Benedikt XVI.

Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht

Von Christian Geyer, Rom

Segen: Papst Benedikt XVI. bei der jüngsten Generalaudienz

Segen: Papst Benedikt XVI. bei der jüngsten Generalaudienz

15. November 2006 Der Himmel ist hier einfach zu blau für diese spezielle Art von „ecce homo“, die Architektur zu hochgemut. Dieses „Seht, welch ein Mensch“, das man neuerdings am Flughafen über sich ergehen lassen muß, ist beim Einchecken zur päpstlichen Generalaudienz kein Thema. Hier muß keiner sein Innerstes nach außen kehren, seine diversen Körperflüssigkeiten in durchsichtige Plastikbeutel umfüllen oder ähnlich demütigende Dinge tun, um durch die Sperren am Petersplatz zu kommen. „Ecce homo“, diese Urszene menschlicher Kreatürlichkeit, bleibt einem beim Gang zum Papst erspart - sie tritt dort nur als Erlösungsformel in Erscheinung, beileibe nicht als Sicherheitskonzept.

Gleichwohl sind die Sicherheitsvorkehrungen deutlich schärfer geworden seit dem Tumult um jenen Text, der als Regensburger Rede weltweit Furore machte und für einen Rumser im interreligiösen Dialog sorgte, einen Rumser, der auf die eine oder andere Weise jedem noch in den Knochen sitzt, der heute hier Ermahnung, Trost und, wie wir gleich noch sehen werden, Werbehilfe vom Papst erwartet.

Hochdisziplinierter Gruß-Jubel-Wink

Im Schatten der Schweizer Garde: ein Lächeln für die Menge

Im Schatten der Schweizer Garde: ein Lächeln für die Menge

Selbst die speziellen Grüße, die Benedikt XVI. am Ende der Audienz an den Bund der Dauner Landfrauen oder den Bund der historischen Schützenbruderschaften oder die evangelische Gemeinde Berlin-Mitte oder die Feuerwehrleute aus New York richtet (alle anwesend; sobald sich das jeweilige Grüppchen der Gegrüßten in der riesigen Menge durch Jubelrufe bemerkbar macht, reißt der Papst den Arm hoch und winkt in die Richtung der Jubelrufe; der Rhythmus des Winkens wird nach und nach immer schneller, hoch und runter, hoch und runter, immer schneller werden die Gruppen durchgegrüßt, ein furioser, hochdisziplinierter Gruß-Jubel-Wink, daß einem Hören und Sehen vergeht) - also selbst diese speziell vorgetragenen Grüße hören sich nach Regensburg anders an als vor Regenburg.

Sie haben einen anderen, einen größeren Resonanzboden bekommen, es ist jetzt so, als würden sie gleich in die weite nichtkatholische Welt hineinpurzeln, statt wie früher erst einmal zwischen den Bernini-Kolonnaden der katholischen Welt zu verhallen. Mit anderen Worten: Die Akzente zwischen urbi et orbi haben sich verschoben, Regenburg bedeutet für die urbs Rom einen Orbis-Schub reinsten Wassers.

Im Ehren-Block der Generalaudienz

Doch das ist ein Vorgriff aufs Ende; in Wirklichkeit sind wir noch nicht einmal am Anfang der Audienz, man schiebt sich durch die Masse und tausend Gerüche und Geräusche vor, weit, weit bis in den Ehren-Block hinein, dorthin, wo man beinahe unterm selben Baldachin zu sitzen kommt, unter dem gleich auch der Papst Platz nehmen wird. Dort nämlich hat eine Gruppe des Freiburger Herder-Verlags, der heute auch ein paar Journalisten angehören, Ehrenplätze reserviert bekommen. Der Anlaß ist die historische Tatsache, daß genau am Audienztag vor fünfzig Jahren Joseph Ratzinger seinen ersten Autorenvertrag mit dem Hause Herder geschlossen hat - ein Jubiläum, das gebührlich in der urbs zu feiern sich der Verlag nicht entgehen lassen will.

Was die päpstliche Jurisdiktionsgewalt in ihren Sonderheiten ist, das läßt sich, wie sich herausstellte, nirgendwo so genau studieren wie im Ehren-Block der Generalaudienz. Kaum hat man diesen Block betreten, richten sich schlagartig alle Wünsche und Gedanken nur noch auf die Frage, wie man von der zehnten Reihe in die neunte in die achte, siebte, sechste, fünfte, vierte, dritte, zweite, erste Reihe gelangt. Denn nur dort, in der ersten Reihe, wird der Heilige Vater mit den hinter der Absperrung Stehenden ein paar Worte der Begrüßung wechseln und selbst für kirchlich Ungebundene ist es eine agonale Herausforderung, hier seinen Mann zu stehen und vorne mit dabeizusein.

Letzte Direktiven via Telefon

Ein besonderer, bei manchen bis zur Hyperventilation reichender Nervenkitzel ergibt sich aus der Tatsache, daß man selbst wenige Minuten vor Beginn der Audienz nicht wissen kann, ob der Platz, den man sich erkämpft hat, nun sein eigen bleibt oder nicht. Es ist mit den Stühlen der Papstaudienz ein bißchen wie mit den Stühlen im Himmelreich: Bis zur letzten Sekunde gibt es keine Heilsgewißheit. Jeder der vatikanischen Platzanweiser im Ehren-Block weiß sich mit seinen Anweisungen - „Sie sitzen hier, Sie sitzen dort“ - im Dienst des Vorläufigen.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind deutlich schärfer geworden

Die Sicherheitsvorkehrungen sind deutlich schärfer geworden

Jeder von diesen Machthabern im Reich der Stuhlreihen muß gewahr sein, daß der Heilige Vater jederzeit mit einer Ad-hoc-Maßnahme bis in die erste Stuhlreihe hinein durchregieren kann. Das ist eine schwebende Situation, die keine endgültigen Entscheidungen möglich macht. Wozu, fragt man sich erwartungsvoll, steht hier unter dem Baldachin ein graues Telefon mit einem Design eindeutig vorkonziliarer Provenienz? Werden aus diesem Telefon heraus gleich die letzten Direktiven von ganz oben kommen? Nach dem Motto: Setzen Sie Herrn X von der dritten Reihe in die erste, und sorgen Sie dafür, daß sich Herr Y dafür wieder nach hinten trollt.

Katholische Handhabung von Autorität

Tatsächlich durften plötzlich, als alles schon schön geordnet schien, vier Teilnehmer der Herder-Gruppe sich aus dem Ehren-Block erheben und - sie wußten nicht, wie ihnen geschah - in einer eigens noch vor den Ehren-Block aufgestellten Stühlchenreihe ehrenhalber Platz nehmen. Das ist katholische Handhabung von Autorität, wie sie im Buche steht. Man rüttelt nicht daran, daß die erste Reihe die erste Reihe ist. Aber man behält sich vor, vor die erste Reihe noch eine allererste Reihe zu setzen. Nicht die tradierte Norm steht je in Frage, sondern immer nur ihre Handhabung. An diesem Hebel hatte Manuel Herder, der mit katholischer Rationalität vertraute Verleger, offenbar höchst erfolgreich angesetzt, als er kurz vor Audienzbeginn noch eine Blitzanfrage am grauen Telefon veranlaßte und so auf letztlich undurchschaubaren Kanälen die privilegierte Umplazierung erwirkte.

Geduldig begrüßt der Papst die anwesenden Gruppen

Geduldig begrüßt der Papst die anwesenden Gruppen

Sofort schoß in der allerersten Reihe die Spekulation über den geistlichen Urheber des Gunsterweises wie wild ins Kraut. War es Monsignore Georg Gänswein, der Sekretär des Papstes, dem man die überraschend gute Sicht zu verdanken hatte? Der Mensch denkt, der Sekretär lenkt? Reinhold Beckmann, der mitreisende Fernsehmoderator, war nicht der einzige, der diese Lesart mit guten Gründen teilte und überdies vom blendend-telegenen Aussehen des Sekretärs derart eingenommen war, daß er Gänswein am liebsten direkt in sein Studio mitgenommen hätte.

Derweil dachte Wolfram Weimer, der Chefredakteur von „Cicero“, weit abgeschlagen im Ehren-Block darüber nach, wie er es anstellen könnte, dort hinten doch noch an ein gemeinsames Foto von sich, dem Papst und einem sehr, sehr schmalen Büchlein über den Nutzen der Religion zu gelangen, welches Weimer verfaßt hat und nun bildlich urbi et orbi bewerben wollte. Ein entschiedener Durchmarsch des Chefredakteurs bis knapp vor die allererste Reihe brachte Weimer schließlich in Reichweite des Papstes, wo er mit seinem Religionsbüchlein so lange vor dem Heiligen Vater herumfuchtelte, bis die Fotografen ein Einsehen hatten. Die Feuerwehrleute klatschten, der Papst nahm's hin, und weiße Tauben flogen auf.

Text: F.A.Z., 15.11.2006, Nr. 266 / Seite 39
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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