21. März 2007 Wenn die alten Römer nach Norden schauten, sahen sie nicht nur eine andere Kultur, sondern geradezu einen anderen Menschenschlag. Von den Germanen meldete Tacitus, ihre äußere Erscheinung sei bei allen Stämmen dieselbe: "Wild blickende blaue Augen, rötliches Haar und große Gestalten. die allerdings nur zum Angriff taugen." Für Strapazen und Mühen indes brächten sie nicht dieselbe Ausdauer auf, "am wenigsten ertragen sie Durst und Hitze; wohl aber sind sie durch Klima und Bodenbeschaffenheit gegen Kälte und Hunger abgehärtet".
Als der byzantinische Historiker Prokop Vandalen- und Gotenkriege schilderte, berichtete er zunächst von den verschiedenen Stammesnamen, um dann aber zu einem ethnographischen Resümee zu kommen: "Früher nannte man sie Sarmaten und Melanchlänen; bei einigen heißen diese Völker auch Geten. Sie alle unterscheiden sich voneinander dem Namen nach, wie schon bemerkt, im Übrigen aber gar nicht. Alle haben sie weiße Hautfarbe, blonde Haare, sind groß von Gestalt und schön von Gesicht." Ähnlich schließlich der Bericht des spätantiken Historikers Ammian über die Alemannen, mit denen man im Krieg lag: "Die Alemanni hatten den Vorteil von körperlicher Kraft und Größe, die Römer von Übung und Disziplin."
Die körperliche Größe von Germanen und Goten ist ein antiker Topos. Und man ahnt aus dem Kontext der Darstellungen, warum solche Beobachtungen zwingend notwendig waren: es ging um die Schätzung ihrer kriegerischen Fähigkeiten. Den Menschenschlag, von dem das Reich seit den Kimbern und Teutonen immer wieder bedroht worden war, musste man genauer ins Auge fassen.
Wer dagegen in heutigen Darstellungen nach solchen Angaben sucht, wird meist leer ausgehen. Herwig Wolfram, ein eminenter Kenner nicht nur der Goten, sondern der Völkerwanderungszeit überhaupt, schreibt in dem Band "Die Goten und ihre Geschichte", erschienen 2001 in der Reihe "Wissen" des Verlags C. H. Beck, kein einziges Wort über die äußere Gestalt dieser Menschen - obwohl noch Edward Gibbon, der aufgeklärte Historiograph des Niedergangs und Falls des römischen Reiches, die hübsche Anekdote mitteilt, dass, als die Goten Geiseln für Konstantinopel stellten, die Bevölkerung der Provinz sich am Weg versammelte, um den Zug der Gefangenen zu bestaunen: sie sahen, so Gibbon, überrascht, ja mit Neid die "fröhlichen, herrlichen Gewänder, die kräftigen, soldatischen Körper".
Ähnlich wie bei Wolfram steht es mit dem Band "Die Germanen. Mythos und Wirklichkeit" von Otto Holzapfel, gleichfalls 2001 erschienen in der Reihe "Herder Spektrum". Auch diese wendet sich, wie die Reihe "Wissen" bei Beck, vornehmlich an Studenten und bietet einführende Überblicke. Wolfram und Holzapfel verfolgen ein Paradigma, das man "kulturalistisch" nennen könnte. Bei den Germanen werden Kunststile, Wanderungsbewegungen und Kulturtechniken diskutiert, bei den Goten genealogische Sagen und das komplizierte Verhältnis zu Kaiser und Reich, schließlich ihre politischen Erfolge auf der Iberischen Halbinsel.
Einzige Ausnahme bei den Einführungstexten ist Reinhard Wolters' "Die Römer in Germanien", ebenfalls bei Beck (2000). Wolters diskutiert die Beunruhigung, die für Rom von den germanischen Stämmen und ihrer schon äußerlich fremden Erscheinung ausging: die "besondere physische und psychische Disposition" der Germanen stellte, so Wolters, ein Problem ersten Ranges dar, das von den Historikern thematisiert werden musste. Oft half man sich mit Klimatheorien. Vitruv etwa weiß von den "Völkern im Norden", sie seien "mit ungeheuer großen Körpern, geraden und rötlichen Haaren, blauen Augen und viel Blut gebildet infolge der Fülle der Feuchtigkeit und des kalten Klimas".
Die Becksche Reihe, so die Verlagswerbung, "vermittelt gesichertes Wissen und konzentrierte Information über die wichtigsten Gebiete aus den Kultur- und Naturwissenschaften". Sie "wendet sich an Leser, die sich anspruchsvoll, knapp und kompetent informieren wollen". Kein Zweifel, dass die erwähnten Einführungsbücher auf dem höchsten Niveau der gegenwärtigen althistorischen Fachdiskussion stehen. Nur einen Körper haben Germanen und Goten für heutige Studenten, außer in der Schrift von Wolters, nicht mehr. Lorenz Jäger
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