Duell der Turnnationen

Der unsichtbare Kampf der chinesischen Kinder

Von Michael Horeni, Peking

Im Auftrag er Nation: Die chinesichen Turnkinder

Im Auftrag er Nation: Die chinesichen Turnkinder

14. August 2008 Es ist morgens kurz nach zehn in Peking, und das National Indoor Stadium ist bis unters Dach gefüllt. 18.000 Zuschauer wissen, dass sie in wenigen Minuten einen Wettkampf erleben werden, der sich zwar auf keinem olympischen Zeitplan findet, der aber der größte Wettkampf ist, den diese Olympischen Spiele zu bieten haben. Es ist ein unsichtbares Duell, das im National Indoor Stadium ausgetragen wird, ein Duell, das es offiziell nicht gibt.

Das Duell schafft den großen Spannungsbogen dieser Spiele, und es ist einer der Gründe für die Gastgeber, weshalb Olympia überhaupt nach Peking gekommen ist. Tickets haben die Zuschauer zwar für das Mannschaftsfinale der Kunstturnerinnen gekauft, doch Zugang haben sie sich auch für den größten Wettbewerb erworben, der zurzeit nicht nur im Sport zu besichtigen ist: China gegen Amerika. Es ist der Kampf um die Führerschaft, diesmal im olympischen Sport.

Echtes Strahlen oder nur antrainiertes Lächeln? Olympiasiegerin Yuyuan Jiang
Echtes Strahlen oder nur antrainiertes Lächeln? Olympiasiegerin Yuyuan Jiang

Ein Sturm bricht los, wie ihn die Spiele noch nicht erlebt haben

Den Kampf an diesem Tag führen Kinder, und die Kinder wissen, dass es ein Kampf ist. Als er nach knapp zwei Stunden vorbei ist und Cheng Fei nach ihrem Auftritt am Boden sich ein letztes Mal in Positur rückt, bricht im National Indoor Stadium ein Sturm los, wie ihn die Spiele noch nicht erlebt haben.

Die chinesischen Turnkinder jubeln wie Kinder, ihre Anführerin Cheng Fei ballt die Fäuste, die Zuschauer brüllen vor Begeisterung, und Trainer Lu fliegt durch die Luft. Die chinesische Equipe gewinnt am Ende eines packenden, emotionalen und sportlich spektakulären Wettkampfs mit 2,475 Punkten Vorsprung.

„Es ist ein historischer Sieg“, sagt Trainer Lu

Zahlen bedeuten in diesem Moment nicht viel. Im ganzen Land verfolgen die Menschen das Duell, und das staatliche Fernsehen bekommt genau die Bilder geliefert, die es von den Spielen immer haben wollte. Der Triumph gegen die Amerikaner lässt das öffentliche Leben am Mittag für einen Moment stillstehen, und der Sieg der Kinder fühlt sich für China an wie das Wunder von Peking.

Zum ersten Mal haben die Turnerinnen als Mannschaft bei den Olympischen Spielen Gold gewonnen. Sie haben die Amerikanerinnen gestürzt, die Weltmeister, und das in einer Sportart, die in beiden Ländern die Massen in Verzückung zu versetzen versteht. „Es ist ein historischer Sieg“, sagt Trainer Lu später auf der Pressekonferenz. Er sagt es gleich zweimal.

Amerikaner und Chinesen haben klar begrenzten Einflusssphären

Beim Mannschaftsturnen begegnen sich die Sportgiganten auf Augenhöhe, auch wenn es die Augenhöhe von Kindern ist. Das kommt sonst bei Olympia kaum vor, nicht beim Basketball, wenn ein NBA-Star wie Yao Ming gegen die anderen NBA-Stars spielt, weil die Kräfteverhältnisse so voraussehbar ungleich verteilt sind zwischen Chinesen und Amerikanern, und auch sonst nicht. Die beiden Weltmächte teilen sich den Sport in Peking auf wie Spanier und Portugiesen in der frühen Neuzeit die ganze Welt.

Amerikaner und Chinesen haben ihre klar begrenzten Einflusssphären im olympischen Wasser und auf der olympischen Erde. Sie kommen sich nicht in die Quere. Der Amerikaner Michael Phelps dominiert das eine Becken, die chinesischen Kunstspringer das andere. Auf der Erde werden die amerikanischen Leichtathleten im Vogelnest ihre Medaillenbilanz aufbessern, die Chinesen ziehen sich in die Hallen für Tischtennis, Badminton und Gewichtheben zurück.

