Blumenbergs Nachlass

Fragmente des Münsterschen Ungenannten

12. Dezember 2007 Im Suhrkamp Verlag ist kürzlich ein grau eingeschlagener, mit einem schwarzweißen Umschlagfoto geschmückter Band erschienen, der sich in diesen Tagen nicht nur wegen seines Formats – handlich, aber nicht zu schmal – als Geschenkbuch für Anspruchsvolle empfiehlt. Als Autor wird auf dem Umschlag Hans Blumenberg genannt. Der Titel klingt witzig: „Der Mann vom Mond“; es handelt sich um ein Buch „Über Ernst Jünger“. Über den Autor steht auf der hinteren Umschlagsklappe: „Hans Blumenberg (1920-1996) war Professor für Philosophie an der Universität Münster.“ Es folgt unter der Überschrift „Zuletzt erschienen“ eine Aufzählung von fünf Büchern im gleichen Verlag, von „Die Verführbarkeit des Philosophen“ aus dem Jahr 2000 bis zur „Theorie der Unbegrifflichkeit“, die im selben Jahr herausgekommen ist wie die Aufzeichnungen über Jünger und wie der in ähnlicher Ausstattung vorliegende „Briefwechsel“ mit Carl Schmitt. Es scheint sich bei Hans Blumenberg also um einen Autor zu handeln, der eine Produktivität wie ein Norbert Bolz entfaltet – das aber postum! Wo zuletzt schon soviel erschienen ist, wieviel mag da erst noch kommen?

Einen Philosophen sehen,
der sich nicht zeigen wollte

Mit dieser Frage beschäftigte sich jetzt unter dem Präsidium von Bernd Stiegler aus dem Suhrkamp Verlag eine Editorentagung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, wo Blumenbergs Nachlass verwahrt wird. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat soeben Geld für die Erschließung des Nachlasses bewilligt.

Über die beiden Herausgeber des Jünger-Bandes, Alexander Schmitz und Marcel Lepper, die auch für die Herausgabe des Briefwechsels mit Schmitt verantwortlich zeichnen, machen die Klappentexte der beiden Bücher keine Angaben. Man wird das Vorenthalten jeder biographischen Information eher der Scheu des Verlages vor allen „akademisch“ aussehenden Paratexten zuschreiben als einer Tarnungsabsicht der beiden jungen Wissenschaftler. Gleichwohl sind sie nun in jener Quasi-Anonymität vor die Leser getreten, die, wie Manfred Sommer (Kiel) in Marbach darlegte, wesentlich zur Selbstpräsentation des Autors Blumenberg gehörte. Die einheitliche Gestaltung der großen Suhrkamp-Bände, graues Leinen mit weißem Umschlag, habe wie das legendäre „Bilderverbot“, die Weigerung, neben dem einen ewig gleichen Katalogfoto weitere Autorenfotos zu autorisieren, ein unausgesprochenes Motto ausgedrückt: Ich will ganz deutlich gesehen werden als derjenige, der sich nicht zeigt. Lepper und Schmitz legten auf der Tagung freimütig Rechenschaft über ihre Prinzipien und Absichten ab. Die beiden Bände, die – im Schmitt-Band in den umfangreichen „Materialien“ zum nur fünfzehn Briefe umfassenden Briefwechsel – glossenartige Texte sammeln, die der Verfasser nicht zur Publikation vorbereitet, sondern lediglich zu großen Teilen in thematischen Mappen zusammengestellt hatte, sind als „Provokation“ und „Experiment“ gedacht.

Das Interesse des Herausgebers

Im Universum von Blumenbergs Arbeitsmitteln bilden die Mappen einen Komplex, den der Philosoph mit der Sigle UNF markiert. Auf dem Deckblatt einer Mappe, die Ulrich von Bülow, der Leiter der Marbacher Handschriftenabteilung, zeigte, wird das Kürzel als „Unerlaubte Fragmente“ aufgelöst. Wahrscheinlich ist, dass man in dieser Aufschlüsselung eine späte, vorauseilende Parodie des Scharfsinns der Blumenberg-Philologie zu sehen hat und dass in der ursprünglichen Einteilung des Textmaterials einfach Unfertiges gemeint war. Drei Konzepte des Edierens nachgelassener Schriften will Lepper unterscheiden: die „biographisch-testamentarische“, die „philologisch-dokumentarische“ und die „interessierte Herausgabe“. Kämen Herausgeber nicht mehr aus der Schülergeneration, brächten sie ein Interesse mit, das sowohl thematisch wie strategisch sei. Ebenso viel Platz wie Briefe und ausführlicher Stellenkommentar zusammen nimmt daher im Schmitt-Band ein „Nachwort“ der Herausgeber ein, eine kleine Abhandlung zur zwischen Blumenberg und Schmitt strittigen Sache, dem Selbstverständnis der Neuzeit.

Sommer, Blumenbergs Schüler und Assistent, der zunächst gemeinsam mit einem Sohn Blumenbergs, dann alleinverantwortlich von Blumenberg vorbereitete oder konzipierte Bücher wie 2006 „Die Beschreibung des Menschen“ eingerichtet hat, hielt dagegen: Der Herausgeber dürfe kein theoretisches Interesse verfolgen, denn über dieses Interesse werde man in zehn Jahren gähnen oder lachen. Mit Grausen malte sich Sommer mögliche aus den Tiefen von UNF gehobene Nachfolgebände der Jünger-Blütenlese aus, über Schopenhauer oder Hitler. Material ist genug da: Unter UNF sind geschätzte zehntausend Typoskriptseiten abgelegt.

Auch Anselm Haverkamp (Frankfurt an der Oder), der Herausgeber der schmalen „Theorie der Unbegrifflichkeit“, möchte die Arbeitsproben von Schmitz und Lepper nicht als Modelle gelten lassen. Ihm missfällt, dass Blumenberg nun „in die Schmitt-Ecke“ geschoben worden sei, „es gibt ja immer Abnehmer für so etwas“. Und dann auch noch Jünger! Haverkamp sieht für Blumenberg eine andere, respektabler ausgeleuchtete Ecke der Gelehrtenrepublik reserviert, in die ihn die Editoren mit vereinten Kräften bugsieren sollen. „Wie sortieren wir Blumenberg in die französische Theorieformation ein?“ Als „verkappter französischer Philosoph“ habe er schließlich sein Leben lang gegen Schmitt, Gadamer und Joachim Ritter „angearbeitet“ Ziel der Werkabrundung aus dem Nachlass müsse sein, Blumenberg „als epochal wirksamen Philosophen zu etablieren“. Der komplettierte Blumenberg „muss ein starker Autor bleiben“, weshalb Haverkamp den von Sommer aus pragmatischen Gründen befürworteten Vorschlag skeptisch sieht, den Nachlass als Nachlass zu drucken, also in der vom Autor hinterlassenen Reihenfolge und Form.

Blumenberg, der Franzose

Das Menetekel der Schwächung des stärksten Autors, von Martin Bauer (Hamburg) in der Diskussion in dramatischen Worten beschworen, ist die Nietzsche-Ausgabe von Colli und Montinari, die mit dem von der Schwester aus dem Nachlass montierten Überautor auch die Positivität der von Nietzsche zu Lebzeiten publizierten Werke zerstörte. Haverkamp plädierte für eine Teilpublikation von UNF nicht in Auswahl, sondern als Ausschnitt. Eine solche exemplarische Dokumentation der „Arbeitsweise“ Blumenbergs soll unser Verständnis der Stärken des Autors dann allerdings doch umstürzen, ihn nämlich ein für allemal als Ehrenfranzosen retten, als Nietzsche unserer Zeit, der wie sonst nur Derrida „die Verantwortung gegenüber dem Werk nicht als dessen Wahrheit propagiert“ habe. Sommer widersprach: Blumenbergs veröffentlichte Werke hätten „gar nichts Experimentierendes“, böten keine Vorschläge oder Überlegungen im Konjunktiv, sondern Einsichten mit dem Anspruch des „So ist es“. Die Arbeitsweise des Philosophen sei auf editorischem Wege gar nicht zu erforschen. In der Vorlesung, erzählte Sommer, setzte Blumenberg einen kleinen phänomenologischen Werkzeugkasten ein. Er enthielt einen Würfel, dessen Unterseite zur Enttäuschung der Erwartung, er habe sechs gleiche Seiten, mit einem Heidegger-Foto beklebt war. Haverkamp muss hoffen, nicht nur wohlpräparietes Altbekanntes zu finden, wenn er die „Unterseite der legendär gewordenen narrativen Entwürfe“ von der „Legitimität der Neuzeit“ bis zu den „Höhlenausgängen“ inspizieren möchte.

Bescheiden nimmt sich dieses Vorhaben neben dem von Lepper vorgestellten Plan aus, auch die Unterseite der siebzehn Tagungsbände der Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“ durch Quellenforschungen zu erschließen. In Verallgemeinerung des strategisch-thematischen Interesses hinter dem Blumenberg-Schmitt-Band sollen die Briefwechsel der maßgeblichen Mitglieder des Arbeitskreises nicht vollständig ediert, wohl aber erfasst und aufbereitet werden. Die dafür im Konstanzer Exzellenzcluster eingestellte Projektmitarbeiterin hat, wie Lepper – ein Lächeln zog über sein Gesicht – mitteilen konnte, „die Kartierung des Terrains“ bereits „geleistet“. Die Deutungskraft eines „Latenzmodells“ in der „Poetik und Hermeneutik“-Hermeneutik sollte illustrieren, dass Blumenbergs Gießener Kollege Clemens Heselhaus dem Ministerium als Vorbild die Bibliothek Warburg nannte – trotz seiner NS-Verstrickung!

Lepper ist in Marbach Leiter der Arbeitsstelle für die Erforschung der Geschichte der Germanistik. Seinen editionsphilosophischen Entscheidungen wird Präzedenzcharakter zukommen, da Marbach unter dem Direktorat von Ulrich Raulff die Pflege von Gelehrtennachlässen zu einem Markenzeichen machen möchte. Wenn Archivforschung nicht nur Texte rekonstruiert, auch nicht nur Werkzusammenhänge, sondern sich in Leppers Worten „die Rekonstruktion der vielen Taubes-Konflikte“ vornimmt und zwar „in toto“, dann setzt sich in der Geschichte der Geisteswissenschaften ein Latenzmodell durch, das Werke durch Vorstufen ersetzt, diese durch Briefe und diese wiederum durch Ungeschriebenes.

Hans Blumenberg hätte solcher Esoterik Pointen abgewonnen. „Mein Vater“, sagte Bettina Blumenberg in Marbach, „liebte die Camouflage, und es hat ihn diebisch gefreut, dass die Leute sich die Köpfe heißreden“. patrick bahners



Text: F.A.Z.

 
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