26. Mai 2008 Manchmal sehen junge Gebäude sehr alt aus. Das Literaturhaus am nördlichen Mainufer etwa. Vor nicht ganz drei Jahren fertiggestellt, tritt der Bau im klassizistischen Gewand auf: mit weißer Fassade und einem Portikus, dessen von sechs korinthischen Säulen getragener Giebel goldene Lettern zieren. Das Haus an der Schönen Aussicht ist ein Solitär: Umtost vom Straßenverkehr, steht es unter Nachbarn, die ebenfalls erst nach dem Krieg entstanden sind, sich aber allesamt als Kinder ihrer Zeit präsentieren.
Vielleicht macht gerade das einen Teil des Reizes aus, sagt der Architekt Christoph Mäckler. Er hat den Bau getreu dem äußeren Erscheinungsbild der Alten Stadtbibliothek rekonstruiert, die einst an dieser Stelle stand und von der nur noch der Portikus erhalten war.
Nach dem Krieg lag Frankfurt in Trümmern
1825 nach Plänen des Baumeisters Johann Friedrich Christian Hess entstanden, krönte das Gebäude den Mainprospekt am nördlichen Ufer, der berühmt war für seine klassizistischen Fassaden. Doch dann begann Deutschland den Zweiten Weltkrieg, und als er vorüber war, lagen die Häuser der Uferzeile samt Stadtbibliothek ebenso in Trümmern wie die 800 Fachwerkbauten der Altstadt.
Der Stadt am Main ist nicht viel von ihrem Erscheinungsbild aus der Vorkriegszeit geblieben. Und ein Teil dessen, was alt aussieht, wie Alte Oper, Goethehaus, Literaturhaus und die Fachwerk-Ostzeile des Römerbergs, sind Nachbauten. Frankfurt hat sich in weiten Teilen neu erfunden und dabei Irrungen und Wirrungen der Nachkriegsmoderne mitgemacht. Entschlossen wie keine andere deutsche Metropole, ist die Stadt indes in die Höhe gestrebt und hat ihren Ruf als Hochhausstandort begründet.
Hochhäuser sind aus der Ferne schön
Ein kuscheliges Gefühl stellt sich freilich in der Stadt der Türme nicht so leicht ein. Die Silhouette mag imposant sein, die eigenwillige Schönheit des Hochhausrudels mag aus der Ferne begeistern, am Fuße des Wolkenkratzers aber empfindet es manch einer zuweilen als recht zugig. Und die verlorene Mitte haben die Hochhäuser nicht ersetzen können.
Mehr Atmosphäre soll also her: Der Wunsch ist keineswegs neu, doch seit gut zwei Jahren wird die Diskussion um eine Verschönerung des Innenstadtbildes unter Frankfurter Bürgern mit einer Vehemenz geführt wie lange nicht mehr. Am Main haben sich Bürgergruppen und Politiker darauf kapriziert, Teile der Altstadt neu zu erschaffen. In einem planerischen Kraftakt will man herstellen, was zuvor über Jahrhunderte gewachsen war, und Fachwerkbauten rekonstruieren, die auf dem Dom-Römer-Areal standen.
Leidenschaftliche Debatte
Leidenschaftlich wie selten nehmen Frankfurter an Debatten um die künftige Gestaltung dieses Ortes teil. Dass über die zukünftige Schönheit der Stadt an anderen Stellen wie dem alten Uni-Campus oder dem neuen Europaviertel womöglich weitaus gravierender entschieden wird, interessiert wenig. Kontinuierlich ist die Aufgeschlossenheit gegenüber der verschütteten Stadtgeschichte gewachsen, sagte der Frankfurter Planungsamtsleiter Dieter von Lüpke während eines Stadtrundgangs, zu dem das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz eingeladen hatte. Und Politik wie Verwaltung haben mit einem gewissen Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass es anders als bei anderen städtebaulichen Fragen diesmal nicht um Privatinteressen geht.
Mit seinem Wunsch, Zerstörtes nachzubauen, steht Frankfurt keineswegs allein. Die besondere Begeisterung für die Rekonstruktion ist auch in Berlin, Braunschweig, Dresden und Hannover zu beobachten. Das ist schon eine eigenartige Konjunktur, die historische Fassaden erleben, urteilt Walter Prigge vom Bauhaus Dessau. Das Alte ist gut, weil es alt ist - und vor allem nicht modern. Die Moderne habe viel versprochen - und eine Menge ungelöster Probleme zurückgelassen, räumt der Soziologe ein. Vor allem die Nachkriegszeit hat mit damals schon umstrittenen Visionen etwa von der autogerechten Stadt und ihren Beton-brut-Exzessen zur Unwirtlichkeit der Städte beigetragen.
Kopien sollen Vermurkstes reparieren
Dahinter will man nun zum Teil wieder zurück. Kopien von Vorgängerbauten sollen Zerstörtes und im Wiederaufbau Vermurkstes reparieren. Diese Hinwendung zum Historischen deutet Prigge als Kompensation für die globalen Zumutungen. Galt in der Moderne die Zukunft noch als sicher, herrsche zunehmend Orientierungslosigkeit. Die Welt als Dorf ist vielen zu groß. Und vielleicht muss man Hamburger sein, um die Herausforderung entschlossen anzunehmen. Dort jedenfalls lassen sich die Bürger mit der Elbphilharmonie von Herzog und de Meuron ein betörend schönes wie visionäres neues Wahrzeichen bauen.
Das Historische bietet vielen einfach eine größere Identifikationsmöglichkeit, urteilt auch Martina Löw, Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Statt Neues zu wagen, besinne man sich da auf alte architektonische Vorbilder, oft sehr willkürlich. Im 21. Jahrhundert ganze Straßenzüge einer längst vergangenen Epoche wiederaufleben lassen zu wollen - für Prigge hat das etwas von einem Kostümverleih. Eine in die Zukunft weisende Antwort ist das nicht.
Doch folgt man ihm, dann geht es ohnehin vor allem um Beruhigung, um das Glätten von Brüchen im Stadtbild, um die Oberfläche. Der Stadt Braunschweig etwa genügte, um ihr Selbstbewusstsein fürs Erste zu heben, eine Teilrekonstruktion ihres zerstörten Schlosses, hinter dessen Fassade nach wenigen Schritten ein gewaltiges Einkaufszentrum beginnt. Dass die Form der Funktion folgt, ist ein Credo von gestern.
Das Technische Rathaus in Frankfurt kommt weg
Auch in der Frankfurter Debatte geht es vor allem um die Optik. Die Qualität von Straßen und Plätzen habe keine Rolle gespielt, berichtet Planungsamtsleiter von Lüpke. Vorzeigbar soll das zukünftige Viertel werden, auf dem zur Zeit noch das vielgeschmähte Technische Rathaus steht. Der Abriss des Anfang der siebziger Jahre erbauten Verwaltungsgebäudes ist beschlossen.
Wo sich der Waschbetonberg erhebt, will man baulich wieder anknüpfen an das, was die Stadt bis zum Zweiten Weltkrieg geboten hat. Jedenfalls hat sich jener Teil der Bürger, die sich für die Altstadt einsetzen, bei den Politikern Gehör verschafft. Und bisher, sagt von Lüpke, habe es noch keinen Entscheidungsträger schrecken können, dass das Vorhaben leicht 100 Millionen Euro verschlingen wird, wenn nicht mehr.
Noch stehen juristische Hindernisse im Weg
Im Hintergrund steht zudem die Frage, was eine Stadt des 21. Jahrhunderts mit Neubauten, die dem Spätmittelalter nachempfunden sind, eigentlich anfangen soll, wie sie die kleinen, unzeitgemäßen Grundrisse bespielen will. Von all dem abgesehen, gibt es juristische Schwierigkeiten, was die Grundstücksvergabe anbelangt.
Die Rekonstruktions-Befürworter hoffen, dass die Stadt wenigstens sieben Häuser nach historischem Vorbild entlang des einstigen Kaiser-Krönungswegs zwischen Römer und Dom baut. Sie sehnen sich nach einem Ort der Besinnung und der Geschichte wie es Günter Possmann, Vorsitzender der Freunde Frankfurts, einmal formulierte. Die Fachwerkbauten will man nicht gegen die Skyline ausspielen. Doch hegt man die Hoffnung, die Seele der Stadt wiederherzustellen. Die Kritiker indes fürchten eine museale Fassade, die einzig touristischen Wert hat. Was wir nicht brauchen, ist einen weiteren Hessenpark, mahnt Architekt Mäckler.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z./Wonge Bergmann, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, ZB