Soziale Netzwerke

Eine Soziologie des Facebook

Von Gerald Wagner

Facebook hilft uns Freunde finden

Facebook hilft uns Freunde finden

16. Oktober 2009 Als in dieser Zeitung kürzlich ein altes Klassenfoto Adornos veröffentlicht wurde, war der spontane Eindruck: Wie auf Facebook! Wäre Adorno im Netz gewesen, Facebook hätte ihn mit diesen aufmerksamkeitsheischenden Kontaktvorschlägen bedrängt: „Hallo, Theodor W., Soundso hat mit dir gemeinsam die Untersekunda des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums in Frankfurt besucht.“ Wer an der Möglichkeit zweifelt, irrt: Schließlich ist der selige Teddie längst „auf Facebook“. Mehr als fünfhundert Eintragungen mit seinem Namen zeigen: Adorno ist gut vernetzt.

Facebook ist zum neuen Leitmedium des Internets geworden. Lernen wir von Facebook entscheidende Verschiebungen im Sozialen, neue Vergesellschaftungsformen, gar auf Kosten der alten? Es ist bemerkenswert, wie wenig Anlass Facebook für solche Annahmen wirklich gibt. Wer schon immer gerne Urlaubsfotos herumgezeigt hat, findet dafür auf Facebook eine großartige Bühne. Wem es noch nie etwas ausgemacht hat, in vielen Dingen nicht besonders gut zu sein, kann das hier noch besser und vor viel mehr Publikum vorführen. Also nicht wirklich fotografieren können, sondern nur ein Handy bedienen; über keine wirkliche Urteilskraft verfügen, sondern nur Fan von allem Möglichen sein; nicht wirklich schreiben zu können, sondern nur bloggen. Für all diese Formen von Laienteilnahme bietet Facebook Nischen. Man kann sich ständig irgendwo zu einer anderen Gruppe dazustellen, ohne dass sich daraus irgendeine Erwartung oder gar Verpflichtung ergäbe. Sollte Facebook, wie es vielerorts behauptet wird, stellvertretend für eine Kultur der „neuen Verknüpfungsformen“ stehen, wäre es eine Verbindung von größter Beliebigkeit mit Folgenlosigkeit.

Die Software als guter Gastgeber

Eklatant wird das am Begriff der Freundschaft. Gerne mokieren sich etwa Spätbeigetretene über Frühberufene, die sich auf Facebook ihrer 250 „Freunde“ rühmen. Wer nun die Kulturkritik anruft, nimmt das viel zu ernst. Es spricht ja nichts für die Besorgnis, dass diese Menschen den Unterschied zwischen echten Freunden im echten Leben und eben einem Facebook-Kontakt verlernt hätten. Auch die Differenz von extrovertierter Stimmungskanone und Mauerblümchen hat von ihrer Erkennbarkeit dort nichts verloren. Neu an Facebook ist vielleicht nur das Zutrauen in eine Software, mir als Nutzer etwas aus meiner Schüchternheit zu helfen, indem sie mich wie ein guter Gastgeber ununterbrochen anderen vorstellt. Aber wen sollte denn die Indienstnahme einer Technologie für die Bereicherung des eigenen Soziallebens noch beschämen, solange es sich nicht gerade um Telefonsex handelt? Die Maxime des Tages heißt schließlich: Vertraue der Schlauheit der Maschinen, bleib aber immer das Gegenteil einer Maschine! Lass dich von Technik beobachten, sei aber einzigartig. Aber wie beobachtet Facebook eigentlich seine Nutzer, wenn die es nicht selbst tun? Woran orientiert sich diese Software, wenn sie zur Überzeugung gelangt, dass zwei ihrer Benutzer sich unbedingt kennenlernen müssen?

