Von Gina Thomas
25. Juni 2008 Hugh Trevor-Roper gilt als meisterhafter Essayist. Doch ist oftmals bemängelt worden, dass er der Wissenschaft eine große Monographie schuldig blieb. Er selber war sich dieses Makels bewusst. In jüngeren Jahren hegte er den Ehrgeiz, wie er 1944 in einer Notiz vermerkte, ein Werk zu schreiben, das irgendjemand eines Tages in einem Atemzug mit Gibbon nennen wird“, dem hochverehrten Verfasser der Geschichte vom Verfall und Niedergang des römischen Imperiums. Sollte ihm dieses Ziel misslingen, fügte Trevor-Roper hinzu, werde er wenigstens von sich behaupten können, was man dem Don Quijote nachsagte: Wenn er nicht Großes vollbracht hat, so strebte er sehnsüchtig danach, Großes zu vollbringen.“
Trevor-Roper hat immer neue Themen für ein magnum opus in Angriff genommen: eine Geschichte der herrschenden Klassen Britanniens zwischen dem sechzehnten Jahrhundert und der Gegenwart; eine Studie der religiösen Erneuerungen, aus der ein langer, unvollendeter Essay über die katholische Wiedergeburt im neunzehnten Jahrhundert hervorging, in dem er seinem antikatholischen Affekt freien Lauf lassen konnte; ein Buch über vier vermögende Figuren, deren Geschicke den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert veranschaulichen. Ein ums andere Mal wurden die keimenden Pläne verworfen, mitunter, wie im Falle der auf drei Bände angelegten Studie der puritanischen Revolution, sogar nach jahrelanger Arbeit.
Obwohl, wie intime Briefe und Tagebuchnotizen verraten, das Empfinden der eigenen Unzulänglichkeit ihn bedrückte, zeugen Nachlass und Bibliographie von imponierender Fruchtbarkeit. Sie belegen seine Maxime, wonach ein gutes Buch einem Eisberg ähnelt, weil vier Fünftel davon ungesehen bleiben.
Der schiere Umfang und die Vielfalt seiner unveröffentlichten Schriften wurden selbst den Vertrauten erst nach Trevor-Ropers Tod vor acht Jahren bewusst. Seitdem, so witzelte ein Rezensent, ist der Historiker erstaunlich produktiv geworden. Mittlerweile liegen drei postume Bücher aus seiner Feder vor: Letters from Oxford“, eine Auswahl der scharfzüngigen epistolarischen Kunststücke, mit denen Trevor-Roper den Kunsthistoriker Bernard Berenson von 1947 bis zu dessen Tod 1959 in geistvoller Manier über Menschen und Geschehen, über hohe Politik und Oxforder Intrigen, über Reise- und Leseerlebnisse unterhielt; eine Biographie des kosmopolitischen paracelsischen Arztes Sir Theodore de Mayernes (1573 bis 1655), der weit mehr war als hugenottischer Leibmedicus der Könige von Frankreich und England: Gelehrter, Berater, Spion, Gesandter und Verfasser eines wegweisenden Traktats über die Technik der Malerei, durch dessen detektivisch erforschtes Leben Trevor-Roper die politischen, gesellschaftlichen und geistigen Auseinandersetzungen der Epoche beleuchtet; und seit einigen Wochen auch der von Jeremy Cater bearbeitete Essayband The Invention of Scotland“, eine diebisch vergnügte Zerlegung der Mythen, auf denen die Schotten das Luftschloss ihrer Identität errichtet haben. Weitere Titel sind bereits in Arbeit, andere werden in Aussicht gestellt. 2009 erscheint der von John Robertson herausgegebene Band Geschichte und Aufklärung“. Im Jahr darauf dürfte mit der autorisierten Biographie von Adam Sisman zu rechnen sein. Blair Worden, der umsichtige Verwalter von Trevor-Ropers literarischem Nachlass, plant zudem eine Edition der gesammelten Schriften über die Hitler-Zeit. Trevor-Ropers Papiere gäben genügend Stoff für weitere Publikationen, sei es eine Sammlung mit Essays über die Historiographie, ein Buch mit Gedanken zur Ideengeschichte oder eine Reihe von Briefbänden. Denkbar sind Veröffentlichungen von Vortragsreihen, die Trevor-Roper bereits erwogen hatte, wie die 1975 in Belfast gehaltenen Wiles Lectures über die ökumenische Bewegung und die Kirche von England 1598 bis 1616, in denen er die Leistung der Epoche nicht auf die protestantische Religiosität, sondern auf eine Tradition der skeptischen Vernunft zurückführte. Ähnlich hatte er in einem 1967 veröffentlichten Essay die Ursprünge der Aufklärung im erasmischen Denken finden wollen. In diese Richtung ging auch die Auseinandersetzung mit Max Webers Protestantismusthese, deren Widerlegung ebenfalls zu den nie vollendeten Buchprojekten Trevor-Ropers zählt.
