Habermas über Dahrendorf

Die Liebe zur Freiheit

Von Jürgen Habermas

Ralf Dahrendorf an seinem 80. Geburtstag

Ralf Dahrendorf an seinem 80. Geburtstag

18. Juni 2009 Ich verspüre an diesem Ort eine ganz ungewohnte patriotische Regung und möchte die hiesigen Kollegen daran erinnern, dass es für Ralf Dahrendorf ein Leben vor dem Leben in London und Oxford gegeben hat - und dass sein Doppelleben in der deutschen Parallelwelt bis heute ein starkes Echo findet. Dahrendorf hat Deutschland als Intellektueller und Zeitdiagnostiker, als wissenschaftlicher Autor und geistesgegenwärtiger Publizist nie verlassen. Erst als aus dem Soziologieprofessor ein Lord wurde, haben wir zur Notiz nehmen müssen, dass er, der ja ohnehin in der übrigen Welt anhaltend präsent ist, in England vielleicht einer Nebenbeschäftigung nachgeht.

Dahrendorf ist auch nicht erst in der angelsächsischen Welt zum Star geworden. Er war es schon bei meiner ersten Begegnung vor vierundfünfzig Jahren. Helmut Schelsky hatte 1955 den soziologischen Nachwuchs nach Hamburg eingeladen. Ich war nur als Journalist zugegen, der für die F.A.Z. über den öffentlichen Auftritt der jungen Garde berichten sollte. Fast alle später bekannt gewordenen Soziologen unserer Generation waren versammelt. In diesem aus der Retrospektive auf die alte Bundesrepublik erlauchten Kreis stellte ein Privatdozent aus Saarbrücken alle anderen in den Schatten. Dieser konstruktive Geist, der lieber mit idealtypischen Stilisierungen Klarheit schafft als mit hermeneutischer Kunst jongliert, fiel durch seine wuchtige Eloquenz ebenso auf wie durch ein kompromissloses, Autorität beanspruchendes Auftreten und die etwas kantige Art des Vortrages. Was Dahrendorf aus diesem Kreis auch heraushob, war das avantgardistische Selbstbewusstsein, mit alten Hüten aufzuräumen.

Ohne ihn kein Positivismusstreit

Der Vorsprung auf der Karriereleiter war imponierend genug. Der damals Sechsundzwanzigjährige war bereits habilitiert, nachdem er zunächst als Philosoph und Altphilologe eine Dissertation über Marx abgeschlossen und anschließend an der London School of Economics im Fach Soziologie den für uns damals exotischen Grad eines PhD erworben hatte; und alsbald wurde er als jüngster Ordinarius nach Tübingen berufen. Was ihm den größten Respekt seiner Altersgenossen sicherte, waren aber sein fachliches Wissen, die Vertrautheit mit der englischsprachigen Diskussion und das Bewusstsein, mit einer konflikttheoretisch zugespitzten Kritik an Talcott Parsons, der damals die internationale Szene beherrschte, an der Forschungsfront zu sein - während uns Hinterbänklern die Lektüre von Parsons selbst noch bevorstand.

Die Stoßrichtung der Kritik war klar. Soziale Konflikte, die letztlich immer in Herrschaftbeziehungen begründet sind, treiben die gesellschaftliche Dynamik an; sie sind etwas Wünschenswertes und müssen nicht gelöst, sondern institutionalisiert und in ziviler Form ausgetragen werden. Den gleichaltrigen Kollegen hat Dahrendorf in den fünfziger und frühen sechziger Jahren das Niveau der wissenschaftlichen Diskussion vorgegeben. Ohne ihn hätte es keine Debatte über die Rollentheorie, ohne seine Initiative hätte es auch keinen Positivismusstreit gegeben. Seine ersten Bücher, „Soziale Klassen und Klassenkonflikte in der industriellen Gesellschaft“ (1957), „Homo Sociologicus“ (1961) und „Gesellschaft und Freiheit“ (1961), sind inzwischen zu Klassikern geworden. Sie entfalten bereits die beiden Thesen, die den hartnäckig verfolgten und originellen Denkweg dieses entschiedenen Liberalen prägen werden.

Der Linksliberale

Die erste These wendet Kant und Max Weber gegen Rousseau, wobei aber Marx die Zielscheibe ist: Soziale Ungleichheiten erklären sich nicht primär aus der ungleichen Verteilung des Eigentums, sondern aus der Notwendigkeit, normgemäßes Sozialverhalten durch Sanktionen zu erzwingen. Sie sind die Nebenfolge einer Herrschaftsstruktur, die jeder Gesellschaft als solcher inhärent ist. Die zweite These richtet sich gegen die klassische Sozialdemokratie und rechtfertigt den Marktverkehr als zentralen Mechanismus der Freiheit: Die rechtliche Gleichheit des staatsbürgerlichen Status muss in erster Linie als Gleichheit der Chancen und nicht als eine der Teilhabe verstanden werden; die Freiheit der privaten Selbstverwirklichung ist im Konfliktfall wichtiger als die Bürde sozialer Ungleichheit. Allerdings wird Durkheim nicht ganz vergessen: Wenn die soziale Welt auf die vielfältigen opportunities zusammenschrumpft, zwischen denen wir mehr oder weniger rational wählen können, reißt das soziale Band.

