Von Patrick Bahners
25. Juni 2008 Der Eintrag über Hugh Trevor-Roper im „Blackwell Dictionary of Historians“ aus dem Jahre 1988 stammt von Peter Burke. Der Kulturhistoriker vom Emmanuel College in Cambridge, selbst Verfasser zahlreicher essayartiger kleiner Schriften, nannte es bedauerlich, dass Trevor-Roper, der damals vierundsiebzig Jahre alt war und gerade das Rektorat von Peterhouse in Cambridge niedergelegt hatte, seine intellektuelle Energie verschleudert habe, statt die große Untersuchung über Politik und Kultur im Europa des siebzehnten Jahrhunderts vorzulegen, die auszuarbeiten er fähig sei. Als Autor, der den Streit zu suchen scheine, sei er oft am brillantesten, wenn auch nicht am scharfsichtigsten, wenn er über Individuen und Gruppen schreibe, die er nicht möge – Erzbischof Laud, Hitler, den Klerus, die Schotten.
In der „London Review of Books“ vom 22. Mai hat Colin Kidd, Professor der Geschichte in Glasgow und Fellow des All Souls College in Oxford, eine Rezension des publizierten Nachlasses von Trevor-Roper veröffentlicht, die Burkes Urteile bestätigt und korrigiert. In der Mayerne-Biographie möchte Kidd das lange vermisste Hauptwerk zum siebzehnten Jahrhundert erkennen, da in der Person dieses Hofarztes sich die Linien von Diplomatie, Konfessionspolitik und Gelehrsamkeit schneiden. Die soeben erschienenen Vorlesungen über die Erfindung Schottlands, die Trevor-Roper 1980 in Atlanta hielt und selbst für den Druck erweitert und eingerichtet hatte, der dann unterblieb, lobt Kidd als brillant – und als scharfsichtig.
In seiner Dissertation über die schottischen Whig-Historiker hat Kidd sich mit der ersten der drei von Trevor-Roper traktierten Epochen schottischer Nationallegenden beschäftigt, der Liste der vierzig schottischen Könige des Altertums, denen der humanistische Erzieher des späteren Königs Jakob VI. (und I. von England) und neulateinische Dichter George Buchanan zu einem Zeitpunkt kritische Legitimität verschaffte, als andere Nationen sich aus der Kindesbefangenheit ihrer mittelalterlichen Gründungsmythen lösten. Buchanan bewies mit den Märchen von den Rebellionen gegen die Bösen unter den Königen der Urzeit die Existenz einer alten, aristokratisch-quasirepublikanischen schottischen Verfassung.
Der dritte Abschnitt des Buches ist aus Eric Hobsbawms berühmtem Sammelband „The Invention of Tradition“ bekannt: Trevor-Roper erzählt, wie es dazu kam, dass Georg IV. bei seinem von Sir Walter Scott organisierten Besuch in Edinburgh 1822 in einer Tracht Hof hielt, die, wie der Historiker Macaulay später witzig bemerkte, vor der Union der Königreiche neun von zehn Schotten für die Kleidung eines Diebes gehalten hätten. Macaulay, der große englische Whig-Historiker, den Trevor-Roper gegen den Vorwurf des Philistertums verteidigt hat, stammte selbst von Hochländern ab. Trevor-Roper ist in Northumberland aufgewachsen, an der Grenze zu Schottland, und war mit einer Schottin verheiratet, der Tochter des Feldmarschalls Haig. Jahrzehntelang verbrachte er die Universitätsferien in dem Haus, das Scott, dessen Stil zivilisationshistorischer Sittenmalerei Macaulay in die Historiographie übertrug, für seine Tochter und seinen Schwiegersohn und Biographen Lockhart gebaut hatte.
Die Briefe an Berenson sind voll von boshaften Beschreibungen der barbarischen Sitten der Schotten – für den Editor Davenport-Hines wahrscheinlich Hauptbelege der von ihm gerühmten Ironie des Epistolographen, wobei man sich allerdings wie bei den Invektiven gegen andere Gruppen wie die Katholiken und die Deutschen fragt, was genau ironisch im Sinne von nicht ernst gemeint sein soll. Das postum von Jeremy Cater edierte Buch hätte der Schlussstein der mit der Erhebung ins Oberhaus belohnten publizistischen Kampagne Trevor-Ropers gegen das schottische Streben nach Selbstregierung sein sollen. Heute ist das von Trevor-Roper abgelehnte Parlament in Edinburgh Wirklichkeit, und es spricht einstweilen immer noch nichts gegen die von ihm in Übereinstimmung mit der whiggistischen Historiographie seit der schottischen Aufklärung artikulierte Überzeugung, dass die Union der Parlamente der Motor des Fortschritts in Schottland war. Eine nationale Identität eines unabhängigen Schottland, so die in charakteristischer Schroffheit ausgesprochene Botschaft des Buches, könnte nur auf Fiktionen basieren.
Diese These muss von der pauschalen Verwerfung des phantastischen Anteils an jedem kollektiven Selbstbild unterschieden werden, wie sie in der postmodernen Nachfolge von Hobsbawms Erfolgsbuch um sich griff. Die teleologische Integration nationaler Erfahrungen in der Geschichtsschreibung großen Stils hat es auch in der Historiographie Schottlands gegeben – das Telos war hier aber die Union mit England. Ein schottischer Nationalstaat im heutigen Europa wäre in Trevor-Ropers Perspektive demnach ein verschärfter Anachronismus. Die kritische Selbstreflexion des Nationalgeistes, die in Schottland verspätet einsetzte, würde wieder rückgängig gemacht.
Neu in „The Invention of Scotland“ ist der aus den Quellen gearbeitete Mittelteil über den poetischen Nationalmythos: die von James Macpherson niedergeschriebenen Epen des Barden Ossian. Kidd sagt den Thesen dieser drei Kapitel eine explosive Wirkung in der Spezialforschung voraus. Trevor-Roper interessiert sich dafür, wie Macphersons Erfindungen Glauben finden konnten, und schildert, wie man heute sagen würde, zwei Netzwerke, die sich nur in wenigen Personen überschnitten. Geistesgeschichtlich ordnet er die Ossian-Mode in den Zusammenhang der romantischen Begeisterung für den edlen Wilden ein. Zu den von Burke genannten Desideraten zählt ein Buch Trevor-Ropers über die Aufklärer, die er doch offenkundig so viel lieber möge als Klerus und Schotten. Auch in dieser Nachlasspublikation stellt Trevor-Roper wieder wie sein Freund Isaiah Berlin die Wirkungen der Aufklärung im Spiegel ihrer Kritik dar.
Das Verfahren seiner Sozialgeschichte hat hier etwas Genialisches oder doch, wenn man so sagen kann, Kongenialisches: Er behandelt Macpherson als unedlen Wilden, geht aus von der Prämisse, dass er nicht gebildet genug war, um den Betrug allein ins Werk zu setzen. Und sozusagen auch nicht primitiv genug. Er habe nicht genug Gälisch gekonnt, um die Manuskripte der alten Balladen auswerten zu können, die er auf seiner von Edinburgher Gönnern finanzierten Studienreise in den Hochlanden einsammelte. Ossian, das Corpus wie der gegen irische Antiquare und Londoner Literaten verteidigte gute Name, erscheint bei Trevor-Roper als Werk des Clans Macpherson. In Lachlan Macpherson, dem Laird von Strathmashie, vermutet Trevor-Roper den Autor der 1807 gedruckten vermeintlichen gälischen Originale der ossianischen Epen. Nach Lachlan Macphersons Tod entzog sich James Macpherson der philologischen Kritik und begann ein neues Leben als Indien-Lobbyist in Westminster – eine hübsche Variante auf das aus der whiggistischen Historiographie vertraute Thema der Korruption als Nebenfolge der Union.
Das zweite Netzwerk, ohne das es Ossian nicht gegeben hätte, waren die Literatur- und Kulturtheoretiker von Edinburgh, die zu wissen meinten, dass ein nordischer Homer existiert haben müsse. Hier berühren wir einen möglichen Grund der Nichtpublikation von Trevor-Ropers Buch, den der Herausgeber nicht erwähnt. Besonders naiv stellte sich der Kritikerpapst von Edinburgh an, Hugh Blair. Genüsslich erwähnt Trevor-Roper, dass Blair das Amt eines Königlichen Professors bekleidete. Blair las kein Gälisch. Als der frühere Königliche Professor für neuere Geschichte in Oxford 1983 die Echtheit der Hitler-Tagebücher bestätigte, lautete eine Erklärung, dass er nicht gut genug Deutsch verstehe.
Fälschungen waren ein Lebensthema Trevor-Ropers. Er glaubte, wie aus den Briefen an Berenson hervorgeht, dass er seinen Kollegen Lawrence Stone des Betrugs überführt hatte. Über Sir Edmund Backhouse, den Ästheten, der die Geschichte des Hofs der Kaiserinwitwe Cixi fälschte, schrieb er ein Buch, das Burke als sein exzentrischstes verurteilte – für meinen Geschmack ist es sein bestes. Trevor-Roper hat mehr Bücher hinterlassen, als selbst seine Freunde ihm zugetraut hatten. Ein unheimliches Detail: Einen Beweis der Echtheit der Hitler-Tagebücher hatte er darin sehen wollen, dass sie Teil eines umfangreichen Archivs waren, das komplette Buchmanuskripte Hitlers enthielt – Bücher über Jesus, Friedrich den Großen und ihn selbst. patrick bahners
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Foto dpa