Harald Schmid zu Olympia

„Keine Lust hinzusehen“

Skeptiker Schmid: “Ich habe schon in meiner aktiven Laufbahn den anderen nicht über den Weg getraut“

Skeptiker Schmid: "Ich habe schon in meiner aktiven Laufbahn den anderen nicht über den Weg getraut"

22. August 2008 Zwei olympische Bronzemedaillen hat der Gelnhausener Harald Schmid in seiner Karriere als Leichtathlet gewonnen. Heute hat er ein gespaltenes Verhältnis zu den Spielen.

Welche Reaktionen rufen die Olympischen Spiele in Peking mit ihrer Flut an Rekorden in Ihnen hervor?

Meine Reaktion ist so, dass ich mir kaum noch etwas ansehe. Mich begeistert das nicht. Irgendwann beim Schwimmen habe ich abgeschaltet.

Warum denn, gerade da ist doch viel passiert?

“Und ich war auch ziemlich schnell“

"Und ich war auch ziemlich schnell"

Das war's ja, das ist die Antwort. Alles zu viel. Zu viele Weltrekorde, zu viele Sieger aus einem Land. Mir kam das alles komisch vor. Es hat mich nicht mehr interessiert.

Macht Sie ein Athlet wie Michael Phelps skeptisch statt enthusiastisch?

Das ist schwierig zu sagen. Skepsis gegenüber Leistungen von Sportlern muss man sich grundsätzlich immer genau überlegen. Wie weit man das treibt. Mir kam diese Rekordflut jedenfalls ziemlich verrückt vor. Kann es sein, dass plötzlich solche Riesensprünge stattfinden? Das lässt sich vielleicht durch diesen schönen Anzug erklären, den jetzt alle Schwimmer tragen. Vielleicht gibt es aber auch andere Gründe.

Doping?

Behaupten, Wissen und Beweisen ist ein Riesenunterschied. Man kann es den Sportlern natürlich nicht unterstellen. Aber um es auf den Punkt zu bringen: In Peking werden zwar 4500 Doping-Kontrollen vorgenommen, aber das alles ist doch Augenwischerei. Jeder Sportler, jeder verantwortliche Trainer oder Funktionär weiß doch, dass diese Kontrollen stattfinden. Also: Welche Sportler werden schon gedopt nach Peking fahren? Wer betrügen will, hat die entsprechenden Mittel längst im Vorfeld abgesetzt und ist clean nach Peking gefahren.

Liegt ein Schatten über diesen Spielen, stehen sie für einen Dammbruch?

So weit würde ich nicht gehen. Was sind die Spiele? Es ist immer noch ein Treffen von jungen Menschen aus aller Welt, die es schaffen, auf engstem Raum in teilweise freundschaftlicher Art zusammenzuleben. Das steht bestimmt noch. Aber die Inflation an Rekorden und diese extremen Leistungssprünge in der Breite in manchen Disziplinen, die stören einfach. Man hat das Gefühl, die Idee des Sports wird ausgehebelt. Deshalb habe ich auch keine Lust mehr hinzusehen.

Haben Sie als ehemaliger Leichtathlet Usain Bolt und seine Weltrekorde über 100 und 200 Meter also verpasst?

Ich habe es als Aufzeichnung gesehen. Bei ihm ist immerhin kein Leistungssprung festzustellen - auch wenn es so ausgesehen hat. So eine große Entwicklung war das nicht, was er da gezeigt hat. Es war natürlich trotzdem beeindruckend, wie er das gemacht hat. Alle anderen Jamaikaner waren auch ziemlich gut. Entweder haben die alle unheimlich viel Talent, sie haben richtig gut trainiert - oder sie haben was anderes.

Trauen Sie solchen Sportlern noch über den Weg?

Der früherer Hürdenläufer Schmid: “Mir kam das alles komisch vor“

Der früherer Hürdenläufer Schmid: "Mir kam das alles komisch vor"

Ich habe schon in meiner aktiven Laufbahn den anderen nicht über den Weg getraut.

Ihren Namen verbindet man heute mit sauberem Sport und dem Versuch, Kinder an Sport heranzuführen. Macht Ihnen Peking das Leben schwerer?

Kinder sehen Sportler anders als Erwachsene. Sie begeistern sich für Leistungen, für strahlende Figuren. Die sehen das nicht so kritisch wie jemand, der sich intensiv mit dem Sport auseinandersetzt.

Darf Usain Bolt ein Vorbild für Kinder sein?

Vorbild Bolt? “Wenn Kinder sagen, sie finden den klasse, dann finden sie ihn klasse“

Vorbild Bolt? "Wenn Kinder sagen, sie finden den klasse, dann finden sie ihn klasse"

Sie können das doch nicht steuern. Wenn Kinder sagen, sie finden den klasse, dann finden sie ihn klasse.

Und was ist Ihr Gefühl dabei?

Mein Gefühl sagt, der passt nicht gut.

Tobias Unger, der beste deutsche 200-Meter-Läufer, hat Bolt kritisiert und gesagt, er verliere langsam die Lust. Verstehen Sie das?

Ich kann solche Kritik nicht komplett nachvollziehen. Wäre er in Peking Bestzeit gelaufen, hätte er auch nicht so frustriert sein müssen.

Kann man 19,30 Sekunden über 200 Meter laufen, ohne zu dopen?

Ich konnte es jedenfalls nicht. Und ich war auch ziemlich schnell über 200 Meter für einen 400-Meter-Läufer.

Bestzeit?

20,68.

Das Gespräch führte Uwe Marx.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS, Wonge Bergmann

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