Orientalismus

Außereuropäische Liturgien als Korrektive

16. September 2007 Die Ideenwelt der politischen Klasse in Deutschland ist, ebenso wie die der Intellektuellen in ihrer Mehrheit, von der normativen Vorstellung eines „langen Wegs nach Westen“ geprägt, dem der Historiker Heinrich August Winkler die prägnante Formulierung gegeben hat. Der Blick ist zum Atlantik gerichtet, die politischen Traditionen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs gelten weithin als Vorbilder für Deutschland.

Wo liegt der Orient?

Wenn es hierzulande unter den Denkenden eine Ausnahme von dieser geopolitischen Gemeinsamkeit gibt, dann ist es der Schriftsteller Martin Mosebach, der in wenigen Wochen den Büchner-Preis erhält. In seinen Werken der vergangenen Jahre spielt der Orient eine überragende Rolle. Wiederholt hat er Indien, die Türkei, Ägypten und Marokko bereist. Aber was ist sein Orient? Wo liegt er? Ein anderer großer Schriftsteller, Jorge Luis Borges, hatte von einer geographischen Definition Abstand genommen. Marokko etwa liege westlich von Deutschland, dennoch gehöre es zum evidenten inneren Bild des „Orients“. Borges also argumentierte stattdessen literarisch: Der Orient war ihm schlicht jenes große Gebiet, das sich dem Leser von „Tausendundeine Nacht“ eröffnet. Es reicht vom Maghreb im Westen (von wo der böse Zauberer in „Aladin und die Wunderlampe“ kommt) über Kairo und Baghdad, die Stadt des Kalifen Harun Al Raschid, weiter nach Osten: Sindbad erreicht auf seinen Irrfahrten Ceylon; und schließlich, ganz in der Ferne, kommt man zu den chinesischen Märchenkaisern.

Mosebachs Orient dürfte sich seiner Ausdehnung nach mit dem Borgesschen Zauberland decken. Aber er ist anders bestimmt, nicht rein literarisch, auch nicht ausschließlich politisch, sondern theologisch. Die Kritik hat Mosebach allzusehr von seiner Generation – er wurde 1951 geboren – abzugrenzen versucht. So wollte man in ihm vor allem den Fürsprecher einer unlängst ausgerufenen „neuen Bürgerlichkeit“ sehen. Dabei geriet aber aus dem Blick, dass gerade seine Alterskohorte schon in den siebziger Jahren Indien entdeckte, als die eben noch revolutionär Gestimmten in großen Scharen zu den Gurus wie Bhagwan-Osho in Poona pilgerten, sich dem Zen-Buddhismus verschrieben und mehr oder weniger künstliche Paradiese in Marokko suchten. Wer diese religiösen Energien und Sehnsüchte der Nach-Achtundsechziger ausblendet, wird auch für Mosebachs Orientreisen – die freilich viel später und unter anderen Voraussetzungen stattfanden – kein rechtes Verständnis aufbringen.

Nicht alles ist römisch

Gerade Mosebachs vieldiskutierte Streitschrift zur Lage der katholischen Kirche, „Häresie der Formlosigkeit“, soeben in einer erweiterten Ausgabe erschienen (F.A.Z. vom 12. März), trägt einen Untertitel, der den oberflächlichen Leser in die Irre führen kann: „Die römische Liturgie und ihr Feind“. Er legt eine Lesart nahe, die auf die Verbindungen zur klassischen Antike besonderen Wert legt, und sicher wäre sie auch Mosebach nicht ganz fern. Hat er doch immer wieder hervorgehoben, wie sehr gerade die alte Messe durch die lateinische Sprache eine Verbindung der Gegenwart nicht nur mit Rom, sondern mit dem antiken Erbe schlechthin bewahrt.

Nur: dies wäre eine „klassizistische“ Ansicht, die dem ewigen Gegenspieler des Klassischen, dem Orient, keinen Raum ließe. Und nun fällt auf, welche Rolle in Mosebachs Gedankengang eine nicht- oder nur bedingt europäische liturgische Überlieferung spielt: die der Ostkirche zumal, dann die der äthiopischen und syrischen Christen, schließlich die der äygptischen Kopten. Sie alle erscheinen ihm als Korrektive einer nur europäischen und am Ende nur scholastisch gedeuteten Tradition. Denn bei ihnen fand Mosebach, was die Reformer der Liturgie in den siebziger Jahren bestritten: Eine lebendige Gegenwart der uralten Formen, Gebräuche, Geräte und Gesten des Gottesdienstes. Damit aber auch des inneren Sinns der Liturgie. Und wenn sich die Reformer auf die Urchristen beriefen, bei denen es, wie sie glaubten, zwangloser und mit weniger formalem Aufwand zuging, so konnte Mosebach ihnen entgegenhalten, dass vieles von dem, was ihnen fremd und veraltet, weil bloß gegenreformatorisch erschien, sich im heutigen Orient findet und mit größerer Wahrscheinlichkeit auf die frühe Gemeindepraxis zurückgeht als die neue Form des Gottesdienstes.

Doderer als Zen-Meister

Dieser Befund eines dem Gedankengang immanenten Orientalismus, eines plötzlich nahegerückten „Ostens“, wird durch die literarischen Werke Mosebachs bestätigt. Schon der Roman „Die Türkin“ brachte den Patriarchalismus eines näheren, nächsten Ostens ins Spiel, damit auch das historisch von den Türken überlagerte Byzanz. Der Essay über Heimito von Doderer, kürzlich in der Schriftenreihe der Siemens-Stiftung erschienen, unterlegte dem bogenschießenden Romancier eine Affinität zur Übung der japanischen Zen-Meisterschützen und ihrer meditativen Praxis. „Das Beben“, Mosebachs vorletzter Roman, schildert mit großer Sympathie ein indisches Kleinkönigtum mit all seinen raffinierten religionspolitischen Überhöhungen. Und im jüngsten Roman, „Der Mond und das Mädchen“, taucht eine syrische Christin auf; eine marokkanische „Sheika“ inszeniert einen derwischartigen Reinigungsritus, der indes die Besessenheit nicht wirklich zu lösen vermag. Wir lesen einen Frankfurt-Roman, dessen Personal zu einem großen Teil jenem Orient entstammt, den der Essayist Mosebach gegen die europäischen Kirchenreformer in Stellung brachte. „Neubürgerlich“ ist das nun nicht. Lorenz Jäger

Text: F.A.Z.

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