Urbanistik

Das Geheimnis einer Stadt

Von Christiane Harriehausen

Trotz der Zerstörungen aus dem II. Weltkrieg lässt sich die Geschichte Münchens im Stadtbild nachlesen

Trotz der Zerstörungen aus dem II. Weltkrieg lässt sich die Geschichte Münchens im Stadtbild nachlesen

06. Januar 2009 Stadtgeschichte hatte lange Zeit den Ruf, langweilig und farblos zu sein: Nüchterne Fakten statt spannender Geschichten. Doch seit ein paar Jahren werden unterhaltsamere Wege beschritten, um nicht nur die Touristen, sondern auch die eigenen Bewohner für die Historie ihrer Stadt zu begeistern. Das Verborgene und Geheimnisvolle zu ergründen ist dabei ein wesentlicher Ansatzpunkt. Denn Städte bestehen nicht nur aus sichtbaren Gebäuden und Straßen. Sie sind Schauplätze von Geschichten, die längst Vergangenes für den heutigen Bewohner wieder lebendig werden lassen und ihn dadurch zu den Wurzeln seines Lebensumfeldes zurückführen können.

Doch man sieht nur, was man weiß. Das gilt auch für die zum Teil fast versteckt gelegenen oder nur noch als Mauerreste zu erkennenden Künstlerwohnungen in Schwabing. Allem Kitsch, Kommerz und Yuppiewahn zum Trotz sind die gebauten Spuren des „alten Schwabing“ noch immer sichtbar, zumindest für den, der sich auf die Suche macht und die Mühe nicht scheut, in und an Gebäuden zu lesen.

Kleine Stadtgeschichte: In der Poschinger Straße in München hatte Thomas Mann gewohnt - 2005 wurde die Villa rekonstruiert

Kleine Stadtgeschichte: In der Poschinger Straße in München hatte Thomas Mann gewohnt - 2005 wurde die Villa rekonstruiert

Seit 1988 sammelt der Autor und Literaturwissenschaftler Dirk Heißerer die Mosaiksteine des Schwabinger Künstlerlebens. Das fällt nicht immer leicht, denn 70 Prozent des Gebäudebestandes sind den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer gefallen. Und der Stadtteil hat sich entwickelt, sein Gesicht immer wieder dem Zeitgeist angepasst. Dennoch ist es in Schwabing gelungen, gebaute Erinnerungen nicht wie in vielen anderen Städten einfach wegzuwischen, sondern zumindest teilweise zu bewahren und zu pflegen.

Nicht einfach ein anderer Stadtspaziergang

Auch Heißerer leistet hierzu einen Beitrag. Denn es geht ihm um mehr als eine Zeitreise oder einen etwas anderen Stadtspaziergang. „Man kann diesen Ort lesen“, sagt er. Und tatsächlich verändert sich die Perspektive des Betrachters, wenn er mit den Geschichten, die Heißerer in den vergangenen Jahren zusammengetragen hat, durch Schwabings Straßen geht. „Es ist eine Art umgekehrter Bildungsreise, bei der man seine eigene Umgebung neu kennenlernt“, beschreibt er seinen Ansatz. Und das erworbene „Bildungskapital“ ist gut angelegt, wenn man es einfach weitergibt. Denn die unsichtbaren Fäden, die dadurch entstehen, schaffen eine ganz eigene Bindung zu den Straßen und Plätzen dieses Stadtteils.

Am Wedekindplatz ist die Vergangenheit fast greifbar gegenwärtig. Gern bleibt Heißerer an diesem zentralen ehemaligen Marktplatz des alten Ortes Schwabing einen Augenblick stehen. Er deutet auf einen kleinen Laden, der hinter einem grünen Rollo verborgen liegt und über dem in altmodischen Lettern „Papier- u. Schreibwaren“ steht. „Die alte Dame, der das Geschäft einst gehörte, ist vor zehn Jahren verstorben. Seit ihrem Tod wurde dieses Rollo nie wieder hochgezogen“, berichtet Heißerer. Angehaltene Zeit. Auch das ist ein Stück Schwabing, an dem die Passanten achtlos vorübereilen, um sich in einem der Fastfood-Lokale um die Ecke mit Hamburgern und Pommes frites zu versorgen. Wie stark der Stadtteil heute von und mit seinen Kontrasten lebt, wird an kaum einem anderen Ort so deutlich.

Die „Buddenbrooks“ wurden in München fertig

Nur wenige Schritte weiter in Richtung Englischer Garten deutet Heißerer auf ein unspektakuläres Mehrfamilienhaus in der Feilitzschstraße 32. Im Balkongitter ist die Jahreszahl 1897 zu lesen. Ein Gebäude wie viele andere in München und doch auch wieder nicht. Denn eine dezent angebrachte Glastafel an der Hauswand verrät, hier hat Thomas Mann in einer Wohnung im dritten Stock seinen weltberühmten Roman „Die Buddenbrooks“ vollendet.

