10. August 2008 Sie sehen aus, als müssten sie eigentlich noch mit Barbiepuppen spielen. Sie sind winzig klein, extrem dünn, ihre Augen blicken kindlich, wenn sie mit eiligem Turnerinnenschritt vorübergehen. Ihre glänzend schwarzen Pferdeschwänze wippen, die Rucksäcke sehen überdimensioniert aus an den zarten Gestalten. Woher sie wohl kommen, und was sie erlebt haben? Wie viel Einsamkeit und Schmerzen?
Erinnerungen an herzzerreißende Fernsehberichte über den Drill in chinesischen Turnschulen werden wach, wenn die zerbrechlichen Mädchen ihren Weg verfolgen, ohne sich ein einziges Mal umzublicken. Selbst wenn sie wollten, wonach es nicht aussieht: Sie dürften nichts zu den wartenden Journalisten sagen.

Das hat Chefcoach Lu Shanzen ihnen befohlen. Nur eine, Cheng Fei, die größte und physisch stabilste unter den chinesischen Turnerinnen, darf stehen bleiben und den Reportern aus ihrer Heimat ein paar Auskünfte über den Qualifikationswettbewerb geben.
Kindertränen im Leistungsturnen
Sie und ihre Mannschaftskolleginnen haben am Sonntag ihre manchmal flatternden Nerven bezwungen und ihre Übungen nach Wunsch absolviert - bis auf die winzige He Kexin, die an ihrem Spezialgerät, dem Stufenbarren, den unteren Holm verpasste, und das, als alle Schwierigkeiten ihrer Kür schon vorüber waren. Arme kleine He. Sie tat uns sehr leid, sagt Cheftrainer Lu Shanzen.
Sie werden wahrscheinlich zum Ruhm ihrer Nation am Mittwoch die Mannschafts-Goldmedaille gewinnen und danach noch viel mehr. Doch die Bilder im National Indoor Stadium von Peking müssten eigentlich nicht für üppige Einschaltquoten am Fernsehen sorgen, sondern die Öffentlichkeit alarmieren. Die aber hat sich schon lange an die Kinderschmerzen und Kindertränen im Leistungsturnen gewöhnt. Angeblich Sechzehnjährige, die wie Viertklässlerinnen aussehen, absolvieren an den Turngeräten Übungen, die jahrelangen, strengen Drill verlangen und Kinderkörper nicht stählen, sondern verbrauchen.
Der Jubel auf den Zuschauerrängen, die Gleichgültigkeit im Internationalen Turnverband (FIG), das Achselzucken des Internationalen Olympischen Komitees zeigen, dass diese Kinder von aller Welt verlassen sind. Niemand geht gegen die Ausbeutung ihrer Körper vor, niemand schützt sie vor dem Leistungssport-System, und das vor den Augen der Welt. Schon 1997 wurde zum Schutz der kleinen Turnmädchen das Mindestalter auf 16 Jahre festgelegt. Massive Widersprüche in den Altersangaben auf im Internet zugänglichen Wettkampflisten und in Äußerungen der chinesischen Funktionäre erhärten den Verdacht, der jeden Zuschauer sofort beschleichen muss. Journalisten aus den Vereinigten Staaten, dem Land des größten Konkurrenten der Chinesinnen, haben auf solche Abweichungen hingewiesen.
Sie fliegen durch die Luft wie Federbälle
Schon lange vor Beginn der Spiele präsentierte die New York Times Widersprüche in Altersangaben, die He Kexin und Jiang Yuyuan betreffen. Die Nachrichtenagentur AP berichtete vor einer Woche, dass auch erhebliche Zweifel daran bestünden, dass von der chinesischen Mannschaftsleitung bei Yang Yilin das korrekte Alter angegeben worden sei. Bis 2006 sei ihr Geburtstag auf der Website des chinesischen Staatsfernsehens als 26. August 1993 angegeben worden. Dann sei das Geburtsjahr plötzlich auf 1992 korrigiert worden.
Dies, zusammen mit dem optischen Eindruck, legt den Schluss nahe, dass die halbe chinesische Mannschaft zwar nicht das Mindestalter für Olympia erreicht - dafür aber Höchstnoten. Sie fliegen durch die Luft wie Federbälle, winden sich - für Kinder unangemessen neckisch - beim Bodenturnen und lassen viele ihrer eigentlich zierlichen und schlanken Konkurrentinnen plump und schwergewichtig wirken. Willkommen beim olympischen Mutter-Kind-Turnen.
Die Basis werden natürlich weiterhin die Pässe sein
Am Samstag erklärte der Internationale Turnverband mit zum Thema passender Biegsamkeit, man habe gemeinsam mit dem Internationalen Olympischen Komitee festgestellt, dass sich alle chinesischen Turnerinnen im besten Wettkampf-Alter befänden. Man könne sich natürlich nur auf ihre Pässe verlassen, betonte Generalsekretär André Gueisbühler bei einer Pressekonferenz. Delikates Thema, erklärte wiederum FIG-Präsident Bruno Grandi aus Italien. Vom kommenden Jahr an will der Verband die Karrieren seiner Athleten durch die Vergabe von Lizenzen besser begleiten.
Vom ersten internationalen Wettkampf an werden solche Lizenzen in Zukunft vorgeschrieben. Von da an könnte man das vom Verband geführte Geburtsjahr mit der Angabe im Reisepass vergleichen. Die Basis werden natürlich weiterhin die Pässe sein, erklärte Gueisbühler. Zwar müssen Pässe in Diktaturen keine zuverlässigen Dokumente sein. Aber immerhin müssten dann Manipulationen der Altersangaben von langer Hand - vor dem ersten internationalen Nachwuchswettbewerb - geplant werden.
Im National Indoor Stadium aber ist die Welt der Funktionäre in Ordnung. Auch der Hinweis, man könne auf der Internet-Videosammlung Youtube eine Sequenz aufrufen, in der die frühere chinesische Turnerin Yang Yun, zweifache Bronzemedaillengewinnerin von Sydney 2000, erkläre, sie sei damals erst vierzehn gewesen, scheint sie nicht zum Handeln zu bewegen. Die Dokumente im Internet sind nicht offiziell, erklärte Grandi. Das einzige Dokument, das es für uns gibt, ist der Pass. Man werde sich aber die Einzelfälle in Zukunft genauer betrachten. Ein paar Meter weiter, im National Indoor Stadium zu Peking, hat der alte Mann dazu in den kommenden Tagen noch reichlich Gelegenheit.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa