiedsrichter der deutschen Stabhochspringerin Anna Battke verboten, den Schriftzug „no doping“ auf dem Körper zu tragen, gab es keinerlei Einwände dagegen, dass der 800-Meter-Läufer Abubaker Kaki nach seinem Sieg die rot-weiß-schwarze Flagge des Sudan mit dem grünen Keil über die Stadionrunde trug. Weil Kaki im Sommer auch noch Weltmeister der Junioren wurde, hoffen der 67 Jahre alte Abbadi und er, der am Donnerstag zwanzig Jahre alt wird, auf die Gelegenheit zu einer Wiederholung.

Die Läufer haben in Sudan ihr Glück gemacht

Die Geschichten von Kaki und dem Team Sudan sind fast zu schön, um wahr zu sein. Trainer Jama Aden, der 1984 und 1988 für den Sudan über 1500 Meter startete und der den somalischen Läufer Abdi Bile trainierte, besucht Schulsportfeste und Fußballspiele im ganzen Land, um sportliche Talente zu finden. Vor fünf Jahre fiel ihm ein Bursche auf, der bei einem Volkslauf an die Spitze stürmte, barfuss, und bald das Schicksal aller erlitt, die sich übernehmen: Er brach ein. Was Aden allerdings beeindruckte, war, dass der Junge sich gegen jeden einzelnen, der ihn überholte, wehrte. „Er war ein Krieger“, schwärmte er und nahm ihn mit Khartum. Kaki ging in genau dem Stil, in dem er Aden von sich überzeugte, in Spanien ins Finale - nur dass er sich nicht überholen ließ.

Kaki stammt, ebenso wie sein Mannschaftskamerad Ali Abubakr Nagmeldin, aus Darfur. Der Sport hat sie dem Bürgerkrieg entrissen - beides ironischerweise vom Staat alimentiert. Die Läufer haben ihr Glück gemacht. Nicht nur, dass die Olympiamannschaft, die sich von der Olympischen Solidarität unterstützen lässt, in der Business-Class nach Peking geflogen ist und üppige Tagegelder erhält. Für den jungen Star Kaki ließ der Staatspräsident eine Hymne komponieren und schenkte ihm nach und nach zehn Grundstücke in und um Khartum. „Kaki ist reich“, sagt Abbadi.

„Die Athleten sind Botschafter ihres Staates“

Der sudanesische Staat hat den Sport entdeckt. „Selbstverständlich sind die Athleten Botschafter ihres Staates“, sagt Abbadi, der in Peking als stellvertretender Chef de Mission auftritt. Verschiedene Ministerien und staatliche Unternehmen haben zusammengelegt für die Mission Peking. Der chinesische Sportartikelhersteller Li-Ning stattete das Team aus. Vor der Reise nach Peking, erzählt die 400-Meter-Läuferin Nwal Eljack, eine schmächtige Neunzehnjährige aus Al Ubayyid, südwestlich von Khartoum, seien sie zwei Monate im Trainingslager in Schweden und einen Monat in Spanien gewesen.

Am Samstag könnte der 800-Meter-Läufer eine Medaille gewinnen

Am Samstag könnte der 800-Meter-Läufer eine Medaille gewinnen

Alle sprächen sie auf schreckliche Dinge an, sagt sie. Peking sei die Chance, zu zeigen, dass es auch gute Sachen gebe in Sudan. Die Hindernisläuferin Muna Durka bereitete sich in Kenia auf die olympische Premiere ihrer Sportart vor. Zusätzlich zur staatlichen Hilfe bekommt der Sport in Khartoum Entwicklungshilfe vom Internationalen Leichtathletikverband und erhielt eine Spende von der Britischen Botschaft. „Diese Sportler sind unpolitisch“, sagte John Rollins, der Militärattaché. Ihn rührte das verkommene Stadion von Khartum und das Training der Athleten mit Steinbrocken und mit betongefüllten Kanistern an, und er initiierte die Spende von 60.000 Dollar.

„Wir brauchen keine Einmischung von außen“

„Wir wollen die Zahl unserer Olympiateilnehmer verdoppeln und verdreifachen“, sagt Abbadi. Für die Aufstockung von derzeit fünfzig Spitzensportlern gebe es keine Grenze. Zusätzlich zu der Aussicht auf ein sicheres Leben in der Hauptstadt und auf Reisen ins Ausland lockt ein monatliches Salär, das auch Vierzehnjährige schon erhalten. Nicht wenigen Athleten folgen deshalb die Familien nach Khartum: Die Kinder ernähren sie.

In der Rolle einer Botschafterin: 400-Meter-Läuferin Nwal Eljack (r.)

In der Rolle einer Botschafterin: 400-Meter-Läuferin Nwal Eljack (r.)

Das ist das Bild, das Trainer und Athleten von sich zeichnen: Ehrgeiz und Liebe zum Sport verbinden die Athleten aus allen Teilen des Landes und aus allen Volksgruppen des Sudan. Zwischen ihnen herrscht Frieden; sie teilten sich die Zimmer in Khartum und auf Reisen. Das allerdings ist keine Privatsache, sondern Programm. „Die Welt soll sehen, dass wir unsere Probleme allein lösen können“, sagt Abbadi und meint die Mission der Vereinten Nationen in Darfur. „Wir brauchen keine Einmischung von außen.“ Selbstverständlich, sagt er, seien auch Sportler christlichen Glaubens im Team, Muna Durka zum Beispiel. „Und Yamile Aldama ist auch keine Mohammedanerin.“

„Sport sollte nicht der Politik dienen“

Vor Jahr und Tag forderte Abbadi Rebellenführer John Garang übers Fernsehen zum sportlichen Duell. „Ich habe ihm die Idee von Sport als Ersatz für Krieg angeboten“, sagt er. „Sport schafft Frieden.“

Auf die Frage, wie er es den finde, dass Lopez Lomong die amerikanische Flagge ins Olympiastadion trug, schweigt Abbadi lange. Lomong war als Kind im Sudan von einer Miliz entführt worden, floh nach Kenia und lebt nun in den Vereinigten Staaten. Als Mitglied der Initiative Team Darfur macht er auf die Brutalität und den Zynismus des sudanesischen Regimes aufmerksam. „Das war eine politische Geste“, sagt Abbadi. „Sport sollte nicht der Politik dienen.“ Wenn Abubaker Kaki sich am Samstag seinen Traum vom Olympiasieg erfüllen sollte, wird der umsichtige Mustafa Abbadi dafür sorgen, dass er anschließend für ein verbrecherisches Regime demonstriert.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS

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