Unheiliger Bruno

18. April 2005 Der Kreis der Theoretiker, die in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts mit Hegel gegen Hegel denken wollten, hat in der Geschichte der politischen Ideologien eine bedeutende Wirkung gehabt, die in mehr als eine Richtung ausstrahlte. Einander überbietende Programme der Kritik lösten sich in schnellem Wechsel ab. Man könnte von einem philosophischen Versuchslabor der Moderne sprechen. In Michail Bakunin und Max Stirner findet man die großen gegenstrebigen Figuren des Anarchismus, mit David Friedrich Strauß und Ludwig Feuerbach läßt sich die Linie von der Evangelienkritik zum philosophischen Materialismus ziehen, Marx und Engels dominierten die Lehren der Arbeiterbewegung. Der zeitweise mit ihnen verbündete Moses Heß schließlich wurde mit seinem Buch "Rom oder Jerusalem" zu einem der wichtigsten Vorläufer des Zionismus. Weniger bekannt ist, daß zu den Zerfallsprodukten der Junghegelianer auch der Antisemitismus und imperialistische Ideen zählten. Es war Bruno Bauer, der in einem Artikel über "Das Judentum in der Fremde" für das 1861 erschienene "Staats- und Gesellschafts-Lexikon" diese Richtung einschlug (Nikolaus Lobkowicz, "Plattfuß und Sphinx. Bruno Bauer über Juden und Rußland", in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, Jg. 8, Heft 2. Böhlau-Verlag, Köln, Weimar und Wien 2004).

Den meisten Lesern dürfte Bruno Bauer nur mehr aus der "Deutschen Ideologie" von Marx und Engels bekannt sein, einer Schrift der Abrechung mit den ehemaligen Freunden unter den Junghegelianern, in der sich der historische Materialismus aus der polemischen Auseinandersetzung mit anderen republikanischen oder philosophisch-materialistischen Tendenzen der Zeit konstituieren sollte. Daß bei Bauer aber mehr zu finden ist, dafür spricht schon seine (auf Tocqueville zurückgehende) Prognose aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, Rußland und Nordamerika würden eines Tages die weltgeschichtlich entscheidenden Mächte sein und Europa auf den zweiten Platz verweisen. Weil er zudem unter dem dem Eindruck Napoleons III. und Bismarcks eine "cäsaristische" Zukunft heraufziehen sah, gilt er auch als Vorläufer Spenglers, obwohl der Verfasser des "Untergangs des Abendlandes" Bauers Schriften wohl kaum gekannt haben dürfte.

Marx und Engels hatten Bauer als "Sankt Bruno" verspottet, der mit einem Programm der umfassenden theologisch-politischen Kritik im bloßen Überbau verblieben sei. In seiner facettenreichen ideengeschichtlichen Studie kehrt Lobkowicz dieses Urteil um: "Es hat fast ein Jahrhundert gedauert, bis selbst vom Marxismus Beeinflußte zu entdecken begannen, daß Bauers von Marx verhöhnte Vorstellung von der Wirksamkeit einer rein literarischen Kritik im Grunde nicht wirklichkeitsfremder war als Marxens Überzeugung vom revolutionären Potential des Proletariats."

Bauers Ausgangspunkt war die Kritik der protestantischen Exegese. Er hatte nicht Philosophie, sondern Theologie studiert. An der Herausgabe von Hegels religionsphilosophischen Vorlesungen wirkte er noch mit. Bald aber glaubte er in den Evangelien nur mehr die Produkte der literarischen Einbildungskraft zu erkennen, die sich von den Göttergeschichten Homers und Hesiods nicht grundsätzlich unterschieden. Er verlor deswegen seine Dozentur in Bonn. Unter dem Eindruck des römischen Kaiserkultes, so Bauer, habe sich griechische Philosophie mit einer allegorisch gedeuteten jüdischen Tradition verbunden, um die Legende vom menschgewordenen Logos zu verkünden. Das Christentum gehe mithin - und hier sieht Lobkowicz eine Weichenstellung für den späteren Antisemitismus Bauers - nicht primär aus dem Judentum, sondern aus der "Steigerung des Griechentums" hervor.

Bauers Kritik des Judentums geht, wie viele judenfeindliche Tendenzen der Aufklärungsphilosophie, vom traditionalistischen Charakter eines Bekenntnisses aus, das sich der Auflösung in Reflexion widersetze - während das Christentum seine eigene Transformation hervorgebracht habe. Dieser Gedanke wird dann in Bauers sechzigseitigem Lexikonartikel weitergeführt: Der Glaube der Juden gehöre einer weltgeschichtlichen Vergangenheit an, er sei "antiquiert, mit dem Heidentum auf eine Stufe herabgedrückt" und "paganisiert". Die Enttäuschung über diese ihre Lage treibe die Juden zur Empörung und dazu, "den Groll und die Verbitterung zu einer weltgeschichtlichen Macht zu erheben". So würden sie, referiert Lobkowicz, "jeder Unruhe zujubeln, jede Revolution bejahen, dabei aber jeweils nur das Alte, also sich selbst, anstreben". Ihre "rohe Natürlichkeit" sperre sich gegen den Geist. Lobkowicz hält allerdings fest, daß Bauer auf die Polemik ad personam weitgehend verzichtete. Dennoch bleibt das Faktum, daß Bauer den Schritt von der "kulturellen" zur "anthropologischen" Feindschaft gegenüber den Juden vollzog, indem er ihren Körperbau karikierte.

Auch Bauers Überlegungen zur Zukunft Rußlands sieht Lobkowicz aus der frühen Protestantismus-Kritik und den Gedanken zum Kaiserkult hervorgehen. Die demokratisch-liberale Angst vor dem Zarismus und die konservative Hoffnung auf Rußland als christliche Ordnungsmacht habe Bauer originell im Bild von Rußland als der "Sphinx" verbinden können. Seine Forschungen zur Antike bestärkten ihn in der Überzeugung, daß der europäische Niedergang durch ein kommendes Universalreich aufgefangen werde. Dabei werde sich das russische Element mit dem deutschen verbinden müssen. Es fehlte nicht an Stimmen, die, wie Marx, in Bauer eine bezahlten russischen Einflußagenten sahen - was Bauer aber vehement bestritt. Seinen Schriften war eine weittragende Wirkung versagt. Lobkowicz glaubt, ihm habe ein Friedrich Engels gefehlt, "der ja Marx nicht nur finanziell unterstützte, sondern auch ein glänzend formulierender Verbreiter seiner Lehren war." Lorenz Jäger

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