Film über den Aufstieg der Turnerinnen

Was sich im National Indoor Stadium abspielt, ist ein Stoff wie für Hollywood gemacht. Aber auch Hollywood brauchen die Chinesen nicht, und so haben sie schon lange selbst eine Dokumentation ins Werk gesetzt, die den Weg der Turnerinnen in den vergangenen Jahren nachzeichnet. Der Film über den Aufstieg der Turnerinnen, der weit mehr als nur den Aufstieg von Turnerinnen symbolisieren soll, wird nach den Spielen das Riesenreich beglücken.

Die siegreichen Mädchen, die kaum über den Tisch schauen können, sagen auf der Pressekonferenz strahlend, dass sie sich den Film natürlich ansehen werden, „denn er zeigt ja, wie wir groß geworden sind“. Die Ironie ist nicht beabsichtigt.

Hier leisten Kinder vaterländische Dienste ab

He Kexin wird listig gefragt, ob sie erzählen könne, wo und wie sie ihren 15. Geburtstag verbracht hat. „Ich habe mit meinen Mannschaftskameradinnen gefeiert“, sagt sie, „wir fahren auch an unseren Geburtstagen nicht nach Hause.“ He Kexin, die eine unfassbar spektakuläre, artistische Vorführung am Stufenbarren präsentierte, weiß sehr genau, dass ihre Altersangabe angezweifelt wird.

In den Monaten zuvor hatten amerikanische Medien Belege dafür geliefert, dass bei drei der sechs Turnkinder Widersprüche in den Dokumenten auftauchen, und damit nur unterfüttert, was der Augenschein ohnehin als bewiesen ansieht: Hier leisten Kinder vaterländische Dienste ab.

Die Frage nach ihrem Alter kommt von amerikanischen Medien

Man kann He Kexin auch für zehn halten. Aber man kann gar nicht sagen, was schlimmer ist: einem zum Imagegewinn missbrauchten zehnjährigen Kind zuzuschauen oder einem 16 Jahre alten Mädchen im geschrumpften Körper einer Zehnjährigen. Diese Frage gehört untrennbar auch zu dem großen Duell, das sich im National Indoor Stadium abspielt, denn sie sollte im Vorfeld auch einen moralischen Trennungsstrich ziehen zwischen amerikanischen und chinesischen Methoden.

Die Frage nach ihrem Alter ist auch die erste Frage, die Olympiasiegerin He Kexin auf der Pressekonferenz zu hören bekommt. Die Frage kommt von amerikanischen Medien. „Mein wirkliches Alter ist 16. Ich kümmere mich nicht darum, was andere sagen. Das ist nicht mein Geschäft“, sagt He Kexin klar und laut. Sie sagt es zweimal. Auch das hat sie trainiert.

Die Niederlage schmerzte sehr unter dem betonierten Lächeln

Im National Indoor Stadium waren es die „American Girls“, die ihre Nerven verloren, nicht die kleinen Chinesinnen. Sie hielten dem Druck stand, bis zum Schluss. Nach dem ersten Teil des Vierkampfs hatten die Amerikanerinnen noch geführt, am Stufenbarren büßten sie den Vorsprung ein, und am Schwebebalken nahm die Niederlage ihren Lauf.

Alicia Sacramone verpatzte den Aufsprung, und für dieses Missgeschick machten die Amerikaner später chinesische Funktionäre mitverantwortlich, die ihren Einsatz bewusst verzögert hätten. „Das war nicht korrekt. Das war unfair, absolut nicht üblich“, schimpfte Teamchefin Marta Karolyi in der Mixed Zone. Die Niederlage schmerzte sehr unter dem betonierten Lächeln.

Den Rest der Welt wird es gruseln

Die Chinesinnen leisteten sich nur eine einzige Schwäche in allen Übungen, und so fragte sich die Welt, wie diese Kinder an der Seite von Vorzeigeturnerin Cheng Fei es geschafft haben, dem riesigen Druck standzuhalten. Sie hätten es trainiert, sagte Lu. Die Arbeit mit den Psychologen habe sich gelohnt. Nach dem schwachen Auftritt bei den letzten Spielen in Athen hätten sie ihre Methoden sehr verändert.

Sie setzen die Mädchen nun der Härte des Wettkampfs aus und lassen sie nicht wie früher nur abgeschirmt trainieren. „Es war der richtige Weg“, sagt Lu. Er entwarf darauf ein Bild für die Zukunft des chinesischen Turnens, das ihm ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Der Sieg sei auch deswegen ein historischer Sieg, weil nun noch mehr Mädchen im Land turnen wollten. „Dieser Sport ist voller Vitalität und Hoffnung“, sagte Lu strahlend. Den Rest der Welt wird es gruseln.

Zum in den Balken beißen: Alicia Sacramone vom Silberteam der Vereinigten Staaten
Zum in den Balken beißen: Alicia Sacramone vom Silberteam der Vereinigten Staaten

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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