Oskar A. H. Schmitz und Karl Abraham

Dämonen in der Psychoanalyse

12. Dezember 2007 Im Jahre 1911 erschien ein „Brevier für Weltleute“ aus der Feder des vielseitigen Schriftstellers und Bohemiens Oskar A. H. Schmitz, des Schwagers von Alfred Kubin. In diesen „Essays über Mode, Frauen, Reisen, Lebenskunst, Kunst und Philosophie“ konnte Schmitz sich als Kenner der Männer und der Frauen präsentieren. Und ohne dass der Autor erkennbar psychoanalytisch geprägt wäre, folgt das Buch doch der Idee, dass die Wahrheit eines Menschen in der Wahrheit des Geschlechts beschlossen sei.

Dabei hatte Schmitz, Jahrgang 1873, schon im Dezember 1906, in Begleitung von Stefan Zweig, Freuds Wiener Vortrag „Der Dichter und das Phantasieren“ gehört (Wolfgang Martynkewicz, „Die dunklen Seiten eines Dandys. Der Schriftsteller Oskar A. H. Schmitz in der Analyse bei Karl Abraham“, in: Jahrbuch der Psychoanalyse Bd. 55. Frommann-Holzboog, Stuttgart 2007). Nach dem Vortrag suchten Schmitz und Zweig gemeinsam ein Bordell auf. Halbwelt und obere Gesellschaftsschichten waren die Sphären des „Doppellebens“, von dem Schmitz selbst sprach. Martynkewicz erwähnt das Tempo und die „Flüchtigkeit“ seiner Existenz.

Bordellbesuch mit Stefan Zweig nach Freuds Vortrag

Auf den Rat von Freud begann Schmitz im November 1912 eine psychoanalytische Behandlung bei dem Berliner Karl Abraham. Mit Abraham und Schmitz kann man zunächst glauben, ein Idealpaar von Analytiker und Analysand zu beobachten. Denn Abraham war kunst- und kulturhistorisch ungemein aufgeschlossen, seine Tendenz, in die Behandlung auch Gespräche über Bilder, ja überhaupt über das Sehen und das Licht aufzunehmen, kam Schmitz sicher entgegen. Abraham, der ein Buch über den Maler Segantini und dessen Lichtbehandlung veröffentlicht hatte, glaubte, dass Neurosen sich in spezifischen Pathologien des Sehens ausdrückten. Martynkewicz kann Indizien und Spuren der Analyse auch in den Fallgeschichten Abrahams plausibel machen – so scheint es sich bei dem lichtscheuen „Patienten B.“ um Schmitz zu handeln. Dieser „fiel schon bei der ersten Konsultation dadurch auf, dass er bat, sich so setzen zu dürfen, dass sein Gesicht vom Fenster abgewandt wäre.“

Aus den Tagebüchern von Schmitz, die von ihm teilweise stark bearbeitet wurden, indem er Seiten herausriss, Passagen ausschnitt oder unlesbar machte, lässt sich erkennen, dass „Narzissmus“ und die Beziehung zum intelligenten und erfolgreichen Vater im Mittelpunkt standen. Schmitz scheint zudem in der Übernahme der psychoanalytischen Sprache einen Schlüssel für sein Befinden gefunden zu haben. Allerdings war wohl dies gerade seine größte Täuschung: der Glaube, durch Imitation der analytischen Terminologie geheilt zu werden. So erklärt sich etwa eine Tagebuchnotiz vom Oktober 1913 mit der „stillen Hoffnung durch d. Medium des Weibes zu einer befriedigenden Objektbesetzung zu kommen.“

Erlösung mit Freud, dann von ihm

Schmitz driftete, nach der wankelmütigen Art der Bohème, durch die tiefenpsychologischen Lehren und Techniken. Das eigentliche Leiden – die Einsicht in das brüchige Metall seiner Persönlichkeit – war ja kaum zu heilen, und so folgte eine Therapie-Odyssee. An Kubin meldete er im Mai 1915, zugleich mit dem Geschenk eines Exemplars von Alfred Adlers „Vom nervösen Menschen“, dieses Buch erlöse „wiederum von Freud und gibt erst den letzten Schlüssel . . . Ich für meine Person habe dadurch erfahren, dass der Urgrund meiner Hemmungen nichts anderes als meine Kurzsichtigkeit ist, mit ihren Folgen der Bewegungsungeschicklichkeit, die in meiner Kindheit ein mir wohl erinnerliches Minderwertigkeitsgefühl hervorrief.“

Nach dem Krieg veröffentlichte er eine durchaus gehaltvolle Studie zum „Geist der Astrologie“ (1922), die Martynkewicz etwas zu eilfertig als „Flucht in den Irrationalismus und Mystizismus“ darstellt. Im Jahr darauf folgte „Psychoanalyse und Yoga“, 1929 ein Buch über die „Psychologie der Geschlechtscharaktere“. Indes war die Selbsterkenntnis auch damit noch nicht abgeschlossen. Schmitz lernte den Grafen Keyserling kennen, der die Darmstädter „Schule der Weisheit“ begründet hatte. Bald übernahm Schmitz die Organisation der Tagungen und kam in engeren Kontakt mit C. G. Jung, in dessen Werk er nunmehr die „positiven Werte“ fand. 1926 unterzog er sich einer Analyse bei Jung und führte unter Anleitung von Toni Wolff von 1928 bis zu seinem Tod 1931 auch eigene Analysen durch.

Schon früh hatte Schmitz notiert, dass „der Dämon“ ihn überkomme, dass er „vom Dämon getrieben“ sei. Unter dem Titel „Durch das Land der Dämonen“ erschien soeben der dritte Band seiner Tagebücher. Es mag sein, dass gerade für eine so formulierte Selbsteinsicht weder die freudianische noch die adlerianische Psychoanalyse ein rechtes Aufnahmeorgan hatten und ihn deshalb in ihrem szientifischen Geist enttäuschen mussten. Der „Dämon“ blieb hier unbearbeitet – und nur Jung, der seinerseits ein gerüttelt Maß an Dämonie in sich hatte, mochte seinen Patienten verstanden haben. Lorenz Jäger



Text: F.A.Z.

 
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