Das Weber-Manuskript muss als verloren gelten. Worden, ein Schüler Trevor-Ropers und seinerseits angesehener Historiker des siebzehnten Jahrhunderts, war überwältigt von der Fülle des Materials in dem Archiv, das Trevor-Roper seinem alten Oxforder College Christ Church vermachte. Allein die Beschriftung der Ordner und Kisten mit Stichworten wie Historikerstreit“, Gespräch mit Papst“, Nietzsche“, Van Dyck“, Psychogeschichte“, Englische Katholiken“, Shakespeare-Autorschaft“, Hitlers Testament“ , Peter Wright Spycatcher“ und Frivolitäten“ gibt ein Bild der vielfältigen Anliegen, die erklären, warum das große Werk nie zustande kam. Seine Erhebung ins Oberhaus, wo er den Titel Lord Dacre of Glanton führte, erfolgte in Anerkennung seines Einsatzes für die Erhaltung der Union mit Schottland Ende der siebziger Jahre.
Vor allem aber erlag Trevor-Roper ein ums andere Mal den Verführungen der eigenen intellektuellen Neugier. Sie lockte ihn auf immer neue Fährten – zu dem Sinologen Edmund Backhouse etwa, dessen Fälschungen er entlarvte, zu dem Spion Kim Philby, den er durch seine Geheimdiensttätigkeit im Zweiten Weltkrieg gekannt hatte, und zum absurden“ und byzantinischen“ Theater der armseligen, aufgeblasenen Protzenbauer“ im Umkreis Hitlers. Manchmal verzweifelte er an seiner Vielseitigkeit: Ach diese endlosen Dichotomien, die meine wankende Seele quälen! Muss jeder Weg, den ich gehe, sich gleich vor mir teilen?“
Ein anderes Mal bekennt er sich zu Augenblicken des Weltekels, gegen diese matte Tretmühle verschwendeter Mühe – Momente, in denen ich mich nach Erlösung von ihren Ungerechtigkeiten und Enttäuschungen sehne und nach dem kühlen, abgeschiedenen Schatten schmachte, wo ich dem wahren Leben der Hingabe zu einem abstrusen und leuchtenden Ideal nachgehen kann“. Die unveröffentlichten Notizbücher, in denen Trevor-Roper Reflexionen, Träume, Naturerlebnisse, Aphorismen, Verse, persönliche Befindlichkeiten und Kurzessays aufzeichnete, berühren angesichts seines reservierten Auftretens. Sie sind, in der Fülle der Assoziationen und des Witzes, von mehr als nur biographischem Interesse.
Trevor-Roper pflegte seinen Geburtstag am 15. Januar mit Familienmitgliedern, Freunden und Schülern zu feiern. Diese Tradition wird fortgesetzt. Blair Worden frischt den alten Kreis jedes Mal durch neue Gesichter auf. Zum Aperitif gibt es einen kurzen Vortrag über einen Aspekt der Trevor-Roper-Forschung, und während der Portwein die Runde macht, werden Schmuckstücke aus dem Nachlass zur Erheiterung vorgetragen. In den Nachrufen auf Trevor-Roper wurden seine Leistungen weitgehend überschattet durch den Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher, für deren Authentizität er sich in einer unglücklichen Verkettung von Umständen vorübergehend verbürgte. Unterdessen scheint sich der Wind im Lichte der postumen Veröffentlichungen zu drehen. Das Fehlen des großen Werkes“, das sich an Gibbons Klassiker messen kann, ist nicht mehr zu beheben. In seiner Gesamtheit aber dürfte das Œuvre von Hugh Trevor-Roper über kurz oder lang doch in einem Atemzug mit seinem großen Vorbild genannt werden.
Der Nachlass des 2003 verstorbenen Oxforder Historikers Hugh Trevor-Roper hat sich wider alles Erwarten als so reich erwiesen, dass noch auf Jahre bedeutende Publikationen zu erwarten sind.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa