Von Michael Hagner
15. Mai 2008 Eigentlich sollte Goethe am 17. September 1826 die ohnehin feierliche Übergabe von Schillers Schädel an die Großherzogliche Bibliothek mit einer Ansprache krönen, doch er sagte kurzfristig ab - aus Verärgerung darüber, dass der Plan, den Schädel in der Bibliothek unterzubringen, an die Öffentlichkeit gelangt war. Man benötigt nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie Goethe das jüngste Weimarer Schädel-Spektakel beurteilt hätte.
Ohne Not hat sich die Stiftung Weimarer Klassik im Jahre 2006 dazu entschlossen, die beiden in der Fürstengruft aufbewahrten Schädel einer aufwendigen DNA-Analyse zu unterziehen. Sie ist damit nicht der Empfehlung Albrecht Schönes gefolgt, der in seinem Essay "Schillers Schädel" dafür plädiert hatte, die Biologie der Schädel auf sich beruhen zu lassen, weil es sich herausstellen könnte, dass keiner der beiden Knochen zu Friedrich Schiller gehört. Genau das ist nun eingetreten.
Schöne wusste natürlich, dass es sich bei den beiden Schädeln in erster Linie um kulturelle Objekte handelt, die eine wechselvolle Geschichte hinter sich haben und als materielle Zeugen von jener hagiographischen Aufgedunsenheit berichten, die nicht nur zum Weimarer Geniekult gehört. Man mag es drehen und wenden, wie man will: Bei allem Respekt vor der Totenruhe gehören diese Schädel zu einer säkularen Erinnerungskultur, die sich als spezifisches Amalgam aus Wissenschaft und rituellen Praktiken gebildet hat.
Dementsprechend ist auch das Fürstengrab, in dem bis jetzt Goethes und vermeintlich Schillers sterbliche Überreste aufbewahrt werden, ein Ort der Pietät und gleichzeitig eine kulturelle Inszenierung Weimarer Geschichte. Die kuriose Tatsache, dass dort jahrzehntelang zwei Schädel aufbewahrt wurden, erzählt von einem Authentizitätswahn, der im neunzehnten Jahrhundert den Geniekult mit modernen anthropologischen Messmethoden verknüpfte.
Weimarer Knochenkunde
Wer bis anhin das Fürstengrab besuchte, hatte die Freiheit zu glauben, dass einer der beiden oder keiner der Schädel zu Schiller gehörte, und konnte sich ansonsten seinen eigenen Reim auf die Weimarer Knochenkunde machen. Genau diese Offenheit, die doch eigentlich ein Vorzug historischer Erinnerungsräume sein könnte, haben sich die Weimarer Kulturverwalter nun aus der Hand geschlagen. Will man in Zukunft noch zwei Schädel in der Gruft besuchen, die eindeutig nicht zu Schiller gehören?
Schädel Nummer eins: 1826 ausgegraben, von Goethe und Wilhelm von Humboldt in einer wundersamen Schädelschau gewürdigt, vor der Beerdigung abgegossen und in Kopie in der Sammlung von Carl Gustav Carus gelandet, später durch den Anatomen Hermann Welcker erheblich in Zweifel gezogen. Jetzt endgültig falsifiziert, Besitzer: (noch) unbekannt. Schädel Nummer zwei: 1911 ausgegraben, von Anfang an umstritten. Ebenfalls endgültig falsifiziert, Besitzerin: ein Weimarer Hoffräulein. Das sind keine allzu erhebenden Aussichten, und deswegen können die beiden Schädel nun still beerdigt oder in ein noch zu gründendes Museum der Irrtümer und Fehlleistungen überführt werden.
Wozu eigentlich der Aufwand?
Wer der Meinung ist, dass dieser ganze Aufwand der "Wahrheit" (Hellmut Seemann) dient und es sich gewissermaßen um einen Akt der Entzauberung handelt, ist sogleich eines Besseren belehrt worden. Ein Genealoge und eine Anthropologin lassen sich mit der beliebtesten aller Verschwörungsgeschichten aus dem Reich der Schädelkunde vernehmen und spekulieren, dass der echte Schädel von Grabräubern gestohlen worden sei. Kein Zweifel, es gibt einige Schädel berühmter Persönlichkeiten, die sich nicht mehr dort befinden, wo sie eigentlich hingehören. Dass es in diesem Fall genauso gewesen sein soll, zeigt nur, wie symbolisch aufgeladen diese Geschichte auch nach der DNA-Analyse bleibt.
Natürlich fällt der Verdacht zuerst auf Franz Joseph Gall, jenen Hirnanatomen und Schädelkundler, der die moderne Lokalisationstheorie in der Hirnforschung begründet, gleichzeitig jedoch mit seiner Schädelabtasterei Hohn und Spott auf sich gezogen hat. Und weil er eben kein ganz seriöser Wissenschaftler ist, ist er vor allem ein "fanatischer Schädelsammler". Das stimmt sogar, wie man sich anhand der Gallschen Schädelsammlungen in Paris und in Baden bei Wien überzeugen kann.
Aber was folgt daraus? Im neunzehnten Jahrhundert gehörte es zu den wissenschaftlichen und kulturellen Usancen, Sammlungen von menschlichen Schädeln anzulegen. So, wie man sich heute darüber erregen kann, hätten sich die damaligen Schädelsammler darüber empört, wie heutzutage ebendiese Schädel als mediale Spektakel inszeniert werden.
Sammler waren nicht zimperlich
Kein Anatom, der über eine eigene Sammlung verfügte, war zimperlich; doch bei den Schädeln bedeutender Persönlichkeiten gab es eine moralische Hemmschwelle. Deswegen befanden sich solche Schädel nur in wenigen Ausnahmefällen in den entsprechenden Sammlungen. Jeder Anatom wusste, dass es seinen wissenschaftlichen und bürgerlichen Ruf ruiniert hätte, wenn er beim illegalen Besitz eines solchen Schädels ertappt worden wäre. Darüber hinaus ist es unplausibel, dass Gall einen klandestinen Schädel unter seine ansonsten gut archivierte und dokumentierte Sammlung gemischt hätte, denn er hat an seinen Schädeln eifrig herumgewerkelt, sie öffentlich vorgeführt und die Ergebnisse auch in Büchern publiziert. Einen Schädel wie denjenigen Schillers bloß in der Sammlung verkümmern zu lassen, wäre also entschieden gegen Galls Intentionen gewesen.
Der zweite Schädelsammler unter Verdacht ist der angesehene Weimarer Medizinalrat und Verleger Ludwig Friedrich Froriep, ein ganz früher Anhänger der Gallschen Lehre und 1826 einer der Sachverständigen, die die "Echtheit" des Schillerschen Schädels bezeugten. Sollte er ein verruchter Grabräuber sein und alle Weimarer Zelebritäten inklusive Goethe belogen haben? Auszuschließen ist es nicht; aber dann sollte man vorsichtshalber auch die Gräber von Wieland und Herder öffnen und schauen, ob dort nicht auch falsche Schädel im Sarg liegen. Wenn man der eigenwilligen Logik folgt, dass alle, die irgendetwas mit Schädeln zu tun hatten und zufällig in der Nähe standen, verdächtig sind, muss man auch Goethe auf die Liste setzen; oder Carus, der sogar zugab, 1821 vor dem "traurigen Beinhaus" gestanden zu haben; oder Lorenz Oken, der in Jena seine Antrittsvorlesung über die Bedeutung der Schädelknochen hielt.
Schädel oder Werk?
Es bleibt viel zu tun für die selbsternannten Experten, die sich der Wahrheitsfindung verschrieben haben, und gewiss wird sich irgendein Fernsehsender finden, der noch einen Code knacken will. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass Geschichte hier zum Anwendungsfall genealogisch-naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden degeneriert, die dadurch ihre kulturelle Hoffähigkeit unter Beweis stellen will. Tatsächlich wird damit aber vor allem einem alten Bedürfnis entsprochen, das schon Gall zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts auf den Punkt gebracht hatte, dass nämlich der Schädel eines bedeutenden Dichters genauso wichtig sei wie sein Werk.
Dieser Meinung hat sich die Stiftung Weimarer Klassik offensichtlich angeschlossen. Dadurch ist eine etwas eigentümliche Spielart eines Erinnerungsortes entstanden. Wenn der Besucher in Zukunft in die Weimarer Fürstengruft kommt, so gilt seine Ehrerweisung nicht mehr einem richtigen oder falschen Knochen, sondern sie gilt einem Gegenstand, der selbst das Symbol einer Ehrerweisung ist: einem leeren Sarg. Diese Variante hätte Goethe vermutlich nicht besonders behagt. Aber selbst ihm wäre es wohl schwergefallen, seine eigene Beerdigung kurzfristig abzusagen.
Michael Hagner ist Mediziner und Wissenschaftshistoriker und lehrt an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, AP