Von Armin Nassehi

Geht in Ausstellungen, kam bisher mit blauem Auge durch die Finanzkrise: Josef Ackermann (Mi.) lässt sich im Städel von der Deutschen Bank gesammelte Bilder erklären
20. Juni 2009 Die Finanzkrise eine Finanzkrise zu nennen ist eine schamlose Verharmlosung. Es geht nicht mehr darum, dass hier einige Finanzmanager falsche Entscheidungen getroffen haben. Alles sieht freilich aus wie ein Versagen der Eliten, die nun entsprechend zu Kreuze kriechen. All jene, die zu viel Staatstätigkeit über homöopathische Dosen hinaus vor kurzem noch unter Sozialismusverdacht gestellt haben und die Eigenverantwortung von Marktakteuren und die Selbstheilungskräfte des Marktes beschworen haben, rufen nun nach starken allopathischen Dosen: Nur dauerhafte Infusionen aus der Staatskanüle könnten die Wirtschaft noch retten. Notleidende Banken rufen nach dem Staat wie arbeitslos gewordene Arbeitnehmer oder benachteiligte Gruppen, die sich von Staats wegen Kompensation für ihre Lebenslage erwarten. So viel Ironie hatte man dem Weltgeist vor kurzem noch nicht zugetraut.
Aber hätte man eigentlich richtige Entscheidungen treffen können? Es wäre nun billig, zu behaupten, man habe es immer schon gewusst oder wenigstens wissen können - und selbst die Zitation entsprechender Auguren, die die Krise eindeutig und klar vorhergesehen haben, ist naiv. Solche Propheten gefunden zu haben ist ja nur ein Hinweis darauf, was in dieser Gesellschaft alles geredet wird: Es wird so vieles und so Unterschiedliches prognostiziert, dass man post eventum stets und für alles eine richtige Prognose wird finden können.
Warum heißt der Kredit wohl Kredit?
Was also kann man aus der Krise lernen? Dass man es besser hätte wissen können? Dass die Eliten versagt haben? Vielleicht ist diese Krise ja eher ein Hinweis darauf, wie sehr wir uns an die Routinen unserer Praxis gewöhnt haben, so dass es kaum aufgefallen ist, wie fragil jene Normalität zweifelhafter Kreditgeschäfte ist, die nur deshalb funktionieren, weil alle Beteiligten den selbst erzeugten Sicherheiten und Versprechen geglaubt haben. Würde man in anderen Feldern der Gesellschaft mit solcherlei Wetten und Derivaten arbeiten - etwa im politischen Bereich, in der Medizin oder in der Wissenschaft, gar im Militärischen -, man wäre für verrückt erklärt worden. Wie sehr freilich das Geld selbst ein weniger hartes Faktum ist, als die Selbststilisierung der High Potentials es nahelegt, hätte man wissen können - sein Wert hängt nicht nur von realwirtschaftlichen Faktoren ab, sondern von Vertrauen. Warum heißt der Kredit wohl Kredit?
Die Krise ist eine Krise einer vorgestellten Normalität, deren selbsttragende Fragilität nun deutlich geworden ist - und dadurch erst die Bedingungen zerstört, die nötig sind, um die Krise zu meistern. Die Krise dieser Normalität macht deutlich, dass die wirtschaftlichen Selbstbeschreibungen offensichtlich lange ihr Bild von der Realität mit der Realität selbst verwechselt haben, oder genauer: sie konnten nicht sehen, dass das Modell der Welt eben nur ein Modell der Welt ist und nicht sie selbst. Es scheint eine Krise des Blicks, des Sehens, eine ästhetische Krise also zu sein, und das verweist auf die Kunst.
Doppeltes Spiel als Normalfall
Kunst hat es stets mit Verdoppelungen zu tun, in Texten und Bildern und in Tönen und Skulpturen, die stets mehr bedeuten als sie selbst, aber doch jegliches Original dementieren. Wir haben uns daran gewöhnt, dass das Bild einer Frau keine Frau ist und die Erzählung nicht das Erzählte. Wir erkennen in der Kunst, dass das Original unerreichbar ist, und wir würden heute jeglichen Versuch, das zu tun, für naiv halten. Deshalb verweist die Kunst auf totale Kontingenz und darauf, dass alles auch anders sein könnte, aber zugleich würde ein Kunstwerk zerstört, wenn man es für beliebig halten würde und einfach verändern könnte, etwa durch beliebige Hinzufügung oder Weglassen. Die Verdoppelung der Welt in der Kunst spielt mit der Unvermeidlichkeit der Verdoppelung, die man dann für die Welt halten könnte.
Was in der Welt der Kunst irgendwie sichtbar bleiben muss, scheint für andere Welten nicht zu gelten. Doch ist das Verdoppeln kein alleiniges Merkmal der Kunst; an ihr lässt sich das Verdoppeln nur deutlicher beobachten. Verdoppelt nicht auch die Politik die Welt oder die Wissenschaft und die Ökonomie? Auf dem Bildschirm des Politischen taucht nur auf, was irgendwie auf kollektiv bindende Entscheidung zielen kann - so dass sich etwa Sachprobleme in Probleme der Mehrheitsfähigkeit, Durchsetzungsfähigkeit und öffentlichen Legitimität und Legitimation verwandeln.
Das ist wirklich beunruhigend
Auf dem ökonomischen Bildschirm taucht nur auf, was man kaufen, verkaufen, zu Kapital machen oder in Bilanzen ausdrücken kann. Und dass sich wissenschaftlich nur das sehen lässt, was Theorien, Methoden und Messgeräte sichtbar machen, weiß jeder, der jemals eine wissenschaftliche Aussage treffen musste. Diese Verdoppelungen verweisen wie in der Kunst auf selbsttragende Welten - nur sind die Techniken andere, dies unsichtbar zu machen. In der Kunst ist es die Würde des Kunstwerks selbst, das seine Kontingenz verdeckt. In Politik, Ökonomie oder Wissenschaft dagegen steht das Bemühen im Vordergrund, die Verdoppelung unsichtbar zu machen. Politisch macht man das durch Verfahren und reziprok aufeinander bezogene legitime Interessen, in der Wissenschaft durch Schulenbildung und Forschungsroutinen und in der Ökonomie durch Routinen, die unsichtbar machen, dass die Bilanzen nur messen, was in den Parametern vorkommt, nicht aber, was sie verdoppeln.
Wenn man also von außen hört, dass sich eine ganze Branche damit zufriedengegeben hat, unbezahlte Kredite nur danach zu beurteilen, dass sie in Bilanzen als Außenstände, mithin also als Haben erscheinen, so ist das ein Hinweis darauf, wie sehr sich die differenzierten Zentralinstanzen der modernen Gesellschaft in ihren selbsterzeugten Welten eingerichtet haben. Die beunruhigende Botschaft könnte nämlich lauten, dass die nun in der Kritik stehenden Protagonisten gar keine Fehler gemacht haben. Vielleicht haben sie alles richtig gemacht. Und das ist wirklich beunruhigend.