Wie es in dieser Wohnung ausgesehen haben mag, beschreibt der mit Thomas Mann befreundete Schriftsteller Arthur Holitscher: „Ich kam öfter zu ihm und wir musizierten. Er hatte sich eine kleine Wohnung in einem halbfertigen Haus draußen in Schwabing eingerichtet. Ein Pianino stand in dem Arbeitszimmer, auf dem Schreibtisch war ein mit dünnem Kranz geschmücktes Porträt Tolstojs zu sehen, große, mit präziser Schrift bedeckte Manuskriptblätter lagen, zu beträchtlicher Höhe getürmt, vor dem Bild. Es war das fast vollendete Manuskript der Buddenbrooks.“

Heinrich Mann lebte in der Leopoldstraße

Mit einem letzten Blick, hoch in den dritten Stock, wendet sich Heißerer von diesem Teil der Schwabinger Geschichte ab. Der Weg führt nun vorbei an der Münchener Freiheit und über die Leopoldstraße in das andere, das herrschaftlichere Schwabing mit seinen schmucken Gründerzeithäusern. Verschämt und vor allzu neugierigen Augen geschützt, hängt hier an der kahlen Seitenmauer des Hauses Leopoldstraße 59 eine Gedenktafel für Heinrich Mann. Vierzehn Jahre hat der Schriftsteller an diesem Ort gelebt und gearbeitet. Heute herrscht hier der Straßenlärm, und bald schon strebt Heißerer stadteinwärts und biegt dann rechts ab in die Hohenzollernstraße, die geradezu „aufgeladen ist mit Geschichten“.

Doch heute ist Heißeres Ziel die Ainmillerstraße. Der kunstsinnige Flaneur bleibt vor einem schlichten Haus stehen. „Wir befinden uns nun in gewisser Weise an einem Knotenpunkt der Moderne“. Im Umkreis von wenigen Metern lebten hier der Dichter Rainer Maria Rilke im vierten Stock der Ainmillerstraße 36, der Maler Paul Klee im Rückgebäude der Nummer 32, und im Gartenhaus der Nummer 36 der Maler Wassily Kandinsky, einer der wichtigsten Vertreter der Moderne und Mitbegründer der Künstlergruppe Der Blaue Reiter. Heißerer geht durch eine Auffahrt der Ainmillerstraße 32, vorbei an der Schreinerei, die ursprünglich ein Stallgebäude und Anfang des 20. Jahrhunderts Heimat der Schwabinger Schattenspiele war. „Das hier ist wie eine Oase“, sagt Heißerer.

Tatsächlich braucht der Betrachter ein wenig Phantasie oder die Traumbilder einer Fata Morgana, um sich auszumalen, wie es hier einmal ausgesehen haben könnte. Denn von der Wohnung der Familie Klee im zweiten Stock sind nur noch die an der Brandmauer verbliebenen Abdrücke der Wände zu erkennen. „Ich nenne das immer ein Anti-Denkmal“, schmunzelt Heißerer. Vielleicht ist es gerade das Nichtfassbare, Banale und Bruchstückhafte, das diesen Ort real und auf geheimnisvolle Weise lebendig erscheinen lässt.

Rilkes letztes Domizil in Deutschland steht noch

Nur die Wohnung von Rainer Maria Rilke steht noch, die der Dichter am 8. Mai 1918 als Mieter bezog und die sein letztes Domizil in Deutschland sein sollte. „Im politisch-revolutionären Klima, das in München herrschte, wirkte Rilkes Wohnung wie eine schillernde Seifenblase, die über allem Aufruhr schwebte“, beschreibt Claire Studer, spätere Frau des Dichters Ivan Goll und eine Freundin Rilkes, sein Domizil. „Während meines Aufenthalts bei ihm habe ich ihn nie arbeiten gesehen. Stundenlang, an seinem Stehpult oder auf den Knien vor der Bergère, auf der ich lag, las er mir mit volltönender Stimme seine Gedichte vor.“

Rund zehn Jahre früher, ab September 1908, wohnte der Maler Wassily Kandinsky im Gartenhaus der Ainmillerstraße 36, das heute durch einen Neubau ersetzt ist. Wie Fotos und Gemälde zeigen, hatten er und seine Lebensgefährtin, die Malerin Gabriele Münter, die Wohnung üppig mit Volkskunst, eigenen Arbeiten und Bildern nahestehender Freunde ausgestattet.

Kandinsky erinnert sich

Vor allem aber sollte diese Wohnung zum Schauplatz der Entstehung des ersten abstrakten Aquarells und Ölgemäldes werden: „Es war die Stunde der einziehenden Dämmerung. Ich kam mit meinem Malkasten nach einer Studie heim, noch verträumt und in die erledigte Arbeit vertieft, als ich plötzlich ein unbeschreiblich schönes, von einem inneren Glühen durchtränktes Bild sah. Ich stutzte erst, dann ging ich schnell auf dieses rätselhafte Bild zu, auf dem ich nichts als Formen und Farben sah und das inhaltlich unverständlich war. Ich fand sofort den Schlüssel zu dem Rätsel: Es war ein von mir gemaltes Bild, das an die Wand gelehnt auf der Seite stand“, beschreibt Kandinsky selbst dies Erlebnis in seinen Rückblicken.

Das alles ist längst Vergangenheit. Und doch lassen die Geschichten den Spaziergänger mit dem Gefühl zurück, dem Geheimnis dieser Stadt ein wenig näher gekommen zu sein. Ist es das Erstaunen über die Macht der Erinnerung? Oder doch die Gewissheit, dass hier für den Suchenden noch immer die Geister wandern?

Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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