Shaun White

Der Beste braucht beide Bretter

Von Michael Eder, Laax

Keiner fliegt schöner: Shaun White

Keiner fliegt schöner: Shaun White

18. Januar 2008 Was Europa betrifft, so ist High-End-Snowboarden in der Hauptsache eine finnische Angelegenheit. Manche Großveranstaltung ist von Anti Autti, Risto Mattila und ihren blassen Kollegen schon zu einer Suomi-Meisterschaft umgestaltet worden. Das Reservoir an finnischen Talenten ist unerschöpflich, Snowboarden ist Schulfach, und mangels alpiner Bedingungen, mangels langer, steiler Pisten werden Snowparks und Pipes besonders gepflegt. Die Folge: Technisch sind die finnischen Freestyle-Künstler eine Klasse für sich - allerdings nur in Europa, wie sich in dieser Woche in Laax bei den Burton European Open herausstellte.

Zum ersten Mal in diesem Winter haben die Amerikaner ihre Stars nach Übersee geschickt, und diese haben die Verhältnisse gleich zum Auftakt ordentlich zurechtgerückt. Beim Slopestyle, der spektakulärsten Disziplin im Snowboarden, bei der ein mit Schanzen, Quarterpipes, Rails und anderen Hindernissen gespickter Parcours kilometerweit bergab führt, bewies der amerikanische Superstar Shaun White einsame Klasse und siegte überlegen vor seinen Landsleuten Chas Guldemond und Tim Humphreys. Auch bei den Damen gewann eine Amerikanerin, Jamie Anderson. Erfreulich: Die Münchnerin Silvia Mittermüller landete auf einem hervorragenden dritten Platz.

White zählt gleichzeitig zur Weltspitze im Skateboarden

Die amerikanische Dominanz im Snowboarden ist erdrückend; diesen Eindruck konnte Shaun White auch mit freundlichen Kommentaren zur europäischen Konkurrenz nicht erschüttern. Der Grund? „Wir haben die besseren Anlagen“, sagt die Olympiasiegerin von 2002 in der Halfpipe, Kelly Clark. „Bei uns gibt es zehn Wintersportorte mit erstklassig gepflegten Parks und Pipes.“ In Deutschland gibt es keine vergleichbare Anlage. Die einzige zumindest halbwegs wettkampftaugliche deutsche Halfpipe steht bezeichnenderweise in der Nähe von Hamburg - in einer Skihalle.

Ein weiterer Vorteil der Amerikaner: Viele ihrer besten Fahrer haben sich auch dem Skateboarden verschrieben, einer Disziplin, die in den Vereinigten Staaten ungleich mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung genießt als in Europa. Snowboard-Olympiasieger Shaun White etwa ist nicht nur der beste Snowboarder der Welt, sondern zählt gleichzeitig zur Weltspitze im Skateboarden. Sein unvergleichliches Balancegefühl, das ihm erlaubt, auch die kompliziertesten Rotationssprünge traumwandlerisch zu landen, erklärt er mit dem Skateboarden, das er „für sehr viel schwieriger“ hält als das Snowboarden.

Skateboarden soll 2012 in London olympisch werden

Einer der wenigen Fahrer, die an guten Tagen mit Amerikanern und Finnen mithalten können, ist Jurij Podladtschikow. Auch der Professorensohn aus Zürich, der einen Schweizer und einen russischen Pass besitzt, ist ein erstklassiger Skateboard-Fahrer. Auf die hypothetische Frage, für welche Sportart er sich entscheiden würde, wenn er denn müsste, antwortet er ohne Zögern: Skateboarden. Shaun White mag keiner Disziplin den Vorzug geben. Er brauche beides, sagt er. „Ich erhole mich beim Skateboarden vom Snowboarden“, sagt er, „ich vergesse es völlig, alles, die ganze Szene - und dann komme ich frisch zurück.“

Die meisten Tricks im Freestyle-Snowboarden haben ihren Ursprung im Skateboarden, und diese Wurzeln werden immer deutlicher, je weiter sich die Wintervariante entwickelt. Die Artisten im Schnee üben im Sommer auf dem kleinen Brett, und wer mit dem Skateboard - ohne Bindung - unfallfrei durch die Halfpipe kommt, für den ist die Schneevariante eine vergleichsweise leichte Übung. Nun soll, das Internationale Olympische Komitee will es so, Skateboarden 2012 in London olympisch werden.

White: Olympia hat dem Snowboarden einen enormen Schub gegeben

Diese Aussicht teilt die Szene genau so, wie es vor Jahren dem Snowboarden widerfahren ist. Shaun White hat sich in Laax explizit für eine olympische Zukunft des Skateboardens ausgesprochen. Olympia, sagt er, habe seinerzeit dem Snowboarden einen enormen Schub gegeben - wobei dies vor allem für ihn selbst gilt: Die Begeisterung über seine Turiner Goldmedaille machte den 21-Jährigen zu einem Popstar des US-Sports. Auch Skateboarden, sagt er, würde von Olympia profitieren.

Und vielleicht wiederum auch er: White hätte in London die Chance, der zweite Athlet zu werden, der sowohl im Winter wie auch im Sommer eine olympische Goldmedaille gewinnt. Der einzige Sportler, dem dies bisher gelang, ist sein Landsmann Edward Eagan, der 1932 in Lake Placid im siegreichen amerikanischen Viererbob saß, nachdem er 1920 in Antwerpen schon Box-Olympiasieger im Halbschwergewicht geworden war. Allerdings war Eagan nur Ballast im Bob, angeschoben wurde damals noch nicht. White müsste in London schon selber fahren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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