Paulusgrab

Buddeln nicht nötig

Von Dieter Bartetzko

Mehr Sicht: Die Blicköffnung zum Paulusgrab in Rom soll bald erweitert werden

Mehr Sicht: Die Blicköffnung zum Paulusgrab in Rom soll bald erweitert werden

21. Dezember 2006 Ein antiker Sarkophag, eine uralte verblaßte Inschrift, Blut, Schwert und Wunder: die Liste liest sich wie die Stichwortsammlung für einen Roman à la „Da Vinci-Code“. Doch die romanhaften Vorfälle und verrätselten Indizien betreffen eine historische Figur - den Apostel Paulus. Die Nachricht, man habe sein Grab in Roms berühmter Pilgerkirche San Paolo fuori le Mura wiederentdeckt, elektrisierte in diesen Tagen die internationale Öffentlichkeit. Die Aussicht, daß der Sarg eventuell untersucht würde, steigerte die Spannung für viele ins Unermeßliche. Noch einmal machte das alte „Und die Bibel hat doch recht“-Gefühl die Runde. Und weil Christen in aller Welt zur Vorweihnachtszeit für solche Neuigkeiten besonders empfänglich sind, wurde übersehen, daß die Meldungen zusammenfaßten, was seit Jahrhunderten oder doch seit Jahren bekannt ist.

Wiederentdeckung? Nein. Seit etwa eintausendsiebenhundert Jahren verehrt man in der Basilika „vor den Mauern“ Roms das Grab des Paulus. Ein Halbrund abwärts führender Stufen markiert es deutlich sichtbar vor dem Hauptaltar. Dort standen schon die Christen der Spätantike vor einem kostbaren Ziergitter, durch das hindurch eine Marmorplatte mit der Inschrift „Pavlo Apostolo Mart.“ zu sehen war. „Aber es muß jetzt nicht erklärt werden: ,Wir haben das Grab gefunden.' Denn das Grab war immer dort“, sagte denn auch der Hausherr der Kirche, Kardinal Cordero Lanza di Montezemolo, zu den Sensationsmeldungen. Im Zuge von notwendigen Sanierungen sei es seit 2002 vielmehr darum gegangen, das Vorhandensein eines Sargs und eines antiken Grabmonuments nachprüfen zu lassen.

Feuer in der Kirche

In diesen Gewölben ruht der Sarkophag

In diesen Gewölben ruht der Sarkophag

Warum aber diese Mühen, wenn doch die Stätte nie strittig war? Das Schlüsselereignis war ein Brand, der 1823 zwar nicht den Ort, aber alle Spuren des Grabs hätte vernichtet haben können. „Alles spiegelte den Schrecken und die Verwüstung dieses schicksalsvollen Ereignisses; die Kirche war erfüllt von schwarzen, rauchenden und halbverbrannten Balken. Große, von oben bis unten gesprungene Säulenstücke drohten bei der geringsten Erschütterung herabzustürzen. Die Römer, welche die Kirche erfüllten, waren ratlos.“ So beschrieb Stendhal jene Brandkatastrophe, der Roms zweitgrößte Basilika zum Opfer gefallen war.

Entsetzen beherrschte nicht nur die Gläubigen, sondern auch alle Kunstliebhaber. Denn San Paolo fuori le Mura war nach dem Abriß und Neubau der Petersbasilika sowie dem radikalen Umbau der Papstkirche San Giovanni in Laterano die letzte der Basiliken gewesen, die auf Kaiser Konstantin zurückgingen. Mit fieberhafter Eile begann man eine getreue Kopie zu errichten.

Über Jahrhunderte in unveränderter Position

Hat man bei dieser Gelegenheit womöglich das Grab erforscht? Nein, sagt Giorgio Filippi, der jetzt dort grub: „Wir haben die Sicherheit, daß der Sarkophag geschlossen ist. Über die Jahrhunderte hat er sich unverändert in dieser Position befunden.“ Die Jahrhunderte, von denen der Vatikan-Archäologe spricht, sind eigentlich Jahrtausende. Zur Auswahl stehen drei Daten, an denen die sterblichen Überreste des Paulus in den Sarg gebettet worden sein könnten.

Da sind zunächst die Jahre um 390, als die 1823 zerstörte Basilika geweiht worden war, die auch „Drei-Kaiser-Kirche“ hieß, weil sie von den Kaisern Teodosius, Arkasius und Valentinian II. in Auftrag gegeben wurde. Ebenso gute Gründe sprechen für die Jahre um 330, während derer die kleinere, 390 überbaute Basilika Konstantins (Filippi hat die Fundamente ihrer Apsis freilegen können) errichtet worden war. Denkbar ist aber auch, daß der Sarkophag schon im Jahr 167 die Gebeine des Apostels aufnahm. Damals, so berichtet das älteste Schriftzeugnis, habe der Presbyter Gaius das Grab an der „Via Ostiense“, der Straße nach Ostia, gefunden und einen Erinnerungsbau über ihm gestiftet.

Vermörtelte Öffnung als Faszinosum

Eine genaue Datierung des Sarkophags ist unmöglich. Denn er ist, wie Filippi, nachdem er die beschriftete Marmorplatte entfernt und einen halben Meter tiefer den Sarg lokalisiert hatte, 2005 mitteilte, ein Rohling, den jene Platten einfaßten, von denen dann eine, als man den Sarg für die Drei-Kaiser-Basilika anhob, zur oberen, für alle sichtbaren Abdeckung wurde.

Kardinal Cordero Lanza di Montezemolo präsentiert die Bilder der Grabstätte

Kardinal Cordero Lanza di Montezemolo präsentiert die Bilder der Grabstätte

Die Zusatzinformation, die Filippi vor zehn Tagen auf einer Pressekonferenz des Vatikans bekanntgab, ist für Archäologen eine Petitesse. Für unseren Blick auf die Antike und die Traditionen des Christentums aber ist sie ein Faszinosum: Im Deckel des Sarkophags fand sich eine zehn Zentimeter große, vermörtelte Öffnung. Bei heidnischen Sarkophagen und Urnengräbern findet sie sich oft, denn sie diente den „Libationen“, Opfergaben von Wein und Öl, die Priester und Angehörige an Totengedenktagen dort einbrachten. Bei christlichen Gräbern finden sich solche Öffnungen nur in den Sarkophagen Heiliger. Sie ermöglichten es, Stoffstreifen einzuführen, denen durch die Berührung mit den sterblichen Überresten Wunderkraft zugesprochen wurde.

Postume Wanderung

Warum wurde die Öffnung mit Mörtel verschlossen? Wann und weshalb machte man den Sarkophag unerreichbar, der sich, laut Filippi, unverrückt in einer Ummauerung befindet, die ihn wie ein Schubfach umgibt? Und wie gelangte das Haupt des Apostels nach San Giovanni in Laterano, den Bischofssitz des Papstes in Rom?

Es gehört zu den großen Rätseln der Verehrungsgeschichte des Paulus, daß sein Grab „vor den Mauern“ Roms, seine Kopfreliquie aber in der zentralen Lateranskirche verehrt wird. Diese sonderbare postume Wanderung ist nur eines von vielen schaurigen und wunderhaften, die in Legenden festgehalten sind. Paulus, so heißt es darin, sei während der Christenverfolgung unter Kaiser Nero im Jahr 64 an der Straße nach Ostia enthauptet worden. Seinem Blut seien drei Quellen entsprungen, woran die Kirche San Paolo alle Tre Fontane erinnert. Den Leib des Apostels habe man im Jahre 284 an die Via Appia verbracht, um ihn in den Katakomben von San Sebastiano ad Catacumbas vor staatlicher Konfiszierung zu schützen. Der Kopf aber sei erst später von einem Hirten gefunden, feierlich mit dem Körper wiedervereint und wiederum später an die ursprüngliche Grabstätte zurückgebracht worden.

Neue Fragen statt Antworten

All das - abgesehen davon, daß auch in Tarsus, auf Malta, in London, Münster und Frankfurt Paulusreliquien existieren - ist so verworren wie jene Labyrinthe, die mittelalterliche Baumeister in Kirchenböden meißelten. Die Erkenntnisse Giorgio Filippis lösen diese Rätsel nicht, sondern werfen neue Fragen auf. Was aber wäre gewonnen, erfolgte doch noch, was Kardinal di Montezemolo mit Hinweis auf die höheren Rechte des Papstes vorerst untersagte - nämlich eine Kamerasonde durch die Öffnung in den Sarkophag einführen? Egal ob er leer wäre, ein kopfloses Skelett darin entdeckt würde oder eines mitsamt Haupt: die Aussagen des Neuen Testaments blieben davon so unangetastet wie die wunderlichen Erzählungen der Legenden.

So war es weise gesprochen, als der Archäologe und der Kardinal erklärten, das wichtigste Ziel sei erreicht: daß Pilger künftig „näher am Grab des Apostels beten können“. Denn darin liegt der eigentliche Sinn der Stätte: in der Beständigkeit, mit der über Jahrtausende hinweg Menschen sich dort versammelten, um sich zu besinnen. Daß sie es im Gedenken an einen Mann taten und einem Lehrer nacheiferten, der uns, bei all seiner Zuchtmeisterei, den einzigartigen Satz vom Primat der Liebe hinterlassen hat, ist das wahre Wunder. „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“

Wir alle sind nur Stückwerk

Liebe selbst über das Ende allen Hoffens hinaus, Liebe, die „nicht ihren Vorteil sucht“ - darin besteht der unverrückbare Fels christlicher Lebenssicht, nicht in dem eingemauerten Sarkophag, auf den zutrifft, was Paulus im zitierten Korintherbrief anmerkt: „Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden.“ Diese Einsichten haben in dem Kirchenbau und dem Grab Gestalt gewonnen. „Alle Säulen waren alt“, schrieb Stendhal in den „Römischen Spaziergängen“, „Gott weiß, wie viele heidnische Tempel beraubt wurden, um diese Kirche zu bauen!“ Die Säulen stehen immer noch.

Dazu sind gerettete Mosaike zu bestaunen und der Kreuzgang, wo - ein Rausch aus Gold, Lapislazuliblau und Granatrot - einige der herrlichsten Cosmatenarbeiten Roms die Zeiten überdauert haben. Diese Schönheit ehrt jenen jüdischen, griechisch gelehrten römischen Staatsbürger und rastlosen Christen, der von sich selbst sagte: „Dreimal bin ich mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten.“ Er soll anderen Überlieferungen zufolge eines natürlichen friedlichen Todes gestorben sein.

Text: F.A.Z., 21.12.2006, Nr. 297 / Seite 31
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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