
Au Backe, habe ich mich verdopt? Lyudmila Blonska musste die Silbermedaille im Siebenkampf zurückgeben
23. August 2008 Viele FAZ.NET-Leser wundern sich über die geringe Zahl an überführten Dopingsündern während der Olympischen Spiele. Werden alle Endkampfteilnehmer und Finalisten überprüft?, fragt Friedrich Nikolaus. Wer wird für Kontrollen ausgewählt und was ist von den Medaillen-Gewinnern zu halten, die nicht erwischt werden, aber durch große Leistungssteigerungen auffallen?, fragt Werner Bratek. Gibt es Doping-Mittel, die nicht immer nachgewiesen werden können, wohl aber zu großen Leistungssteigerungen führen können?
Während der Spiele von Peking werden die Athleten so viel auf Doping getestet wie noch nie zuvor. Bis zur Abschlussfeier sollen 5000 Dopingproben analysiert worden sein, davon rund 1.000 Bluttests, die eine höhere Aussagekraft haben als die herkömmlichen Urinproben.
Diese hohe Zahl an Kontrollen setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen: Alle Medaillengewinner werden nach ihren Wettbewerben getestet, darüber hinaus losen die Organisatoren während des Wettbewerbs weitere Teilnehmer aus, die zur Dopingprobe gebeten werden. Die Zahl dieser Stichproben schwankt je nach Sportart.
Angekündigte Tests haben geringe Erfolgsaussichten
Diese angekündigten Tests machen aber nur lediglich rund 40 Prozent der Dopingproben aus. Darüber hinausbittet die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), eine vom Weltsport beauftragte und von den Sportorganisationen unabhägig tätige Einrichtung, die Athleten so oft wie noch nie zu unangemeldeten Kontrollen. Athleten wie der amerikanische Super-Star Michael Phelps oder Sprintkönig Usain Bolt aus Jamaika mussten zeitweise täglich Blut und Urin lassen, Phelps wurde in diesem Jahr angeblich bereits 30 mal getestet.
Über diese Tests während der Spiele hinaus werden Athleten während des ganzen Jahres Tests unterzogen. Deutsche Spitzensportler müssen beispielsweise ständig Auskunft über ihren Aufenthaltsort geben, um von Dopingfahndern der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) unangemeldet kontrolliert werden zu können. Diese nebenberuflich im Anti-Doping-Kampf engagierten Fahnder können Sportler beispielsweise schon morgens in aller Frühe aus dem Bett klingeln. Solche unangemeldeten Tests sind deutlich effizienter als Tests bei Wettkämpfen, weil Sportler sich nicht darauf vorbereiten können.
Nur die Hälfte der Teilnehmerländer hat ein - zumindest formal - funktionierendes Kontrollsystem
Ein solches Test-System, wie es in Deutschland mittlerweile recht gut funktioniert, gibt es allerdings bei weitem nicht in allen Staaten dieser Welt. Bislang haben zwar alle 205 Nationalen Olympischen Komitees (NOK) den Wada-Code, der die Ächtung des Doping festschreibt, unterschrieben, nur 107 Sportnationen haben aber eine von der Wada geforderte - und zumindest formal - unabhängige Nada, die die unangemeldeten Tests in den jeweiligen Staaten sicherstellen soll.
Das im Sprint so erfolgreiche Jamaika hat keine solche Institution. Dieser Mangel bestärkt die Skeptiker in ihren Zweifeln an der Sauberkeit der Leistungen von Usain Bolt oder Shelly-Ann Fraser.
Betrüger mit immer besseren Methoden
Trotz des an sich lobenswerten olympischen Rekords an Kontrollen ist der Kampf gegen Doping auch aufgrund dieses Ungleichgewichts freilich noch lange nicht gewonnen. Die niedrige Zahl von bislang lediglich sechs überführten Athleten bei diesen Spielen - hinzu kommen vier mit verbotenen Medikamenten behandelte Pferde im Springreiten und elf bereits vor den Spielen überführte Leichtathleten aus Russland - ist nur sehr bedingt ein Indiz für Fortschritte im Anti-Doping-Kampf. Stattdessen muss man davon ausgehen, dass die Betrüger immer bessere Methoden der Leistungssteigerung anwenden - und nur die Dummen wie die Siebenkampf-Zweite Lyudmila Blonska erwischt werden und ihre Medaillen verlieren.
In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel bestärkte der überführte Dopig-Dealer Angel Heredia aus Mexiko erst vergangene Woche Vermutungen dieser Art. Er behauptete in dem Gespräch, dass Spitzenathleten aus nahezu jeder halbwegs populären und finanziell attraktiven Sportart Zugang zu rund 20 Dopingsubstanzen hätten, die von den Fahndern nicht nachgewiesen werden könnten.
Diese Olympiasieger präsentieren wir Ihnen wie immer ohne Gewähr
Die Dopingjäger können deshalb wohl zurzeit nur auf die abschreckende Wirkung einer Neuregelung des olympischen Anti-Doping-Kampfs setzen: Die Proben, die bei den Spielen von Peking genommen wurde, werden acht Jahre lang aufbewahrt und sollen stichprobenartig neuerlich untersucht werden, wenn Wissenschaftler in Zukunft Nachweismöglichkeiten für neue Substanzen finden. Inzwischen, behaupten sie, könne das Wachstumshormon HGH nachgewiesen werden, allein einen positiven Fall habe es bisher allerdings nicht gegeben.
Von daher müssen olympische Statistiken wie Medaillenspiegel oder die Siegerlisten zumindest in den kommenden Jahren noch mit dem Zusatz ohne Gewähr geführt werden. Schon in den vergangenen Jahren wurde so mancher Goldmedaillengewinner wie die Sprint-Olympiasiegerin Marion Jones nachträglich zur Rückgabe ihres Edelmetalls gezwungen.
Vielleicht sollten Sportmoderatoren im Bemühen um journalistische Redlichkeit deshalb künftig ihre Kollegen von der Ziehung der Lottozahlen zitieren: Diese Olympiasieger präsentieren wir Ihnen wie immer ohne Gewähr.
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Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa