Abschied

Ins neue Leben schreiben

Von Henning Ritter

25. Juni 2008 Der Augenblick, der alles verändern wird, ist unauffällig. Es ist der 15. April 1978. Roland Barthes hält sich zu Forschungsseminaren in Fez und Rabat auf. An diesem Tag ist er in Casablanca. Er schildert den Schauplatz: "Ein drückender Nachmittag. Der Himmel bewölkt sich, es ist etwas kühl. Wir machen in einer Gruppe, mit zwei Autos, einen Ausflug nach La Cascade, einer hübschen Talmulde auf dem Weg nach Rabat. Traurigkeit, eine gewisse Langeweile, ununterbrochen dasselbe (seit einem Trauerfall vor kurzem), ein Überdruss, der sich auf alles erstreckt, was ich tue und denke (Mangel an Besetzung). Rückkehr, leere Wohnung; dieser schwierige Moment . . ." Da taucht auf, was er das "Aufblühen einer Idee" nennt, eine "literarische Bekehrung".

Er deutet die merkwürdige Erfahrung eines sich ankündigenden Neuen als ein Eintreten "in die Literatur, ins Schreiben", als hätte er es noch nie getan. Man stelle sich das Leben dieses Literaten vor, der von seinen Anfängen an, seinem Buch über Racine, den berühmten "Mythen des Alltags" bis zur "Hellen Kammer" kein Buch geschrieben hat, das nicht nach einer neuen Methode vorgegangen wäre. Es dürfte wenige zeitgenössische Autoren geben, die sich so wenig wiederholt haben. Und dann diese Suche nach einem Ausweg aus dem "reglosen Festsitzen im Treibsand", der Wunsch, "in die Literatur, ins Schreiben" einzutreten, als wäre er seit je außerhalb der Literatur gewesen!

Abstoßen vom Eingeübten

Zur Vertiefung dieser Zäsur trägt das Bewusstsein bei, dass lebensgeschichtlich "von einem gewissen Zeitpunkt an das, was man getan und geschrieben hat (die vergangenen Arbeiten und Praktiken), als ein immer wieder durchgekautes, dem Wiederholungszwang verfallenes, bis zum Überdruss wiedergekäuter Brei erscheint". Man möchte die verbleibende Zeit besser ausschöpfen, indem man sie von Wiederholungen freihält. Man vergisst, dass das Leben Wiederholung ist. Darin liegt seine Banalität und seine Großzügigkeit: Das Leben leistet sich die Wiederholung. Bekanntlich hat Nietzsche an einem ähnlichen Wendepunkt seines Lebens gerade umgekehrt reagiert: Er wollte die Wiederholung ein für alle Mal akzeptieren, indem er die ewige Wiederkehr des Gleichen zur höchsten Möglichkeit des Lebens, zur Erfüllung stilisierte. Barthes dagegen will, dass damit jetzt ein für alle Mal Schluss sei: keine Verausgabung mehr durch die Wiederholung, durchs Wiederkäuen der alten Schreibgewohnheiten.

Roland Barthes hat, wie könnte es anders sein, auf diesen Augenblick und den Einbruch des Wunsches nach einem "neuen Schreiben" in einer Vorlesung geantwortet, der letzten seiner berühmten Vorlesungen am Collège de France. Also noch einmal eine Vorlesung - zur Vorbereitung auf das Neue, das er sich vorgenommen hatte. Sie wurde, wie seine anderen Vorlesungen, veröffentlicht und ist unlängst in einer geglückten Übersetzung von Horst Brühmann deutsch erschienen (Die Vorbereitung des Romans, edition suhrkamp). Da Roland Barthes unmittelbar nach Beendigung der letzten Vorlesung von einem Auto überfahren wurde, werden wir nie wissen, wie das Neue, auf das er sich vorbereitete, ausgesehen hätte. Aber man kann sich ebenso gut fragen, ob nicht vielleicht die Mythologie (oder Psychologie) des Schreibenwollens, die er in seinen Vorlesungen entwickelt und die vor ihm niemand in vergleichbarer Subtilität dargestellt hat, selbst schon dieses Novum, dieser erste Schritt in eine "Vita Nova" ist, die er mit Dante beschwört.

Der Wunsch zu schreiben

Barthes entdeckt die Literatur neu als Drama des Wunsches zu schreiben, seiner Finessen, seiner Listen und Verwegenheiten: alles sagen zu wollen oder sich ins Schweigen zurückzuziehen, von Veröffentlichungen abzusehen, um den Entstellungen durch die Öffentlichkeit zu entgehen - eine vertrackte Psychologie, für die Chateaubriand, Stendhal, Flaubert, Proust und Kafka die Zeugen sind. Deren Schreibpraxis wird von Barthes in einer so großen Nahsicht behandelt, als wollte er den Trick erhaschen, der es ihm erlauben würde, von seiner gewohnten Schreibweise zu der des Romans zu finden.

Keine angebliche Modernität jenseits dieser Autoren wird ins Auge gefasst. Wie nebenbei wird deutlich, dass für diesen Autor einer zeitgenössischen Moderne nichts mehr zählt, was nach dem Abschluss von Prousts Roman erschienen ist. Und es ist Proust, dem Roland Barthes die für sein Vorhaben ermutigendste Einsicht entlehnt: Er sei ein Heros der Literatur, weil er zeige, dass sich Versäumnisse nicht nur wiedergutmachen lassen, sondern dass Versäumtes in der Literatur in größerem Glanz wiedererstehen könne.

In der Wahl seiner Gewährsleute hat Barthes in seiner letzten Vorlesung, bei aller Diskretion, ein erzkonservatives Bekenntnis abgelegt, das auch sein eigenes Lebenswerk als etwas Ephemeres, als ein "nicht erhaltenswertes Denkmal", zurückweist. Als den Sündenfall seiner Generation, als etwas "Unerträgliches" bezeichnet er die "Verdrängung des Subjekts", seine Zensur durch Marxismus und Strukturalismus. "Lieber die Trugbilder der Subjektivität als den Schwindel der Objektivität." War dies der Sinn der marokkanischen Erleuchtung?



Text: F.A.Z.

 
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