Wer frisch dabei ist, ist für Facebook ein unbeschriebenes Blatt. Man sucht also zunächst nach seinen Bekannten, meldet sich bei diesen und investiert in die magische Währung des Netzes, die Freundschaft. Danach kann dann mit diesen Freunden alles getauscht werden, was das digitale Format hergibt. Hat man herumgestöbert und den einen oder anderen Fastvergessenen gefunden, hat man seinen Teil geleistet. Noch sind die Unterschiede von drinnen und draußen eher gering. Das Fenster ist auf, man kann sich jetzt gegenseitig beim Leben zusehen, also bei dem, was man davon preisgibt.

Endloses Schaulaufen

Erst jetzt kommt der genuine Beitrag von Facebook: Es beginnt das endlose Schaulaufen der von Facebook generierten Freundschaftsvorschläge: Wie wäre es mit dem? Oder doch der oder die? Aber warum gerade diese Leute? Erstaunlich dabei ist, dass Facebook dabei schlicht nach gemeinsam benutzten Institutionen sucht – Schule, Universität, Arbeitsplätze, so wie sie jedes Mitglied zuvor brav in sein Profil eingetragen hat: „Du und Musterschüler habt gemeinsam das Gymnasium von Musterstadt besucht!“ Ja und? Das gilt schließlich für Tausende. Und wer hat nicht irgendwann einmal studiert? Vielleicht gar an der FU Berlin?

Bei den Vorschlägen von Facebook drängt sich der Gedanke auf: Irgendwie doch fast alle – jedenfalls wenn sie was mit Medien machen und auf Facebook sind. Vielleicht liegt darin eine tiefe Affinität zumindest des deutschen Facebook und der Bildungsexpansion der siebziger Jahre – man gilt auf Facebook als freundschaftsfähig, weil wir alle auf den ähnlichen Schulen mit ähnlichen Lehrern waren. Aber warum nur soll sich aus diesem Umstand eine solche Wiedersehensfreude entwickeln? Trotz all der Betonung der angeblichen Freiheit und Leichtigkeit der Internet-Beziehungen betreibt Facebook dabei eine Archäologie der von Individuen durchgemachten Zwangsbegegnungen – man hat sich im Allgemeinen seine Mitschüler, Kommilitonen und Arbeitskollegen ja nicht ausgesucht. Facebook aber schürft tief in den Sedimenten des biographischen Zufalls nach den Goldkörnchen des Gemeinsamen. Wäre das Leben wie die Tour de France, Facebook wäre der Besenwagen meiner Biographie. Alle die Abgehängten, Vergessenen und Aus-den-Augen-Verlorenen tauchen wieder auf.

Kronzeugen der Kontinuität

Ist das Insistieren auf dem Recht auf Neuanfänge, auf Häutungen und Brüche im Leben nicht viel zeitgemäßer als das bleischwere Herumwühlen von Facebook in meiner Vergangenheit? Sind wir nicht gerade darum in den Achtzigern nach Berlin gegangen? Nicht bei Facebook. Mit fröhlicher Penetranz zieht es aus entlegenen Winkeln meiner Biographie einen Kronzeugen der Kontinuität hervor. Es gibt kein nachtragenderes Medium. Damit beharrt dieses Netzwerk eigentlich auf einem Leitmotiv der qualitativen Sozialforschung, nämlich von der narrativen Identität der Persönlichkeit auszugehen. Das Netz verspricht, jedem seine Geschichte erzählen zu können. Dass die auf ein paar durchquerte Institutionen und verblichene Gesichter zusammenschrumpft, scheint keinen Unterschied zu machen.

Dabei evozieren diese zu Recht längst Vergessenen eine Art Veralltäglichung des Klassentreffens als Zwei-Personen-Stück. Das nimmt ihm seine beste Qualität: Nämlich das Kollektive, die plötzliche Wiederherstellung des Schulgefühls: Man ist zwar älter geworden, aber alle anderen auch. Auch die typische Schulerfahrung, dass ein Klassenverband gerade auch diejenigen zusammenzwingt, die sich nie gemocht hatten und sich in ihrem ganzen Leben auch nie mögen werden, scheint sich bis zu den Programmierern von Facebook noch nicht herumgesprochen zu haben. „Verbinden“ tut eben auch die Erfahrung heftigster Abneigung – die schlimmsten Quälgeister und Nervensägen der Klasse vergisst man nie. Aber warum bloß sollte man sie wiedersehen wollen?

Sven und Lisa vom Strand

Facebook vernetzt, gewiss, aber es vernetzt die Biographien vertikal, nicht horizontal. Eigentlich erstaunlich, dass ein Phänomen wie Facebook, das so sehr das Verbinden des Gleichzeitigen betont, sich dabei so an die Macht des Vertikalen in den Biographien klammert. Facebook ist auch insofern vergangenheitsorientiert, als es einen damit konfrontiert, dass man erst kürzlich wieder einmal nicht ehrlich war. Man hat jemanden kennengelernt – auf einer Party, im Urlaub, auf der Arbeit – und hat dabei genau jene weiche Verbindung etabliert, die angeblich so typisch ist für die Netzwelt: eine gewisse Zurückhaltung in der Ablehnung von jemandem, den man durch einen anderen oder einfach durch Zufall kennengelernt hat. Doch anstatt die Sache gleich zu beenden, belässt man es eben bei dieser Unverbindlichkeit. Aber kaum ist man aus dem Urlaub zurück, trudeln die ersten Freundschaftsanfragen ein: „Wir sind’s, der Sven und die Lisa vom Strand!“

Aber wozu verpflichten zwei gemeinsame Wochen Last-Minute auf Fuerteventura? Im Grunde genommen schon immer zu nichts. Aber seitdem es Facebook gibt, gilt das nicht mehr. Gerade die Leichtigkeit, mit der man jede Freundschaftsandienung per Mausklick zurückweisen könnte, ließe eine solche umso taktloser erscheinen. Also lässt man Sven und Lisa eben rein und teilt schon bald die unvermeidbaren Galerien der Urlaubsfotos. Aber was teilt man sonst noch? Dabei ließe sich gerade hierin durchaus Verbindendes finden: Warum entstehen Freundschaftsanfragen auf Facebook eigentlich nicht auch aus geteilten Ablehnungen? „Ihr seid beide von Soundso als Freunde abgelehnt worden.“ Oder noch besser: „Ihr habt beide die Freundschaftsanfrage von Soundso zurückgewiesen.“ Könnte das nicht der Anfang einer wunderbaren Freundschaft sein?

Die Unschuld von Facebook

Aber im Ernst: Man sollte Facebook eigentlich dankbar sein. Schließlich ist der Datenhunger dieser Firma noch relativ bescheiden. Gewiss gibt es Versuche, das gesammelte Wissen stärker für kommerzielle Zwecke zu nutzen. Schon jetzt wird gewarnt, dass Facebook aus der Kombination meines Suchverhaltens bei Google, meines Bestellungsprofils bei Amazon und meiner Ersteigerungslust bei Ebay ganz andere Verknüpfungen erstellen könnte. Für Werbezwecke ließe sich daraus viel machen. Sollte Facebook aber einmal einen automatisch generierten Freundschaftsvorschlag damit begründen, dass der bei Ebay ständig auf die gleichen Sachen bietet wie ich – dann wäre das vielleicht in der Tat der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Aber es wäre vermutlich auch das Ende von Facebook. Für sein Image der leichten, freundlichen und friedlichen Kuschelecke des Internets braucht Facebook diese Unschuld. Dass man aus all den Spuren, die wir im Internet hinterlassen, ganz andere Dinge tun könnte als uns mit vergessenen Banknachbarn und nichtssagenden Urlaubsfotos zu langweilen, weiß man auch bei Facebook. Dass man aber nicht darf, was die Technologien längst könnten, hat etwas sehr Beruhigendes.

Das Private, das Intime oder gar das Geheimnis – diese wirklichen Begrenzungen des Persönlichen sind auch auf Facebook nicht eingerissen worden. Im Gegenteil – fast muss man die Virtuosität bewundern, mit der seine Nutzer an dieser Grenze entlangtänzeln, ohne sie je zu überschreiten. Wo sie das gelernt haben? Bestimmt nicht auf Facebook.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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