Gefangen in selbsterzeugten Welten
Die gegenwärtige Krise ist also tatsächlich mehr als eine Finanzkrise. Vielleicht ist es eine Krise unseres Blicks, eine ästhetische Krise, ästhetisch in dem Sinne, dass wir das Sehen wieder lernen müssen. Denn das Beunruhigende an der Krise ist ja, dass die Verdoppelung der Welt gerade jenen unsichtbar bleibt, die die Besten auf ihrem Gebiet sind. Das Management in den großen Kredithäusern der Welt kann nicht unisono geirrt haben, und gerade das macht das Fundamentale jener Krise aus, die letztlich die Struktur der modernen Gesellschaft abbildet: in selbsterzeugten Welten zu leben und für wahr zu nehmen, was man darin wahrnehmen kann. Wie fragil all die Derivate sind, mit denen gehandelt wird, wie fragil die Bilanzen waren, die doch nur der absorption of uncertainty dienen, und wie stabil dagegen die wechselseitige Bestätigung, dass es all das wirklich gibt, womit man den ganzen Tag zu tun hat, all das bestätigt auf geradezu ironische Weise all jene epistemologischen Verunsicherungen, die in den Sozialwissenschaften immer deutlicher predigen: dass das als real erfahren wird, was praktisch als real bestätigt wird, und dass sich nur das durchsetzt, was sich darin bewährt. Wir leben in selbsterzeugten Welten, in denen es nicht einmal mehr etwas hilft, alles richtig zu machen.
All das kann man am besten von der Kunst lernen, so könnte dann das sehr traditionelle Argument lauten. Nicht umsonst war es die Kritik der Urteilskraft, in der Immanuel Kant bei der Vermittlung von Natur und Freiheit auf die Kunst stößt, in der das freie Spiel des Erkenntnisvermögens sich wenigstens probeweise den Fesseln der Notwendigkeit entziehen kann; nicht umsonst war die Kunst für Friedrich Schiller jene höchste Erkenntnissphäre, in der sich der Mensch den Daseinsbeschränkungen des Lebens entziehen kann; nicht umsonst sieht Hegel im Argus Panoptes, dem Allesseher, das wesentliche Kunstideal; und nicht umsonst sollte dann Schelling gar die Kunst als Darstellerin des Unendlichen feiern. Diese Sattelzeittheorien begründeten die bürgerliche Erfahrung der Kunst als Entgrenzerin, als Befreierin aus Notwendigkeiten und Zwängen. Die Kunst hatte nicht nur mit dem Erhabenen zu tun - sie war selbst erhaben und begründete das ganz Andere der Welt in der Welt, religionsähnlich, genialisch, schöpferisch, außeralltäglich.
Eine altmodische bürgerliche Tugend
Heute in der Krise von der Kunst zu lernen müsste die Blickrichtung umkehren: Gerade an der Kunst lässt sich die Begrenztheit und Unhintergehbarkeit von Perspektiven erlernen, das Gefangensein in selbsterzeugten Welten, die unvermeidliche Verdoppelung der Welt, ohne Chance hinter die Verdoppelung selbst blicken zu können. Vielleicht vermag eine solche Schulung des Blicks wenigstens eine Ahnung davon zu verleihen.
Vielleicht sollte man dem Führungsnachwuchs in den wohlklingenden neuen Studiengängen nicht nur jene skills beibringen, mit denen man sich in den selbsterzeugten Welten so geschmeidig bewegt, dass das Fragile und die Verdoppelung nicht mehr auffällt. Vielleicht sollte man sie nicht sicherer machen, sondern unsicherer. Vielleicht sollte man sie - ganz bürgerlich - stattdessen in Museen und Galerien schicken, in Opernhäuser und Konzertsäle, in Kunstwerkstätten und Bibliotheken. Nicht Künstler sollen sie dort werden, aber sehen, wie sich Dinge dadurch formen, dass sie gemacht werden müssen, und dass nichts notwendig so ist, wie es ist. Nachdem wir uns nun kollektiv so viele Milliarden leisten können und müssen, um aus der Krise zu kommen, sollten wir uns auch diese altmodische, bürgerliche Tugend leisten können und den High Potentials eine ästhetische Schule des Blicks angedeihen lassen - damit man sehen kann, was man nicht sehen kann. Und vielleicht liegt die Stärke dieses Vorschlags zur Rettung der Welt nicht darin, dass er so naiv ist. Naiv sind derzeit viele Vorschläge. Die Stärke liegt vielleicht darin, dass er um seine Naivität weiß.
Armin Nassehi lehrt Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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