12. Dezember 2007 In Harvard wird im Fach Politikwissenschaften regelmäßig ein Seminar angeboten, das seine Sprengkraft im historischem Gewand verbirgt: „Fürstenspiegel: Rat für den Prinzen aus antiken und modernen Texten“. Thema sind Xenophon, Petrarca, Erasmus, Machiavelli und Leo Strauss. Es geht um die Erziehung von Monarchen und Tyrannen, also um den politischen Einfluss von Intellektuellen, also das, was auch Harvards linksliberale Akademiker sich öffentlich gern als Aufgabe stellen: „to speak truth to power“, der Macht die Wahrheit sagen.
Im diesem Frühjahr wurde das Seminar von William Kristol geleitet, dem Herausgeber des neokonservativen „Weekly Standard“, und von Harvey C. Mansfield, Straussianer und graue Eminenz der konservativen politischen Philosophie in Amerika. Seit 1962 unterrichtet Mansfield an der Harvard University. Hunderte seiner ehemaligen Studenten haben heute Führungspositionen inne. Viele Berater um George W. Bush sind durch seine Schule gegangen.
Tradition der Fürstenspiegel
Von der Nähe zur Macht war im Seminar allerdings wenig zu spüren. Im Zentrum stand die Textanalyse. Parallelen zur Gegenwart wurden selbst da nicht gezogen, wo sie sich, wie bei Xenophons Kyropädie (über die Eroberung Mesopotamiens durch einen wohlwollenden Despoten), anboten. Durch solchen Gegenwartsbezug hätte man sich bloßgestellt. Denn Subtilität, raffiniertes Verstehen von Nuancen, ein Hin- und Herwenden von Stellen, bis ihre verborgensten Sinnschichten zutage liegen, ist das Wesen der an Leo Strauss geschulten philosophischen Pädagogik.
Nur einmal sind Strauss und Mansfield sich begegnet: bei einem Lektüreseminar 1960 in Berkeley. Damals war Mansfield, der 1961 in Harvard mit einer Studie über Edmund Burke promoviert wurde, schon auf Strauss eingeschworen: „Was mich an ihm packte, war sein einzelgängerischer Mut, die Frage der möglichen Wahrheit der klassischen Philosophie zu stellen. Ich suchte damals nach einem Verständnis von Moral und Politik, das zwischen Relativismus und Absolutismus angesiedelt war. Strauss bot dies an. Hinzu kam seine wunderbare Art, Texte zu interpretieren und Dinge zu sehen und zu zeigen, dass sie in den Texten zu sehen waren.“ Diese Fähigkeit wurde für Mansfield vorbildlich.
Das Ziel, so Strauss im Vorwort seiner eregenden Interpretation von Xenophons „Hiero“, sei es, das Denken der Vergangenheit so zu verstehen, wie es die Autoren selbst verstanden haben. Mansfield allerdings geht einen Schritt weiter: „Man kann nicht umfassend nachdenken, ohne auch über die Bedingungen des Denkens nachzudenken. Die Antwort ist immer politisch, weil die Politik die Bedingungen bestimmt, unter denen Philosophen denken. In der politischen Philosophie geht es um das Verhältnis von Denkern und Nicht-Denkern zueinander.“
Machiavellis Modernität
Wer bestimmt wen? Das Seminar, das Mansfield mit lakonischer Ironie leitete, gab die Rekonstruktion eines Abschnittes der Einleitung zur „Hiero“-Interpretation von Leo Strauss in seinem Buch „On Tyranny“ und war, als Antwort auf die Frage, wer wen führt, den Grundgedanken der politischen Philosophie von Mansfield selbst nahe, die er wiederum aus Einsichten von Leo Strauss in dessen „Thoughts on Machiavelli“ (1958) entwickelte.
Für Strauss beginnt mit Machiavelli die moderne Aufklärung. Man könne Machiavellis Bedeutung nur verstehen, hatte Strauss erklärt, wenn man seine Lehre mit der traditionellen Lehre vergleiche, die er verwirft. Außer Xenophons Kyropädie, dem ersten Fürstenspiegel überhaupt, ließ Machiavelli nur Xenophons „Hiero“ gelten. Wer die subtilen und entscheidenden Unterschiede zwischen der sokratischen und der machiavellischen politischen Philosophie erkenne, begreife das Wesen der Moderne. Im Seminar legte man folglich die christlich geprägten, um das Gute bemühten Schriften von Petrarca und Erasmus beiseite, um in Machiavellis unsentimentalem Vernunftgebrauch die wahre Natur des Politischen zu erkennen, die in nichts anderem besteht als darin, die Macht zu erringen und zu erhalten. Oder wie Mansfield formuliert: „Leute gehen in die Politik, um Streit vom Zaun zu brechen, nicht um ihn zu vermeiden.“
Seit fast fünfzig Jahren bemüht sich Mansfield, seine Studenten zu dieser Einsicht philosophisch, also denkend, in Beziehung zu setzen. In der politischen Philosophie, sagt er, „stößt Denken auf Nicht-Denken“. Sein unlängst erschienenes Buch „Manliness“ gibt eine Summe seiner Einsichten. Machiavelli, so Mansfield, habe erkannt, dass unter dem Einfluss des Christentums, das Erlösung im Jenseits über Ehren im Diesseits stellte, das männliche Streben „arbeitslos“ geworden sei. Machiavelli ersetzte den klassischen „thymos“, den prahlerischen, aber opferbereiten Mut, durch einen radikal diesseitigen, rein zweckgerichteten „animo“, zu dessen Merkmalen auch der Betrug gehört.
Sein Ziel war es, seine Adepten nicht besser, sondern stärker zu machen. Er vereinfachte den Begriff der Männlichkeit und machte ihn effizienter, indem er ihm alle transzendierenden Elemente entzog. So löste er die Politik, das Betätigungsfeld der Männlichkeit, aus der Beziehung zu allen Werten jenseits ihrer heraus. Sobald politisches Handeln nur noch zweckgerichtet, also rational ist, ist es auch entindividualisiert. Es wird überschaubar, berechenbar und übertragbar. Darum beginnt sowohl für Strauss wie für Mansfield die Moderne mit Machiavelli.
Gegen die „Professionals“
Machiavellis Ziel, so Mansfield 1996, sei eine gedankliche Revolution der bestehenden Ordnung und zunächst eine Befreiung von der Herrschaft der Kirche gewesen, mit der Folge eines gesellschaftlichen Wandels. Machiavelli sah sich als geistigen Drahtzieher dieses Wandels. Er selbst ist der Fürst, der einzige Souverän („uno solo“, selbstgeschaffen), von dem sein größtes Buch handelt. Denn indem er den scheinbaren Fürsten (lokalen Potentaten) den Weg zur Macht beschreibt, werden sie zu seinen Exekutivorganen, denen er die Handlungsweise vorschreibt.
Auf lange Sicht waren für Mansfield das Ergebnis von Machiavellis Revolution die Professionalisierung der Politik, die politische Vorherrschaft des zweckgeleiteten Bürgergeistes und die Entindividualisierung der Politik, die in der indirekten Regierung der repräsentativen Demokratie ihren Ausdruck findet.
In seinem Buch „Taming the Prince“ von 1989 hatte Mansfield bereits als Konsequenz dieser Revolution die Zweischneidigkeit der modernen Exekutivgewalt dargelegt: „Die Exekutive übt Macht aus im Namen von jemand anderem“, erklärte er unlängst in einem Interview, „sie ist eine Art indirekter Regierung, sie handelt, ohne für ihre Taten direkte Verantwortung übernehmen zu müssen. In diesem Sinne ist sie schwach, denn sie kann immer sagen: ,Es tut mir leid, ich kann dir nicht helfen, denn das Gesetz sagt, ich darf es nicht.‘ Dies ist eine moderne Idee, die Plato und Aristoteles fremd war.“ Folgerichtig erklärte Mansfield in einem aufsehenerregenden Artikel im „Wall Street Journal“ vom 2. Mai, dass sich die Exekutive in Zeiten der Krise über die Bürgerrechte hinwegsetzen müsse.
In „Machiavellis Virtue“ (1996) hatte er behauptet: „Wenn in der direkten Regierungsform des Aristoteles noch klar zutage lag, wer regierte, so war in der indirekten Regierungsform Machiavellis nur noch wichtig, wie regiert wurde.“ Machiavelli also, nicht Hobbes, war es, der den Staat zuerst als Menschenwerk statt als gottgegebene Ordnung begriff. Auch Strauss hatte darauf schon hingewiesen. Wenn Machiavelli der Erste sei, meinte Mansfield etwas rätselhaft, dann sage das nur, „dass gelegentlich ein Akt der Tyrannis nötig sein kann, um die Freiheit zu retten“. In seinem Artikel im „Wall Street Journal“, der für eine starke Exekutive plädierte, schien denn auch Machiavellis Begriff des „uno solo“ durch, des alleinverantwortlich Handelnden, der durch konzentrierte Tatkraft (efficacy) und Ritterlichkeit (honorableness) den für eine freie Gesellschaft nötigen Frieden wiederherstellt. Allerdings war es gerade Machiavelli, der den unritterlichen Betrug als Mittel heiligte.
Mit Machiavelli beginnt für Mansfield gesellschaftspolitisch die Zeit der rationalen Kontrolle und damit die Tyrannei des Zwecks, der Professionalität und der radikalen Gleichheit. „Ein ,professional‘ zum Beispiel“, heißt es in „Manliness“, ist ein „Modell für die Geschlechterneutralität. ,Professionals‘ werden durch einheitliche Ausbildung geformt, nach objektiven Kriterien beurteilt und nicht durch männliche Taten auf die Probe gestellt. Obwohl ein ,professional‘ besser sein kann als ein anderer, sind alle ,professionals‘ gleichermaßen professionell. Man kann den einen durch einen anderen ersetzen. Eine Frau kann einen Mann ersetzen. Professionelle Ruhe, nicht männliche Leidenschaften charakterisieren sie oder ihn, und weder er noch sie werden sich vom Zorn überwältigen lassen wie jene, die manchmal einen Schurken vermöbeln wollen. ,Professionals‘ begegnen einander mit professioneller Zuvorkommenheit, aber niemals ritterlich.“
Politisch heißt dies: erkennen, dass wir, solange wir nur vernünftig oder zweckgerichtet handeln, der Tyrannis der Gedankenstruktur, der „rationalen Kontrolle“ von Machiavellis „Fürst“ unterliegen, also nicht souverän („uno solo“) handeln, sondern berechenbar sind. Gegen diese Entmachtung, so Mansfield, helfe nur die Wiederherstellung des klassischen „thymos“, jenes individuellen, irrationalen, unbändigen opferbereiten männlichen Mutes, für den Mansfield im Mai dieses Jahres in den Washingtoner Turbulenzen in seiner Thomas Jefferson Lecture, der ehrenvollsten Auszeichnung für einen amerikanischen Geisteswissenschaftler, eine Lanze brach. SUSANNE KLINGENSTEIN
Man redet viel über Leo Strauss, wenn nach den geistigen Wegbereitern des amerikanischen Neokonservativismus gefragt wird. Man sollte künftig mehr nach Harvey C. Mansfield fragen.
Text: F.A.Z.