Kulturkritik

Ist Hecheln unsere Leitgeschwindigkeit?

Von Christian Geyer

Wo ist der Platz des Intellektuellen? Jürgen Habermas stieß eine Debatte an

Wo ist der Platz des Intellektuellen? Jürgen Habermas stieß eine Debatte an

13. Februar 2008 Vollzieht sich in unserer Mediengesellschaft ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit, der der klassischen Gestalt des Intellektuellen schlecht bekommt? So fragte vor zwei Jahren Jürgen Habermas anlässlich der Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises in Wien. Habermas stieß damit eine Debatte über die gewandelte Rolle der Berufskritiker an, über das Verhältnis von Journalisten, Fachexperten und eben dem Typus des intellektuellen Eingreifers, der etwa als Schriftsteller oder Philosoph in zentralen gesellschaftspolitischen Fragen von Zeit zu Zeit die Szene aufmischt. „Vom klugen Journalisten“, so Habermas, sollte sich dieser Typus „weniger durch die Form der Darstellung als durch das Privileg unterscheiden, sich nur nebenberuflich um die öffentlichen Dinge kümmern zu müssen“.

In Wien hatte Habermas die Koordinaten einer Debatte vorgegeben, die deshalb so anregend ist, weil sie eben nicht nur im Medientheoretischen verbleibt, sondern nach den veränderten Bedingungen von politischer Öffentlichkeit fragt, nach den Möglichkeiten von Kulturkritik. „Auf der einen Seite“, so Habermas, „hat die Umstellung der Kommunikation von Buchdruck und Presse auf Fernsehen und Internet zu einer ungeahnten Ausweitung der Medienöffentlichkeit und zu einer beispiellosen Verdichtung der Kommunikationsnetze geführt. Die Öffentlichkeit, in der sich Intellektuelle wie Fische im Wasser bewegt haben, ist inklusiver, der Austausch intensiver geworden denn je zuvor. Andererseits scheinen die Intellektuellen am Überborden dieses lebensspendenden Elements wie an einer Überdosis zu ersticken. Der Segen scheint sich in Fluch zu verwandeln. Die Gründe dafür sehe ich in einer Entformalisierung der Öffentlichkeit und in einer Entdifferenzierung entsprechender Rollen.“ Der wünschenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, werde mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. Habermas ernüchtert: „In diesem Medium (Internet) verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden.“

Der angenommene Kraftverlust solcher Beiträge ist ein eminent politischer Befund. Verpuffen diese Beiträge heute noch schneller, als sie es ohnehin schon immer taten, weil sie - rein medienpraktisch - keinen Fokus mehr bilden können? Das hätte dann in der Tat Folgen für die Herstellung politischer Öffentlichkeit, zu welcher der „eingreifende“ Intellektuelle gehört, ob er sich nun in Zeitung, Fernsehen oder Internet äußert. Diese verfassungsrechtlich verbürgte Rolle nur widerwillig zugestehen oder gar in Abrede stellen zu wollen, gehört zum tragischen Selbstmißverständnis von Politikern, Rechtsgelehrten oder Wirtschaftsvertretern, die die Prozesse der Meinungsbildung in eigener Regie steuern und betriebsferne Störenfriede für unzuständig erklären möchten.

Der Intellektuelle als Feuermelder

Der Philosoph Stefan Müller-Doohm zählt zu jenen, die hier gegenhalten und in kräftigen Farben die Physiognomie des intellektuellen Störenfrieds zeichnen. Auf einem von Müller-Doohm organisierten Oldenburger Symposium zum Thema „Kritik als Beruf“ beschrieb er den Intellektuellen als Feuermelder, der es versteht, mit militant gehaltenen Diagnosen Alarm zu schlagen. Damit schloß er an Habermas an, der in Wien erklärt hatte: „Der Intellektuelle muss sich aufregen können - und soll doch so viel politische Urteilskraft haben, dass er nicht überreagiert. Was ihm seine Kritiker - von Max Weber und Schumpeter bis Gehlen und Schelsky - entgegenhalten, ist immer wieder der Vorwurf der ,sterilen Aufgeregtheit' und des ,Alarmismus'. Von diesem Vorwurf darf er sich nicht einschüchtern lassen.“

Müller-Doohm wirkt denn auch kein bisschen verschüchtert, wenn er dem Intellektuellen das Ideal anträgt, in „Außenseiterstellung“ auf seine „parteipolitische Ungebundenheit“ zu achten, unbekümmert um die „Erwartungen des Publikums“ im „Modus bewusst provokanter Übertreibung“ sich doch bitte als „Ruhestörer“ zu plazieren. Das ist schön adornitisch gedacht, hat aber natürlich mit der heutigen Lage nicht nur aus den erwähnten medientheoretischen Gründen kaum noch etwas zu tun. Haben wir die Hochzeit intellektueller Tabubrecher nicht auch deshalb hinter uns, weil es kein Tabu mehr gibt, das noch zu brechen wäre? Und gewiß finden sich unter den „Eingreifern“ nach wie vor auch solche, die es darauf anlegen, sich als Ahnungslose einen Namen zu machen, weil sie von der Sache, für oder gegen die sie Partei ergreifen, erkennbar keinen Schimmer haben.

Die Kunst, Abstand zu nehmen

Das alles gibt es, aber das alles nimmt der Frage nach der gewandelten Rolle der Intellektuellen nicht den politischen Zündstoff. Darauf machte in Oldenburg der Philosoph Martin Saar aufmerksam, als er die veränderte Situation des Berufskritikers indirekt mit der veränderten Wahrnehmung von Zeit in Verbindung brachte. Saar bekräftigte Kritik als die „Kunst, Abstand zu nehmen“. Bedeutet dies nicht, sich zu distanzieren gerade auch von den Zeitvorgaben, in die öffentliches Nachdenken gepresst und damit vielfach unmöglich gemacht wird? Sie auf Abstand zu bringen beziehungsweise klug zu unterlaufen?

Das Hechelnde ist jedenfalls keine Zeitform, die dem Denken gut bekommt. Dort, wo das Hecheln im Medien- und Bildungsbetrieb die Leitgeschwindigkeit geworden ist, hat nicht nur der öffentliche Intellektuelle ein Fokus-Problem. Dort hat jedwedes Denken ein Fokus-Problem, jedenfalls ein solches Denken, aus dem Urteilskraft und nicht das Abhaken irgendwelcher Stichworte spricht. Dort, wo Zeiterfahrung nur noch als Fristerfahrung vorkommt, hat Denken in übergreifenden Perspektiven kaum Chancen. Damit wird aber auch der Unterschied zwischen „wichtig“ und „dringlich“ eingeebnet. Alles Dringliche wird für wichtig gehalten, das Wichtige selbst gerät aus dem Blick, weil die Last des vorher „zu Erledigenden“ es gleichsam erdrückt. Übrig bleibt das unbestimmte Gefühl, dass man zu „nichts“ mehr kommt - weder im Handeln noch im Denken.

Die Bedrohung des Nachdenkenkönnens

Wie man durch einen allein an Fristen gebundenen Leistungsbegriff in der Tat sein Denken ruinieren kann, hat Niklas Luhmann in seinem frühen Aufsatz „Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten“ schlagend dargelegt. Wenn es um die Fokus-Probleme des Intellektuellen geht, ist dieser Aufsatz Pflichtlektüre. Dort findet sich der analytische Kern aller Entschleunigungs-Debatten sauber herausgeschält: die Bedrohung des Nachdenkenkönnens. Unter dem spätmodernen Tempodiktat finde, so führt Luhmann am Beispiel des Verwaltungsbeamten aus, „der einzelne seine Zeit so verknappt und so zerstückelt, dass er zwar in kooperativen Zusammenhängen noch funktionieren, vor allem noch aktuelle Informationen aus einem Arbeitskontext in einen anderen übertragen kann, zum längeren Nachdenken aber keine Zeit mehr findet. Er bleibt in seiner Arbeit auf rasch greifbare und verwertbare Daten und Symbole angewiesen; zeitlich, sachlich oder sozial fernliegende Informationen werden nicht mehr herangezogen, umwegige Denkweisen nicht mehr benutzt, es sei denn, dass dafür kooperative Routinen eingerichtet sind.“

Schärfer lässt sich die Kritik an einem Denken, das auf fristgerechte Verwertbarkeit abstellt, kaum beschreiben. Geradezu prophetisch lassen sich diese Worte auf das ökonomischen Fristenregime anwenden, wie es im Medien- und Bildungssystem unter dem Stichwort der schnellen Verwertbarkeit Platz gegriffen hat. Martin Saars lakonisches Plädoyer für die Kunst des Abstandnehmens bekommt von hier aus seine politische Wucht. Die ungebremsten Forderungen einer ökonomistischen Zeitrationalität erzwingen wachsende sachliche - im übrigen auch ökonomische - Irrationalität. Persönliche Präferenzen und gesellschaftliche Werteordnungen verändern sich durch die Übernahme des Fristmodells als Denkmodell. Gleichsam unter der Hand, ohne über die Wünschbarkeit explizit entschieden oder auch nur nachgedacht zu haben. In der gründlichen Studie „Beschleunigung“ des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa lassen sich diese Zusammenhänge mit entsprechendem Datenmaterial wunderbar nachlesen. In der kaufmännischen Fetischisierung der „Optionenvielfalt“ erkennt Rosa den entscheidenden Schritt in eine erlebnisreiche, aber erfahrungslose Gesellschaft. Auch für ihn ist ein Zeitmodell, das jede Denkbewegung auf ihre unmittelbare kaufmännische Verwertbarkeit hin befragt, gleichbedeutend mit dem Tod des Kritikers.

Vor diesem Hintergrund mochte man Saars Einlassungen als glänzenden Protest auffassen, gewaschen mit allen Wassern der Debattendramaturgie: „Historisch hat sich gezeigt, dass die Manifeste, Thesenanschläge und Flugblätter oftmals mindestens so wirksam waren wie ausgefeilte Monographien, und mit gutem Recht hat man Übertreibung, Drastik und Hyperbolik als zentrale Eigenschaften sozialkritischer Interventionen ausgemacht.“ Mit anderen Worten: Der aufrichtig mäandernde Intellektuelle darf keinen Ort meiden. Der erfolgreiche Kritiker ist immer noch der, der das kritisierte Medium als Plattform zu nutzen weiß. Die Rezepte bleiben insoweit dieselben, egal, wie die Öffentlichkeit sich verändert.

Text: F.A.Z., 13.02.2008, Nr. 37 / Seite N3
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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