Studienreform

Student sein ohne zu studieren

Von Jürgen Kaube

Bob Dylan oder Neil Young, Leibniz oder Newton: der Leibniz-Preisträger Heinrich Detering

Bob Dylan oder Neil Young, Leibniz oder Newton: der Leibniz-Preisträger Heinrich Detering

08. April 2009 „Nur in der Schriftform vorgelegt, im Vortrag gestrichen“ - so steht es über einem, dem letzten Absatz der Dankrede, die der Göttinger Germanist Heinrich Detering am 30. März bei der Verleihung des Leibniz-Preises der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an ihn und zehn weitere Wissenschaftler gehalten hat. Vielleicht waren es Zeitgründe, oder das Empfinden, bei einer Feier den Dank nicht in einer Klage oder gar kontrovers enden lassen zu sollen, die Detering vom Vorlesen dessen abhielten, was er geschrieben hatte. Denn das, was in Berlin nicht zum Vortrag kam, liest sich so:

„(Die) wissenschaftliche Freiheit fängt ja früh an, so wie das Glück über sie auch. Erlauben Sie, dass ich für einen kurzen Augenblick nur für mich allein spreche. Ich habe in den letzten Wochen oft an meine Studienzeit gedacht. Zum Beispiel an das dritte Göttinger Semester in der Germanistik und der Theologie; es ging um Kafka und Faust, um Melville und Raabe, um Säkularisation als sprachbildende Kraft, um Luthers Rechtfertigungslehre und um Leibniz und die Theodizee.

Es ging um die ersten und die letzten Dinge, mit einer Neugier, einer dringlichen Lernbereitschaft, einem Willen zum Wissen, wie er eigentlich nie hätte nachlassen sollen. Eine große Bereitschaft zur Verehrung unserer akademischen Lehrer mischte sich hinein und der Entschluss, selbst deren Lehrveranstaltungen ausfallen zu lassen, wenn wir gerade über selbstgeschriebene Texte debattieren mussten oder über die Willensfreiheit, oder wenn wir einander die Schallplatten vorspielten, die endlich den Wettstreit zwischen Bob Dylan und Neil Young entscheiden sollten.

Es war die entscheidende Zeit meiner Ausbildung, es waren die wunderbaren Jahre. Ich habe damals mit und den Freunden - im Studium, im Vor- und Nacharbeiten der uns gemeinsam bewegenden Fragen unseres Studiums - mehr gelernt als in den strikt durchgeplanten Zeiten des Examens. Unter anderem deshalb begann mir damals klar zu werden, dass etwas in dieser Art meine künftige Lebensform sein, und das hieß für mich: dass ich selbst Wissenschaftler werden wollte.

Ich stünde heute nicht hier, wenn es damals dieses studentische Leben nicht gegeben hätte. Und verbringe nun, im Alltag, viel Zeit damit, am selben Ort Studierende zu betreuen, deren Studienplan rabiater durchgerechnet ist als der Fahrplan der Deutschen Bahn und der keine Verspätungen duldet, keine waghalsigen und nur probeweise vertretenen Thesen und schon gar keine offenen Fragen. Die Fragen, die sie mir in den Sprechstunden stellen, gelten weder Kafka noch Leibniz, sondern der Punktzahl, die deren Lektüre in drei Monaten erbringt. - Von Kollegen höre ich, man könne sich ja nun dank dieses Preises dem Alltag der modularisierten Studiengänge durch Flucht entziehen und der eigenen Freiheit leben. Noch schöner wäre es, die Freiheit wäre auch die Freiheit der Anderslebenden.“

Abarbeiten statt einer Begabung folgen

So weit der Preisträger. Es ist eine seltsame Lage an deutschen Universitäten entstanden, wenn die besten ihrer Forscher mitteilen, sie hätten es nicht werden können ohne eine Freiheit des Lernens, deren Abschaffung sie selbst gerade erdulden und geduldet haben. Wohl wahr, dass jene Freiheiten der Seminarwahl, die sie für die einen waren, für die anderen einen Orientierungsverlust ersten Ranges darstellten. Wahr auch, dass es den meisten Professoren genügte, für sich selbst das Ideal der Einheit von Forschung und Lehre zu verwirklichen. Gefragt, ob es auch eine Einheit von Forschung und Lernen gibt und ob sie von der betroffenen Population gewollt wird, wurde nicht.

Also bestand schon früher der von Detering bezeichnete Unterschied zwischen denen, die in der Sprechstunde nach Kafka fragten und denen, die froh waren, wenn sie in der Sprechstunden nicht nach Kafka gefragt wurden. Vielleicht hat ihn Detering damals nicht bemerkt, vielleicht hat er ihn aber auch nur in seinem Argument weggelassen. Dafür gibt es immerhin den guten Grund, dass heute die Lastverteilung eine ganz andere ist. Lag es früher an jedem Studenten, auch ein Studierender in Deterings Sinne zu sein, so ist es inzwischen in vielen Fächern für Begabte nicht mehr möglich, ihrer Begabung frei zu folgen. Sie sind gehalten, Kurse abzuarbeiten, die mitsamt der Pflicht, sie zu belegen, für Leuten entwickelt wurden, denen man diese Begabung insgeheim abspricht, weshalb man ihr Studium ja „verschult“.

Spaltung in der Lehre

Ein Effekt, den diese Präferenz für verschulungsbedürftige Studienverläufe haben wird, liegt auf der Hand: Das Studium wird in weiten Bereichen für die besseren Abiturienten uninteressant. Dem können sie sich durch Wechsel ins Ausland entziehen, durch innere Kündigung während der ersten sechs Semester bis zum Bachelor oder durch Wahl eines Faches, in dem sie sich noch nicht gut genug auskennen, um den verschulten Unterricht langweilig zu finden. Oder man wählt gleich ein Fach, bei dem Begabungs- und Interessenfragen nachrangiger Natur und fahrplanmäßige Studienverläufe weniger inadäquat sind.

Einen zweiten Effekt deutet Detering mit dem an, was er „von Kollegen höre“: die absehbare Spaltung der Professorenschaft in solche Lehrer, die sich für den Humboldtbereich des Studiums - irgendwo zwischen Masterabschluß und Graduiertenschule - zuständig finden und solche, die in den Sprechstunden über Punkte diskutieren dürfen. Auch dieser Unterschied wird sich, nicht jedem einzelnen Fall, aber im Durchschnitt, als einer der Begabung erweisen. Die besten Forscher werden mit Geldern ausgestattet, deren Verwendung sie nolens volens von der Lehre abziehen wird. Um in Deterings Bild zu bleiben droht ein Zustand der Harmonie, wenn Studenten, die nicht über Leibniz reden wollen, in den Sprechstunden auf Dozenten treffen, die nicht oder jedenfalls nicht lebendig über Leibniz sprechen können.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Rainer Wohlfahrt

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