12. Dezember 2007 Als einen kleinen dicken Mann „von der Erscheinung eines Ölgötzen“ hat Gershom Scholem Oskar Goldberg beschrieben, der Dadaist Hans Richter als eine „kahlköpfig-plumpe, aber dämonische Erscheinung“. Auf Goldbergs Lehre, um die sich ein Kreis von Jüngern sammelte, scheint etwas von der Erscheinung des Meisters übergegangen zu sein. Walter Benjamin sprach von den „zwar nicht a priori dummen oder unsauberen, sondern nur (und dies freilich a priori) der Abstumpfung und Verunreinigung ausgesetzten Theoremen des Goldbergkreises“. Der Zauber, der von Oskar Goldberg ausging, scheint ebenso verführerisch wie abstoßend gewesen zu sein. Benjamins Kurzformel dafür lautete: „Zauberjude“. Das Vokabular der Unreinlichkeit, auf das Benjamin zurückgriff, bezeugt die Intensität der Abwehr: „Goldberg – von dem ich zwar wenig weiss, durch dessen unreinliche Aura ich mich aber, so oft ich ihn sehen musste, aufs entschiedenste, bis zur Unmöglichkeit, ihm die Hand zu geben, abgestoßen fühlte.“ Die vielberufenen Quellen waren offenbar verunreinigt.
Chaim Breisacher stellt sich vor
Ähnlich unerfreulich ist auch Thomas Manns Porträt des Dr. Chaim Breisacher im „Doktor Faustus“: ein „Polyhistor, der über alles und jedes zu reden wusste, ein Kulturphilosoph, dessen Gesinnung aber insofern gegen die Kultur gerichtet war, als er in ihrer ganzen Geschichte nichts als einen Verfallsprozess zu sehen vorgab. Die verächtlichste Vokabel in seinem Munde war das Wort ,Fortschritt‘; er hatte eine vernichtende Art, es auszusprechen.“ Züge von Spengler spielen hier herein. Breisacher vertritt den „antipathischen“ Juden, und sein Hass auf den Liberalismus ebenso wie seine Parole „Zurück zum Kult“ sollen, dem Roman zufolge, den völkischen Wahn vorbereitet haben. Noch im Josephsroman hatte Thomas Mann ausgiebige Anleihen bei Goldbergs Hauptwerk „Die Wirklichkeit der Hebräer“ gemacht, und 1937 hatte Goldberg mehrere Beiträge für die Zeitschrift „Maß und Wert“ geliefert. Thomas Mann nannte sie „unverschämt, aber fesselnd“. Seinen Dr. Chaim Breisacher ließ er schließlich 1913/14 in München als düsteren Schwadroneur auftreten, der den Absturz in den Irrationalismus vorausahnen ließ. Im Tagebuch hatte Thomas Mann Oskar Goldbergs Faschisierung schon 1934 vollzogen, brach die Beziehung zu ihm aber erst 1938 ab.
Der Fall Oskar Goldberg wurde zu den Akten gelegt, bis Manfred Voigts mit seinem Buch „Oskar Goldberg. Der mythische Experimentalwissenschaftler – Ein verdrängtes Kapitel jüdischer Geschichte“ (Agora Verlag, Berlin 1992) eine aufregende Spurenlese vorlegte, die vom intellektuellen Milieu des Berliner Frühexpressionismus in die Vereinigten Staaten führt, wo Goldberg ein Experte für Okkultismus und Geisterphotographie wurde. Er starb 1952. Ein Verdienst der Untersuchung von Voigts ist es auch, dass er dem vielfachen Echo nachgegangen ist, das Goldberg bei bedeutenden Zeitgenossen gefunden hat, bei Franz Rosenzweig, Martin Buber, Carl Schmitt, Edgar Dacqué, Karl Wolfskehl, Margarete Susman und Ende der vierziger Jahre bei Jacob Taubes.
Rückkehr zum Ritualismus
Goldbergs Buch „Die Wirklichkeit der Hebräer“ von 1925 war eine von Geheimnis umgebene Programmschrift für die Erneuerung des Judentums durch Rückkehr zum strengen Ritualismus des Pentateuchs, zum „wirklichen Hebräertum“. In der seitherigen Geschichte des Judentums sah Goldberg einen einzigen Abfall vom Gründungsmythos des Gottesvolks. Es galt also nicht, an eine unterbrochene Tradition wieder anzuknüpfen, sondern hinter die gesamte Überlieferung zurückzugehen zu den Anfängen. In der katastrophischen Gegenwart sollte die Welt des Mythos aus dem Nichts wiedererstehen.
Daran lässt sich exemplarisch studieren, wie nach der Aufklärung die religiöse Neustiftung aussehen kann. Das macht Goldbergs Aktualität aus, er ist eine Gestalt im weiten Geflecht von Geheimlehren und moderner Wissenschaft. Der Rückweg zur Religion wird schließlich im Okkultismus enden. Die These vom Verfall der religiösen Tradition, der Sprung zu deren Anfängen und deren Deutung in einer avancierten biologischen und anthropologischen Begriffssprache, dies sollte das Mittel sein, um die pseudoreligiöse Gestimmtheit seiner Zeit an die ältesten Schichten der jüdischen Überlieferung zu binden. Solche Bewegungen sind nur als Sekte, als Bund oder Kreis ähnlich Gestimmter, denkbar.
Moderne und Modernitätsverachtung
Die „Goldbergleute“, wie Benjamin sie nannte, sind wegen ihres Hangs zur Geheimhaltung kaum mehr fassbar. Manfred Voigts ist vielen dieser Spuren nachgegangen. Es hatte am Friedrich-Gymnasium in Berlin-Lichterfelde begonnen, wo es einen literarisch-philosophischen Verein von Untersekundanern gab, in dessen Mittelpunkt unangefochten Oskar Goldberg stand und zu dem auch der spätere Lyriker Jakob van Hoddis gehörte. Die Aktivitäten setzten sich fort in jüdischen Studentenverbindungen, wie der „Freien Wissenschaftlichen Vereinigung“, dem frühesten expressionistischen Dichterbund, und führten schließlich zum legendären „Neuen Club“, der mit Goldbergleuten durchsetzt war, und zum „Mathematischen Verein“, der sich seit 1908/09 „Wenzel-Gruppe“ nannte.
In diesen und ähnlichen Zirkeln sollen schon seit etwa 1903 Goldberg-Theoreme diskutiert worden sein, so dass später der eine oder andere Teilnehmer die Autorschaft an ihnen geltend machen konnte, weil alles so lange zurücklag. In diesen Gruppen herrschten ein radikaler moderner Veränderungswille und Modernitätsverachtung zugleich, Tradition und Revolution waren austauschbar, lyrischer und philosophischer Ausdruck mischten sich. Goldberg selbst scheint sich meist im Hintergrund gehalten zu haben, er ließ seine Sache von seinen Anhängern vertreten.
Der bedeutendste von ihnen war der Philosoph Erich Unger, der zu Goldbergs Abiturklasse am Friedrich-Gymnasium gehört hatte. Als Philosoph war er eine auffallende, selbständige Erscheinung. Benjamin nahm ihn von seiner Aversion gegen die Goldbergleute aus und plante mit ihm die Zeitschrift „Angelus Novus“, das esoterischste seiner Vorhaben. Esoterisch war Ungers Philosophie im Einverständnis mit ihrer Publizität. Das meiste von dem, was in seinen „Nachgelassenen Schriften“ erstmals gedruckt wurde, war durch Vorträge zu beachtlicher Publizität gelangt.
Manifeste einer Avantgarde
Das Eigentümliche dieser Philosophie ist, dass jede Mitteilung angesichts der Radikalität des Programms nur ein blasser Abdruck ihres Gedankens sein konnte, etwas Uneigentliches haben musste. Sie ähnelte darin avantgardistischen Programmschriften, die durch keine künstlerische Realisierung eingeholt werden können. So ist Marinettis „Futuristisches Manifest“ gewiss der reinste Ausdruck, den der Futurismus gefunden hat, ein reiner Vorgriff auf die Zukunft. So auch die Philosophie Ungers, die in allen ihren Äußerungen Manifest einer kommenden Philosophie ist. Darin gehört sie zum Nietzscheanismus nach der Jahrhundertwende. In einem Aufsatz über Nietzsche griff Unger 1911 dessen Lehre auf, dass alle Ergebnisse in der Geschichte des Denkens „Vorwegnahmen von Erkenntnissen einer kommenden Zeit“ seien.
Ungers Hauptwerk „Politik und Metaphysik“ (1921) machte auf Benjamin einen ebenso tiefen Eindruck wie der Vortrag „Philosophie und Politik“ aus demselben Jahr (Erich Unger, Vom Expressionismus zum Mythos des Hebräertums. Schriften 1909 bis 1931, hrsg. von Manfred Voigts, 1992). Voigts weist Ungers Einfluss auf so zentrale Arbeiten Benjamins wie „Zur Kritik der Gewalt“ nach und meint, dass alle Arbeiten Benjamins, die von seiner Idee einer esoterischen Politik Zeugnis geben, Motiven der Philosophie Ungers nahestünden. Auch Benjamins politischer Messianismus, der wie ein Lichtfunke das Katastrophenbewusstsein dieser Generation deutscher Juden erhellt, gehört in diesen Gedankenkreis.
In esoterischen Zirkeln wurde erdacht und experimentell lanciert, was dann in exoterischer Gestalt in die Publikationen der Zeit Eingang fand. Den wenigen Zeugnissen aus jenen Zirkeln kommt deshalb ein unschätzbarer Wert zu. So hat 1910 Erwin Loewenson, ein anderer Mitschüler Ungers und Goldbergs, von diesem berichtet, er gehe davon aus, dass es möglich sei, sich „unbewusst physisch zu autohypnotisieren, dass man alles kann“. Goldbergs Programm religiöser Erneuerung, der Aufruf, die Initiative zur Vollendung der Schöpfung zu ergreifen, unterschied sich von anderen Versuchen, die jüdische Tradition wiederzugewinnen, etwa von Rosenzweig, Buber oder auch Scholem, durch einen deutlichen psychologischen Akzent. Sich einen Zugang zum verschütteten Kern der religiösen Überlieferung von der Psychologie des modernen Menschen her zu eröffnen und den Ritualismus mit ihr aufzuladen und so zu erneuern, das war die Botschaft Goldbergs. Henning Ritter
An Oskar Goldberg lässt sich exemplarisch studieren, wie nach der Aufklärung eine religiöse Neustiftung aussehen kann. Das macht die Aktualität des Kreises aus, der sich um ihn bildete. Goldberg ist eine Schlüsselfigur im Geflecht von Okkultismus und Wissenschaft.
Text: F.A.Z.
