02. Oktober 2008 Bizarr! Um dieses Wort kommt Bürgermeister Gerhard Maxeiner nicht herum. Das Diezer Stadtoberhaupt sitzt in seinem Dienstzimmer im Rathaus. Vom Schreibtisch aus blickt er auf das mittelalterliche Grafenschloss in der Altstadt, während er über jene Residenz spricht, die ein Unternehmer auf einem Hügel im Süden der Stadt errichten will.
Geplant ist ein Prachtbau von stattlichen Ausmaßen: etwa 100 Meter lang, 26 Meter tief und 23 Meter hoch. Es wird ein Neubau aus Stahlbeton. Die nach Maß und von Hand gefertigte Sandsteinfassade passt zum derzeit weitverbreiteten Faible für den Historismus: ein bisschen Renaissance, sehr viel Barock.
Rund 7000 Quadratmeter sollen Raum für Wohnungen, Büros und kulturelle Veranstaltungen bieten. Eine große öffentliche Parkanlage ist geplant. Die Kosten, die der private Bauherr Marcus Frey veranschlagt: zirka 20 Millionen Euro. Ja, doch, die Sache ist schon bizarr, räumt der Stadtbürgermeister ein.
Der Bürgermeister ist wohlwollend
Aber weil ungewöhnlich nicht automatisch unsinnig ist, betrachtet Maxeiner das Vorhaben mit Wohlwollen. Einerseits liege so ein Schlossbau durchaus im Trend. Dass die Rekonstruktion zerstörter Herrschersitze in Großstädten wie Berlin, Braunschweig und Hannover ein großes Thema ist, weiß man auch im rheinland-pfälzischen Diez. Andererseits hat das Städtchen mit dem Grafenschloss und Schloss Oranienstein schon zwei Schmuckstücke aufzuweisen. Mit dem neuen Schloss kommt noch ein Highlight hinzu. So sieht es der Bürgermeister.
Noch existiert der Bau nicht. Doch das Hinweisschild an der Bundesstraße zwischen Limburg und Diez verspricht, was bis Ende 2009 werden soll: Neues Schloss Diez. Oben auf der Höhe bewegen Bagger Erdmengen. Bisher steht auf dem 70.000 Quadratmeter großen Land nur ein Holzturm, der als Vorposten dient. Er soll Besuchern einen Eindruck vermitteln, wie das Anwesen im Innern aussehen könnte.
Derweil formieren 62 Kaiserlinden schon mal eine Allee entlang der Auffahrt zur künftigen Residenz. Viele halten das für verrückt, räumt Bürgermeister Maxeiner ein. Dass der zukünftige Schlossherr die Bäume einzeln per Tieflader anliefern ließ, habe in der Stadt für Furore gesorgt. Es gibt durchaus kritische Stimmen, sagt der Rathauschef.
Der Bauherr lässt keine Zweifel zu
Skepsis ficht Bauherr Frey nicht an. Noch Schüler, hat er in den achtziger Jahren ein Softwareunternehmen gegründet. Schon damals hat er sich auf kaufmännische Anwendungen konzentriert und wohl deshalb den Aufstieg und Fall der New Economy wirtschaftlich überlebt. Frey lässt sich von Bedenken und Vorbehalten anderer nicht bremsen. Ich will etwas Besonderes schaffen, sagt er.
Und weil der 42 Jahre alte Geschäftsführer der Open Data AG in Frankfurt weder ein Dichter wie Goethe noch ein Künstler wie Beuys und auch kein Rennfahrer wie Schumacher ist, kam er auf die Idee mit dem Schloss. Dass Geldadel sich gerne eine Residenz zulegt, ist nichts Neues. Frey allerdings träumt nicht von einer alten Burg oder einem Schlösschen, hinter dessen hohen Mauern er sich mit seiner Frau und den drei Kindern zurückzieht. Er will selbst entwerfen, planen und bauen - für sich, für andere, weithin sichtbar.
Eigenwilliges Projekt
Das wird eine echte Landmarke, urteilt Maria Wenzel vom rheinland-pfälzischen Landesamt für Denkmalpflege. Das Ganze ist schon sehr eigenwillig. Das sagt sie als Kunsthistorikerin - nicht als Denkmalpflegerin, und sie sagt es mit Vorsicht. Schließlich ist die Behörde in Mainz für den Neubau nicht zuständig.
Frey hat den Rat der Fachleute nicht eingeholt, sondern sich selbst sein Urteil gebildet. Er ist herumgereist, nach Budapest, Würzburg und anderswohin, um Schlossbauten zu studieren. Spricht man mit ihm, hat er jedes Detail im Kopf: die Maße der Fenster, das Material, die Kosten. Ein Planungsteam setzt seine Vorstellungen lediglich um. Alles ist von mir, stellt er klar.
Die Denkmalschützerin kann ihr Bedauern dann doch nicht verhehlen, dass Frey sein Traumschloss für viele Millionen Euro plant, während im nahen Balduinstein Schloss Schaumburg in jammervollem Zustand dringend einen Investor brauchte. Wir hören immer, dass Denkmalschutz und Wirtschaftlichkeit einander ausschließen, aber wirtschaftlich ist so ein Neubau auch nicht, klagt sie.
Unternehmen und Wohnraum unter einem Dach
Man habe Frey auf Schloss Schaumburg hingewiesen, sagt Bürgermeister Maxeiner. Aber er will etwas Eigenes schaffen. Das Konzept des Bauherrn sieht vor, dass zirka 30 Prozent des Schlosses als Wohnraum zur Verfügung stehen, 70 Prozent Büromieter finden. Als Zielgruppe nennt er alle Unternehmen in der Region Montabaur, Gießen und Limburg, die mit mindestens 20 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 2 Millionen Euro und mehr erzielen. Unternehmen dieser Größenordnung brauchen nach Freys Kalkulation Räumlichkeiten von 280 bis 300 Quadratmetern. Der Mietpreis je Quadratmeter soll bei 15 Euro liegen.
Viel los ist hier nicht, berichtet der Stadtbürgermeister auf die Frage nach der wirtschaftlichen Lage. So ein repräsentatives Gebäude zieht Firmen an, gibt sich der Bauherr zuversichtlich. Anfang Oktober will er auf der großen Immobilienmesse Exporeal in München für sein Projekt werben.
Optimistisch ist er auch, was die Finanzierung anbelangt. Eigentlich ist bei Bauprojekten ein Eigenkapitalanteil von um die 25 Prozent Voraussetzung. Frey rechnet jedoch damit, dass die Banken ihm zu 100 Prozent das nötige Kapital zur Verfügung stellen werden. Wenn nicht, müsse er Eigenkapital reinstecken.
Den Bürgermeister hat der Bauherr überzeugt
Mich hat Herr Frey überzeugt. Das Stadtoberhaupt erinnert sich noch gut an die erste Begegnung mit dem Investor. Sie trafen sich zur Baulandbesichtigung. Regen strömte vom Himmel. Maxeiner, in Gummistiefeln und Pelerine, riet Frey dringend davon ab, mit dessem schwarzen Porsche über den schlammigen Acker zu fahren.
Doch der Unternehmer habe nur die Achseln gezuckt und gesagt, er werde schon ankommen. Und wie Frey dann oben auf der Höhe gestanden habe, im durchnässten Nadelstreifenanzug, aufgeweichten Slippers und voller Begeisterung - das habe ihn beeindruckt, erzählt der Diezer.
Auch die Mehrheit des Stadtrats hat Frey für sein Vorhaben gewonnen. Für den Grund, den er den Landwirten abgekauft hat, lag bereits ein Bebauungsplan vor. Eigentlich war hier ein reines Wohngebiet vorgesehen. Doch uns holen die demographische Entwicklung und die Unlust am Eigenheimbau ein, gesteht Maxeiner. Seit zehn Jahren stagniert die Einwohnerzahl in Diez bei 11.000 Personen.
Die Stadt hat noch große Pläne
Die Zeiten, in denen wir Listen mit Baulandinteressenten führten, sind vorbei, sagt der Bürgermeister und erzählt von einer Reihe von Baumaßnahmen, mit denen die Kleinstadt städtebaulich auf der Höhe der Zeit sein will: Es gibt einen Beleuchtungs-Masterplan, um sich auch des Nachts ins rechte Licht zu rücken. Außerdem soll das Stadtzentrum vom Schwerverkehr befreit werden, ein Bachlauf künftig die Wilhelmstraße in der Innenstadt säumen und das Flussufer wieder zugänglich sein. Wir bauen die ganze Stadt um, berichtet Maxeiner - und das neue Schloss passt ihm ganz gut ins Konzept.
Seit das Vorhaben publik ist, verzeichnen die Diezer Anfragen, ob am Sonnenhang, wie die Kommune das Baugebiet rund ums Schloss genannt hat, auch große Grundstücke von 1000 Quadratmetern und mehr zu haben seien. Das Ganze kann sich für die Stadt lohnen, hofft Maxeiner. Zur Sicherheit aber muss Bauherr Frey einen mehrstelligen Millionenbetrag hinterlegen. Denn auf einer Investitionsruine wollen die Diezer am Ende nicht sitzen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Birgit Ochs, Neues-Schloss-Diez, Public Domain
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