Evolution der Sprache

Wer spricht, muss um die Ecke denken

Von Thomas Thiel

Mit dem Schaf kam die Erweckung zur Sprache, meinte Herder, aber noch nicht Fähigkeit zum abstrakten Sprechen, meint die moderne Sprachforschung

Mit dem Schaf kam die Erweckung zur Sprache, meinte Herder, aber noch nicht Fähigkeit zum abstrakten Sprechen, meint die moderne Sprachforschung

22. April 2009 Seit die Entstehung der Sprache nicht mehr als mythischer Ursprungsakt, sondern als vielstufiger Prozess verstanden wird, darf auch die Linguistik, vom Metaphysikverdacht befreit, wieder über sie nachdenken. Sie tut es seit zwei Jahrzehnten vermehrt, scheint jedoch an der Seite von Evolutionsbiologen und Gehirnforschern nur noch ein Diskussionspartner unter anderen zu sein. Der moderierende Wissenschaftsjournalist Volker Wildermuth wirkte fast erstaunt, neben der Leipziger Hirnforscherin Angela Friederici und der Göttinger Primatologin Julia Fischer mit Jürgen Trabant und Manfred Bierwisch auch zwei genuine Sprachwissenschaftler zu einer erkenntnisreichen Diskussion über die Evolution der Sprache begrüßen zu dürfen. Der Leibniz-Saal der Berliner Akademie der Wissenschaften war bis auf den letzten Platz gefüllt. Wo die Evolutionstheorie die klaren Grenzen zwischen Mensch und Tier verwischt hat, ist die Sprache als prominentestes Distinktionsmerkmal zu anderen Lebewesen erhöht attraktiv.

Auf dem Grat zwischen Ursprungsdenken und evolutionärer Deutung stand im Jahrhundert der Aufklärung, zu beiden Seiten blickend, Johann Gottfried Herders epochale „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, die den begründeten Ausgangspunkt der Berliner Diskussion bildete. Herder vollzog darin den Schritt zur evolutionären Sicht: Den Menschen an der Schwelle zur Sprache stellte er sich als ein instinktschwaches, aber erkenntnishungriges Wesen vor, das alle Anlagen zur Sprachfähigkeit bereits voll ausgebildet hatte, deren bedeutendste, für die Sprachentstehung nahezu allein maßgebliche die Reflexion war, von Herder „Besonnenheit“ genannt.

Es bedurfte nur eines Erweckungserlebnisses, um dem Sprachvermögen eruptiv zum Ausdruck zu verhelfen, im Herderschen Gleichnis nur des Vorübergehens eines Schafs. Der von seinen schwachen Instinkten nicht zur besitzergreifenden Geste gedrängte Mensch suchte nach einem Identifikationsmerkmal, hörte das Schaf blöken, die Reflexion setzte ein, der innere Sinn wirkte und hinterließ eine Erinnerungsspur. Das Schaf kam wieder, am erinnerten Merkmal erkannte es der Mensch und rief beglückt: „Ha, du bist das Blöckende!“ Jäh war die Sprache geboren, alles Weitere bildet sich selbstläufig heraus, dachte Herder, doch so, denkt der Evolutionstheoretiker, kann es nicht gewesen sein.

Reflexion oder Kommunikation?

Wo Herder den Übergang zum evolutiven Blick zu vollziehen schien, war er, so Jürgen Trabant, dem Mythos verhaftet. Die Reflexion als Keimzelle der Sprache muss sich nicht erst herausbilden, sie ist von Anfang an da. So bleibt es bei einer Art Stiftungsakt, der der göttlichen Namensgebung ähnelt. Es ist nur der Mensch, der ihn stellvertretend vollzieht. Historisch betrachtet, spricht Herders Sprachschöpfer jedoch im luftleeren Raum. Vom höheren Motiv des Erkenntnisinteresses getrieben, bleiben ihm die Zumutungen der menschlichen Frühgeschichte erspart. Mit anderen Worten: Er will die Welt erschließen, bevor er sein nacktes Überleben gesichert hat. Deshalb darf Sprache auf den Höhen einsamer Reflexion und nicht in den Niederungen eines kommunikativen Geschehens entstehen, das elementaren Formen der Selbsterhaltung dient; und sie hat nicht erst mit dem Sesshaftwerden und der damit verbundenen Muße langsam ihren überbordenden Reichtum entwickelt.

Die Evolutionstheorie kehrt diese Blickrichtung um und setzt Erkenntnisinteresse und Schönheitssinn erst in eine spätere Periode der Sprachentwicklung, findet dann aber oft nicht mehr zu einer angemessenen Würdigung der freien Reflexion. Die Einsichten der Hirnforschung etwa vertragen sich mit der Grundannahme eines fertigen grammatischen Bausatzes schlecht. Im bildgebenden Verfahren lassen sich nicht nur gehirnstrukturelle Unterschiede zwischen Affen und Menschen orten, sondern auch zwischen Erwachsenem und Kind. Das Verständnis komplexer Grammatiken bildet sich in der menschlichen Ontogenese erst allmählich heraus, beim Affen bleibt es dauerhaft beschränkt. Entscheidend für den grammatikalischen Fortschritt, so Angela Friederici, ist die zunehmende Vernetzung von Gehirnarealen, die sich ontogenetisch und phylogenetisch nachvollziehen lässt.

Das Abwesende bezeichnen

Könnte der Herdersche Sprachschöpfer also nur lautmalerische Namen vergeben, aber keine Sätze bilden? Müsste sein sprachbildendes Schaf nicht eigentlich Blök heißen? Manfred Bierwisch war um eine Differenzierung dessen bemüht, was Herder großzügig der Besonnenheit subsumierte. Der Weg vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen Ausdruck war bei Herder kurz. Seine Wörter bleiben auf bildhafte Entsprechungen angelegt. Die Sprachfähigkeit, so Bierwisch, liege jedoch in der Synthese aus Symbolbildung und deren grammatischer Kombination. Ein Wort ist nicht gleich ein Wort, lautmalerische Ausrufe wie „Igitt“ sind erst die Vorstufe der Sprache. Erst wo die Wörter ausreichend abstrakt werden, um Abwesendes zu repräsentieren, erst wo sie in hierarchische syntaktische Strukturen eingegliedert werden können und flexibel rekombinierbar auf unterschiedliche Bereiche anwendbar sind, ist von Sprachfähigkeit in vollem Sinn zu sprechen. Die eigentliche Leistung der menschlichen Sprache ist, über etwas sprechen zu können, was nicht anwesend ist.

Daher kann man zwar auch bei Tieren von Kommunikation reden, meint dann aber nur eine Folge von Lautäußerungen, die dicht an der jeweiligen Situation haften. Grüne Meerkatzen etwa, so Julia Fischer, können im Überlebenskampf Laute bilden, die von ihren Artgenossen mit einer bestimmten Bedeutung belegt werden. Alle weitergehenden Spracherziehungsversuche scheitern jedoch an anatomischen und gehirnphysiologischen Beschränkungen. Weil der Kehlkopf des Primaten nicht wie beim Menschen nach unten wanderte, bleibt seine Stimmbildung auf eine schmale Auswahl angeborener Laute beschränkt. Der Affe kann zwar Laute verstehen, der Orang-Utan kann sie sogar nachpfeifen, er kann sie aber nicht nachsprechen und im Gehirn nicht willentlich steuern.

Die Berliner Diskussion blieb auf die Anfänge der Sprachentwicklung beschränkt. Sie mied die Frage, ob die Evolutionsprinzipien auch noch auf die fortentwickelte, kulturell eingebettete Einzelsprache anwendbar sind. Wo es um Sinnverstehen und Schönheitssinn geht, wirkt das kognitionswissenschaftliche Vokabular, auf das sich das Gespräch geeinigt hatte, steril. Zur Sprachästhetik hat auch eine Linguistik, die Gebrauchstexte statt literarischer Werke studiert, nicht viel zu sagen. Mit seiner vollentfalteten, nicht aufs Problemlösen reduzierten Reflexion erscheint Herders idealisierter Sprachschöpfer heute eher als ein Produkt der Spätzeit als der Frühe. Wer ihn nicht als bloße Episode betrachten will, muss nicht nur einen Begriff, sondern auch eine Idee der Sprache haben.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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