Mir ging damals der antiutopische Zug eines wie immer auch demokratisch-egalitär verankerten Marktliberalismus gegen den Strich. Aber dann hat mich doch wieder der aufklärerische Impuls des leidenschaftlich engagierten Wissenschaftlers und Volkspädagogen mitgerissen. Der redete seinen Landsleuten ins Gewissen, dass deutsche Fragen meist nationale und soziale Fragen gewesen sind - und nicht die liberalen und demokratischen Fragen der freiheitsliebenden Völker. Der Linksliberale hat auch mit dem ambivalenten Erbe des deutschen Nationalliberalismus aufgeräumt. 1965 erscheint das Werk „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“ - wahrscheinlich der wichtigste mentalitätsbildende Traktat auf dem langen Weg der Bundesrepublik zu sich selbst - zu einer Demokratie, die sich erst im Verlaufe von drei bis vier Jahrzehnten von den Schlacken autoritärer Mentalitäten gelöst hat.

Liebe zur Freiheit

Für Dahrendorf ist Soziologie stets Gesellschaftstheorie; er braucht sein professionelles Wissen als Instrument für Zeitdiagnosen inmitten des beschleunigten Komplexitätswachstums einer ruhelosen Moderne. Die Soziologie hatte die Aufgabe, ihre Zeit in Gedanken zu erfassen, von der Philosophie geerbt. Inzwischen hat freilich die Profession dieses Selbstverständnis der Klassiker weitgehend aufgegeben. Deshalb bedarf das Festhalten an der Orientierungs- und Selbstverständigungsfunktion des Faches einer Erklärung. Dahrendorf betreibt auch das akademische Geschäft als homo politicus. Er lebt, denkt und schreibt aus der Erfahrung einer deutschen Generation, die sich dadurch definiert, dass sie zu der Epochenschwelle von 1945 nicht nicht Stellung nehmen konnte.

Dafür ist sein jüngstes Buch, „Versuchungen der Unfreiheit“ (2006), aufschlussreich. Darin entwickelt Dahrendorf an Beispielen postheroischer Heldenfiguren eine Art politische Tugendethik. Ob die Galerie der ausgewählten Helden durchweg überzeugend, die Liste der Kardinaltugenden dieser unbestechlichen, aber engagierten Beobachter besonders aufregend ist, mag dahinstehen. Interessanter ist die Gestalt, die der Soziologe Dahrendorf seiner Ethik gibt. Er schreibt die Geschichte der gegenläufigen politischen Mentalitäten einer bestimmten, zwischen 1900 und 1910 geborenen Generation, für die Ernst Glaesers berühmter Roman „Jahrgang 1902“ eine Vorlage bietet. Der Held dieses Romans steht für jene „Generation der Unbedingten“, aus der sich während der zwanziger und dreißiger Jahre die entschlossenen und einsatzbereiten Parteigänger der großen politischen Bewegungen rekrutierten. Damit entwirft der Roman das militante Gegenstück zu Dahrendorfs liberalen Ikonen, zu den Arons, Poppers und Berlins, die sich anders als viele ihrer Generationsgenossen aus den totalitären Bewegungen der Linken und der Rechten heraushielten. Die Darstellung lässt an dem Vorbildcharakter dieser Haltung keinen Zweifel. Es ist die Liebe zur Freiheit, die diese Intellektuellen gegen die Versuchungen des totalitären Jahrhunderts immunisiert.

Bedauern über das Unheroische

Auffällig ist ein Umstand, der vielleicht über den Autor selbst mehr verrät als über das, was er seinen Lesern explizit sagen will. In welche Richtung der Jahrgang 1902 auch immer marschiert oder auch nicht marschiert ist, in einer Hinsicht wächst er unter ähnlichen historischen Umständen auf wie der Jahrgang 1929. Die Angehörigen beider Jahrgänge sind zu Beginn des Ersten beziehungsweise des Zweiten Weltkrieges elf bis zwölf und am Ende dieser Kriege fünfzehn bis sechzehn Jahre alt. Es sind nicht die polarisierenden Stellungnahmen zu den zeitgeschichtlichen Ereignissen, es ist der provokative, zur Stellungnahme herausfordernde Charakter der Ereignisse, der die Kohorten dieser Jahrgänge jeweils zu einer Generation zusammenschmiedet. Dahrendorf lässt die eigene, die „unversuchte“ Generation der Begünstigten im Hintergrund. Aber auch ohne ausdrücklichen Vergleich müssen die Parallelen und vor allem die offensichtlichen Unterschiede seinen Blick auf jene frühere Generation von Intellektuellen, die sich bewähren mussten und versagen konnten, bestimmt haben.

Die totalitäre Versuchung ist der nachgeborenen Generation erspart geblieben. Dieser Umstand konnte gewiss dazu verführen, vergangene Konstellationen anstrengungslos nachzuspielen und sich kostenlos mit der moralisch überlegenen Seite zu identifizieren. Aber Dahrendorf selbst ist ein exzeptioneller Fall. Politisch hat er sich schon mit fünfzehn Jahren, als andere noch im privaten Mustopf ihrer Pubertätsprobleme steckten, so weit exponiert, dass ihn die Gestapo verhaftete. Ein Zweifel an nachgeholter Radikalität kann ihn nicht plagen. Wenn dennoch ein Hauch von Bedauern über das Unheroische unserer eigenen Lebenszeit, ja sogar über das winzige Quentchen Quietismus in den Lebensgeschichten seiner bewunderten Erasmusgestalten mitschwingt, kann das seinen Grund allein in dem ungeduldigen Temperament und dem leidenschaftlichen Engagement eines bei aller Rationalität kämpferischen Intellektuellen haben. Würde der je aus vollem Herzen das Land preisen, das keine Helden nötig hat?

Zu Ehren seines ehemaligen Rektors veranstaltet das St. Anthony's College der Universität Oxford ein Kolloquium „On Liberty. The Dahrendorf Questions“, das Jürgen Habermas gestern, am achtzigsten Geburtstag von Ralf Dahrendorf, mit diesem Beitrag eingeleitet hat.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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