Psychosomatische Medizin

Schmerzen - nach Viktor von Weizsäcker

19. November 2007 Schmerzen, so erfährt man auf der von einem Pharmahersteller betriebenen Seite www.schmerz.de, sind „zwar häufig lästig, aber dennoch lebensnotwendig“. In einer Gesellschaft, die ihre Bürger lückenlos absichern und jegliches Risiko ausschalten will, haben Schmerzen etwas Paradoxes. Zwar löst ihre Bedrohlichkeit archaische Ängste aus, gleichwohl gelten sie als ein Residuum des Authentischen.

Mit dieser Frage befasste sich auch die 13. Jahrestagung der Viktor von Weizsäcker-Gesellschaft in Heidelberg. Weizsäcker, der Wissenschaftler, Philosoph und Arzt, sah in der Sprache das primäre therapeutische Instrument und den Dialog als Hauptansatzpunkt der Arzt-Patient-Beziehung. In seinem Aufsatz „Die Schmerzen“ (1926) schrieb er: „So ist das Leiden älter als der Schmerz, an dem wir leiden, der Schmerz älter als das Gefühl des Schmerz-Habens, das Gefühl älter als sein empfindungsartiger Inhalt, wie ihn Psychologie und Physiologie schließlich abstrahiert haben.“

Alltags- und Wissenschaftssprache

Marcus Schiltenwolf, Professor für Orthopädie in Heidelberg, verwies auf die antike Vorstellung von der göttlichen Fähigkeit, Schmerzen zu lindern. Für Platon sei Schmerz eine seelische Erfahrung gewesen, die dem Menschen seine verlorene Ganzheit vor Augen geführt habe. Von diesem Göttlichen wolle der Moderne nichts mehr wissen: Ganz im Sinne der Trennung von Leib und Seele gelte es nun, die körperlichen Ursachen des Schmerzes festzustellen suchen und zu eliminieren. Dessen Transformation in eine äußerliche Bedrohung habe sich, so Schiltenwolf, insbesondere die Pharmazie zunutze gemacht, die den Schmerz ebenso wie den Patienten als Objekt behandle. Rückenprobleme würden fast ausschließlich medikamentös kuriert, ihnen oftmals zugrundeliegende depressive Störungen völlig verkannt.

Für Weizsäcker sei es die Aufgabe gewesen, Schmerzen nicht allein zu beseitigen, sondern auch „Schmerzarbeit“ zu leisten. Mit der sprachlichen Gestalt von Weizsäckers Essay beschäftigte sich der Heidelberger Philosoph und Gadamer-Schüler Reiner Wiehl, der die „Medizinische Anthropologie“ zu anderen philosophischen Anthropologien in Beziehung setzte. Weizsäcker sei es um die Sprache des Schmerzes gegangen. Sein Text lege sich nicht auf eine religiöse, kulturwissenschaftliche, philosophische oder ärztliche Terminologie fest. Stattdessen bediente er sich einer neuen Mischung aus Alltags- und Wissenschaftssprache, aus erzählenden Begriffen und solchen, die grundsätzliche Hypothesen artikulieren. Befragt, welche Sprache die Schmerzen denn nun sprächen, antwortete Wiehl weise: „Die Schmerzen sprechen unendlich viele Sprachen.“

Religiöse Praktiken des Schmerzes

In seinem Vortrag über die „Phänomenologie des Schmerzgedächtnisses“ beschrieb Thomas Fuchs (Heidelberg) den Schmerz als wesentliches principium individuationis – Schmerz stumpfe nicht ab, der Leib entwickle ein Gedächtnis seiner Verletzlichkeit und empfinde den Schmerz als intensivste Form des Selbsterlebnisses. Dass sich Schmerzerinnerungen verselbständigen und zu einem Teil des Selbst werden könnten, auf einen faktis0en Auslöser also gar nicht mehr angewiesen sind, sei sowohl für Patienten als auch für Mediziner schwer akzeptierbar. Und die Nietzschesche Erkenntnis, nur „was nicht aufhört, weh zu tun, bleibt im Gedächtnis“, spiele eine Rolle sowohl beim Initiationsritus, der dem Leib das Gesetz der Gemeinschaft einpräge, als auch bei der Strafe, als Einübung leiblich vermittelter Selbstkontrolle. Dabei wandte sich Fuchs, mit Weizsäcker, gegen die Vorstellung, Schmerz sei nicht mitteilbar. Der Schmerzausdruck habe eine appellative und kommunikative Funktion, die sympathetische Komponente des Schmerzerlebens und -gedächtnisses ermögliche Mitgefühl für fremdes Leiden.

Über „Schmerz in den Religionen“ berichtete Theo Sundermeyer (Heidelberg). Bei den Stammesreligionen seien vier Aspekte erkennbar: der durch Wunden oder Verletzungen ausgelöste natürliche Schmerz, den man wie den Initiationsschmerz ertragen müsse. Desgleichen unerklärliche, krankheitsbedingte und seelische Schmerzen. Letztere würden von Trauer oder einem Diebstahl ausgelöst, und für sie habe der Dieb aufzukommen. Die dabei oft zutage tretende Maßlosigkeit der alten Religionen glaubte Sundermeyer in heutigen amerikanischen Entschädigungsklagen wieder aufleben zu sehen.

Dagegen stehe im Hinduismus die Ablehnung der Welt im Vordergrund, das Leben an sich sei Leid und Schmerz, von dem man sich befreien muss. Die monotheistischen Religionen betrachteten das Leben als Geschenk Gottes, zu dem auch die Schmerzen gehörten. Während der Islam allen Schmerz der Vorsehung zuschreibe und damit akzeptiere, zeige das Alte Testament, dass man Gott auch die Wut über seine Schmerzen entgegenschleudern dürfe – um damit die Sinnlosigkeit des Schmerzes in Sinn zu verwandeln. Das Neue Testament wiederum verspreche eine Überwindung des Schmerzes in der Auferstehung und suche nach einem theologischen Schmerzverständnis. Matthias Weichelt



Text: F.A.Z.

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche