29. August 2008 Neubauten und größere Änderungen von bestehenden Gebäuden werden vom kommenden Jahr an nur noch genehmigt, wenn sie den Anforderungen der neuen Energieeinsparverordnung (EnEv) entsprechen. Für Nichtwohngebäude basiert die Verordnung auf der DIN V 18599, die maßgeblich von dem Bauphysiker Gerd Hauser geprägt worden ist.
Hauser ist Professor an der TU München, geschäftsführender Leiter des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Rationelle Energieverwendung.
Er bezeichnet die neue DIN als das einzige geschlossene System, welches das komplexe energetische Verhalten von Gewerbeimmobilien realitätsnah abbildet. Die DIN V 18599 ist zugleich Grundlage des Deutschen Gütesiegels für nachhaltiges Bauen und wird künftig in die europäischen Normungsaktivitäten eingebunden, wie Hauser mitteilt, der in den achtziger Jahren den Energieausweis entwickelt hat.
Die Politik hat den Energieausweis verhunzt
Mehrere europäische Nachbarländer verfügen über interessante Bewertungssysteme für die Nachhaltigkeit von Gebäuden - aber ohne den Katalog von wissenschaftlich ausgefeilten Kriterien wie die DIN V 18599. Dagegen erfüllt der gesetzlich vorgeschriebene Energieausweis für Gebäude, der von Juli kommenden Jahres an für sämtliche Gebäude in Deutschland gilt, seine Aufgabe nicht. Hauser: Die Politik hat ihn verhunzt.
Jetzt würden auf zahlreichen Ebenen Anstrengungen laufen, den Energiepass zu retten und ihn auf eine solide Basis zu stellen. Den Vorwurf, es werde einem Zertifizierungs-Dschungel in Deutschland Vorschub geleistet, bezeichnet Hauser als absurd: Neben dem gesetzlich vorgeschriebenen Energiepass gebe es vom kommenden Jahr an auf freiwilliger Basis das Deutsche Gütesiegel für nachhaltiges Bauen.
Silber, Gold und Platin in den Vereinigten Staaten
Auf internationaler Ebene sehe es freilich anders aus. Hier gebe es eine Vielzahl von Bewertungsverfahren für Nachhaltigkeit von Gebäuden. Dabei habe sich das amerikanische Leed-System (Leadership in Energy and Environmental Design) mit seinen Silber-, Gold- und Platin-Auszeichnungen in den Vordergrund gespielt. Doch scheine den amerikanischen Leed-Verfassern der mit Wirtschaftsmacht verbundene Export ihres Verfahrens in andere Länder offenbar wichtiger zu sein als die Erfüllung der selbst aufgestellten Nachhaltigkeitsregeln im eigenen Land.
Das jedenfalls schreiben die führenden deutschen Fachleute Karl Gertis, Gerd Hauser, Klaus Sedlbauer und Werner Sobek in einem Fachaufsatz im Heft Bauphysik 20/2008. Mit dem seit 1995 bekannt gewordenen Leed-Verfahren seien bisher auf dem großen amerikanischen Baumarkt lediglich 1500 Gebäude akkreditiert worden, während mit dem britischen BREEAM-System 100.000 Gebäude in England zertifiziert und 700.000 weitere für die Zertifizierung angemeldet worden seien.
Leed-Platin ist fachlich gesehen Blech
Vom fachlichen Inhalt her sei Leed-Platin Blech und entstamme eher dem kommerziellen Verhalten von Verkaufsorganisationen, die ein gesteigertes Kundenverhalten honorieren wollten. Im Sinne der Nachhaltigkeit verdienten nur jene Bauaktivitäten Platin oder seriöserweise Gold, die im gesamten Lebenszyklus des Bauwerks - also bei Erfassung der über 20 bis 30 Jahre Nutzungszeit anfallenden Betriebskosten - möglichst wenig Energie- und Stoff-Flüsse nach sich zögen und viel Natur belassen.
Für manche Architekten aber seien Betriebskosten ein unbekanntes Wesen. Oft würden Glasfassaden vor Gebäude gehängt; und die Klimaanlage müsse später den bauphysikalischen Murks kompensieren. Richtig wäre es, klimagerecht zu bauen und dann bauwerksgerecht zu klimatisieren. Der Nachhaltigkeitstest nach der DIN V 18599 und dem Deutschen Gütesiegel für nachhaltiges Bauen solle nicht nur ein gesundes Klima in den Gebäuden, sondern neben ökologischer auch ökonomische Qualität abbilden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z./Wolfgang Eilmes
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