Alessandro Profumo

Der ehrgeizige Stratege

Von Tobias Piller

31. Mai 2005 Daß der 48 Jahre alte Bankenchef Alessandro Profumo bei einer neuen europäischen Runde von grenzüberschreitenden Fusionen und Übernahmen in einer Hauptrolle mitmischen will, ist nie ein Geheimnis gewesen. Der Blick auf sein Alter zeigt aber auch, daß sich Profumo nicht unter Zeitdruck sieht. Er wäre auch kaum zu überzeugen von einer Übernahme, die nur die geographische Ausdehnung seiner Bank auf der europäischen Landkarte vergrößert, zugleich aber unüberschaubare Risiken für die künftigen Erträge bedeutet. Denn Profumo ist in Genua geboren, der Stadt, über deren Einwohner alle anderen Italiener witzeln, sie seien genauso geizig wie in Großbritannien die Schotten.

Vom eindimensionalen genuesischen Pfennigfuchser und Sparmeister ist Profumo dennoch weit entfernt. Denn ihm kann man nicht nur zugute halten, daß er den kleinen Credito Italiano zu einer Großbank gemacht hat oder eine buntgescheckte Gruppe von sieben übernommenen oder fusionierten Instituten von Grund auf umgekrempelt hat. Er war auch derjenige, der eine Vision für seine Bank entwickelte, als seine Kollegen anderswo noch mit dem Klein-Klein der Tagesarbeit und politischen Manövern beschäftigt waren.

Lohn für forsche Pläne

1994 war Profumo als Chef der strategischen Unternehmensplanung zur gerade privatisierten Mailänder Bank Credito Italiano gestoßen, hatte eine Eigenkapitalrendite von 1,35 Prozent errechnet und in seinem Entwicklungsplan forsch die Zielmarke von 11 Prozent ausgegeben. Sein Plan sei damals von vielen als "verrückt" bezeichnet worden, sagte Profumo später. Seine Aktionäre lohnten die Vision jedoch bald mit der Ernennung zum Chief Executive. Profumo revanchierte sich, indem er die Zielmarke schnell überwand und Eigenkapitalrenditen von bis zu 20,8 Prozent erreichte.

Während in früheren Jahrzehnten Credito Italiano traditionell die kleinere der beiden traditionsreichen staatlichen Banken in Mailand darstellte, hat sich in den vergangenen zehn Jahren die Lage gewandelt: Der frühere ewige Konkurrent "Banca Commerciale Italiana" ist wegen des Zauderns und der Phantasielosigkeit seiner Spitzenmanager untergegangen, geschluckt von Banca Intesa, hinter der das früher viel kleinere Institut Banco Ambrosiano Veneto steckt und die lombardische Sparkasse Cariplo. Credito Italiano und Profumo blieben dagegen Akteure in der großen italienischen Fusionsrunde und machten ihr Institut mit einer langen Reihe von großen Regionalsparkassen zu einer der drei wichtigsten italienischen Banken, vor allem aber zu dem Institut mit der höchsten Börsenkapitalisierung, derzeit rund 25 Milliarden Euro.

Hegt und pflegt Stimmung der Mitarbeiter

Trotz seiner genuesischen Herkunft und trotz wiederholter Versprechungen von Personalabbau wäre es andererseits Profumo schwer zuzutrauen, daß er in der Öffentlichkeit einen Fehltritt beginge wie ein deutscher Amtskollege, der gleichzeitig mit einem Rekordgewinn große Entlassungen ankündigte. Den Gedanken folgend, die Profumo immer wieder bei Kongressen und Präsentationen seiner Bank erklärt, finden sich in der Frankfurter oder Londoner Methode gleich zwei Fehler: Zum einen würde Profumo vermeiden, seine Bank zum Buhmann auf dem heimischen Markt zu machen. Zum anderen hegt und pflegt Profumo immer die Stimmung bei seinen Mitarbeitern. Denn schließlich müßten die mit Motivation und Eigenverantwortung den Gewinn ihrer Bank erwirtschaften.

Nur diese Motivation hat es Profumo auch ermöglicht, ohne großen internen Krach aus einer Gruppe mit sieben eigenständigen Banken einen nach Segmenten aufgeteilten einheitlichen Konzern zu formen. An die Stelle alter Anhänglichkeiten zur früheren Sparkasse ist nun bei vielen Mitarbeitern das Gefühl getreten, zu den Branchenbesten in Italien zu gehören. Diese Stimmung will sich Profumo nicht leichtfertig kaputtmachen, indem er sich eine krisengeschüttelte deutsche Bank zu falschen Konditionen auflädt.



Text: F.A.Z., 31.05.2005, Nr. 123 / Seite 15
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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