Genossenschaftsbanken

Volksbanken zahlen Anteile nicht mehr garantiert zurück

15. Juni 2004 Die Genossenschaftsbanken werden einen Kompromiß akzeptieren, damit ihr von den Mitgliedern gezeichnetes Geschäftsguthaben auch nach den internationalen Rechnungslegungsstandards IAS als Eigenkapital anerkannt wird. In den Satzungen der 1392 Volks- und Raiffeisenbanken werde künftig enthalten sein, daß eine Bank ihrem Mitglied die Rückzahlung des Genossenschaftsanteils verweigern könne. Das stellte Verbandspräsident Christopher Pleister am Montag abend vor dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten in Aussicht. In den nächsten Wochen werde das IFRIC, ein Interpretationskomitee des IAS-Board in London, eine entsprechende Auslegung der IAS-32-Regel bekanntgeben.

Bislang ist eine Bank verpflichtet, nach Kündigung eines Genossenschaftsanteils spätestens nach fünf Jahren das Geld zurückzuzahlen. An diesen Kündigungsbedingungen hatte sich das IAS-Board gestoßen und das Geschäftsguthaben der Genossenschaftsbanken als Fremdkapital eingestuft. Dies hätte für die Volks- und Raiffeisenbanken das Ende ihres Geschäftsmodells bedeuten können. Nach den deutschen Rechnungslegungsgrundsätzen (HGB) und den aufsichtsrechtlichen Anforderungen zählen Genossenschaftsanteile zum Eigenkapital. Der Genossenschaftsbankensektor hat in Deutschland einen Marktanteil von mehr als 20 Prozent.

Obwohl der Eingriff in die Kündigungsbedingungen eine Verschlechterung für die Mitglieder bedeutet, für die sogar das Genossenschaftsgesetz geändert werden muß, erwartet Pleister in der Praxis keine Nachteile für die Mitglieder. In den Satzungen der Banken werde es einen Passus geben, daß 95 Prozent oder mehr des Geschäftsguthabens nicht ausgezahlt werden können. Tatsächlich sei das Geschäftsguthaben in den Banken stabil. Pleister sieht auch künftig keine Gefahr, daß eine Volks- oder Raiffeisenbank sich nicht aus ihrer Region heraus finanzieren kann.

Insgesamt hat die genossenschaftliche Bankengruppe nach mehreren wirtschaftlich schlechten Jahren 2003 nach Ansicht von Pleister ein Normaljahr erlebt. Erstmals legte er eine konsolidierte Bilanz für die gesamte Gruppe aus Sicht der Volks- und Raffeisenbanken vor, denen DZ und WGZ sowie die Partner im Finanzverbund wie die Bausparkasse Schwäbisch Hall oder die Fondsgesellschaft Union Investment im wesentlichen gehören. Damit wolle er erreichen, daß die dezentral aufgestellte Bankengruppe zwar nicht als Konzern, aber als enge wirtschaftliche Einheit wahrgenommen werde. Gespräche über ein "Verbundrating" würden mit den Ratingagenturen geführt, sagte Pleister, ohne einen Zeitplan für ein Ergebnis zu nennen.

Nach den konsolidierten Zahlen hat der Verbund eine Bilanzsumme von 811 Milliarden Euro und ein Eigenkapital von 29 Milliarden Euro. Die Eigenkapitalrendite vor Steuern betrug im Jahr 2003 12,6 Prozent (Vorjahr: 4,5). Die Quote der Kosten zu den Erträgen verringerte sich von 68,3 auf 70,3 Prozent. Pleister kommentierte diese Ertrags- und Effizienzkennziffern mit den Worten: "Unsere Flasche wird voller." (ham.)



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2004, Nr. 137 / Seite 15

 
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