
Zu wenig "sexy" fänden viele Studenten die Seminarankündigungen an der Vanderbilt University, beklagt die Germanistin Barbara Hahn
04. April 2009 Die Selbstzweifel, welchen Bildungssinn und welche darüber hinausgehenden Effekte die Beschäftigung mit Literatur oder Philosophie haben kann, gehören zur Rolle des Professors in diesen Fächern. Der Historiker Anthony Grafton hat sie vor einiger Zeit in der Zeitschrift New Yorker so zusammengefasst: Jeder, der auch nur einmal an einem College oder einer Universität unterrichtet hat, teilt diese Erfahrung. Du stehst beispielsweise an einem Pult in einem staubigen Raum und liest vor Teenagern, über denen Wolken von Hormonen aufsteigen, gibst ein Seminar in der Hoffnung, dass sich eine Frage finden lässt, über die sie diskutieren, obwohl es Frühling ist, und niemand hat die Pflichtlektüre gelesen ... Warum stehen die Professoren im Zeitalter des Internets noch immer an ihren Pulten, um fünfzig Minuten am Stück auf nicht steuerbare Horden einzuquatschen, deren Baseballkappen nicht verbergen können, dass sie Schlaf in den Augen haben? ... Warum zwingen wir unsere Studenten, wenn die meisten von ihnen Lehrer werden wollen, dazu, jahrelang an unglaublich spezialisierten Dissertationen zu feilen, die, wenn sie überarbeitet und publiziert worden sind, Leserzahlen im hohen zweistelligen Bereich erlangen? Das alles scheint bizarr, hat nichts miteinander und nichts mit dem modernen Leben zu tun, und man darf sich nicht wundern, wenn nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern auch Eltern, Geldgeber und die Universitätsverwaltungen davon ziemlich irritiert sind.
Die in Nashville (Tennessee) lehrende Germanistin Barbara Hahn stellt einem gerade veröffentlichten Beitrag über amerikanische Universitäten diese Worte Graftons voran (Paradiese im gelobten Land? oder The university in ruins?, in: Was ist eine Universität?, hrsg. von Ulrike Haß und Nikolaus Müller-Schöll, Transcript Verlag, Bielefeld 2009). Sie fragt, wie es sein kann, dass amerikanische Universitäten wie diejenige Graftons - er lehrt in Princeton - von Geisteswissenschaftlern in der ganzen Welt beneidet werden, wenn ihre Selbstbeschreibung so sehr der Misere andernorts ähnelt. Von ihrer eigenen Hochschule, der Vanderbilt University, die zu den zwanzig besten amerikanischen Universitäten gerechnet wird, berichtet Hahn, wie oft es dort vorkomme, dass ihre Seminarankündigungen im Fachbereich als zu wenig sexy kritisiert würden. Über Bildungskriterien werde seit Jahren ohne Ergebnis diskutiert. Den Studenten hingegen sei alles recht, für sie sei nur wichtig, an welcher Institution sie ihren Bachelor machten.
Eine Art tiefergelegtes Abitur
Der Erwerb des Bachelor-Titels an amerikanische Universitäten ist insofern von dem, was hierzulande unter diesem Titel läuft, sehr verschieden. Die Studenten erhalten dort eine Art tiefergelegtes Abitur und wählen Haupt- und Nebenfächer in einem auf Querschnittskenntnisse zielenden Studium. Es steht dabei außer Frage, dass das Studium auch Erziehungsaufgaben hat. Es soll nicht Spezialisten hervorbringen, sondern allgemeingebildete oder jedenfalls allgemeinhalbgebildete Bürger.
Umso interessanter ist, welche Hauptfächer die Studierenden in den Vereinigten Staaten wählen. 1968 etwa entschieden sich 7,6 Prozent von ihnen für Englisch als Major, in den frühen Achtziger sank die Zahl auf 3,7 Prozent. Dann, als sich damals die Wirtschaft wieder erholte, kam es wieder zu einem leichten Anstieg auf 4,7 Prozent. Also, mochte man meinen, wandelt sich das Interesse an den Geisteswissenschaften mit der Konjunktur. Wenn sie gut ist, wenden sich mehr junge Leute den schönen Dingen zu, wenn sie schlecht ist, werden Brotstudien vorgezogen.
Falsch, meint John Ellis, emeritierter Germanist der Universität von Kalifornien in Santa Cruz, gerade in einem Beitrag für die Website Frontpagemagazine. Denn 1995 waren es nur noch 4,3 Prozent und 2005 nur noch 3,7 Prozent aller Studenten, die Englisch wählten, jeweils in Phasen ökonomischen Aufschwungs. Dasselbe gilt für das Fach Geschichte. Von 5,3 Prozent in den frühen Siebzigern sank es auf 2,2 Prozent im Jahr 2006. Insgesamt hat sich der Anteil der geisteswissenschaftlichen Abschlüsse von etwa 17 Prozent Mitte der sechziger Jahre heute halbiert. Ähnlich verhält es sich bei den Master-Abschlüssen und Promotionen.
Keine Reaktion auf die Konjunktur, sondern auf die Art der Lehre?
Für Ellis liegt die Erklärung auf der Hand, habe sich doch das Interesse an den geisteswissenschaftlichen Hauptfächern genau in der Zeit von der Konjunktur abgelöst, als in diesen Fächern die Obsession durch race, gender, and class, also durch moralistische Lektüren, politische Korrektheit, Opferhermeneutik aufkam. Der Rückgang der Einschreibungen sei keine Reaktion auf ökonomische Umstände, sondern auf die Art, wie diese Fächern inzwischen gelehrt würden. Legt man den Bericht Barbara Hahns zugrunde, erscheint das als eine noch zu optimistische Darstellung: so als setzten sich die Studenten in kritische Kenntnis über Lehrinhalte, bevor sie sich festlegen.
Ellis reagierte auf einen Ende Februar in der New York Times publizierten Artikel, der berichtete, die Wirtschaftskrise führe zu universitären Einstellungsstopps bei den Geisteswissenschaften im Umfang von mehr als zwanzig Prozent. An manchen Hochschulen würden Studenten, die sich für Geisteswissenschaften interessierten, zurückgewiesen. Das wiederum, so Patricia Cohen, die Autorin, werde von einigen Geisteswissenschaftlern als Quittung dafür gesehen, sich jahrzehntelang damit begnügt zu haben, die eigene Legitimation in der Charakterbildung durch Lektüre zu sehen. Man müsse den Nutzen stärker herausstreichen, den es habe, sich mit der Welt der Ideen zu befassen. Vielleicht sollte dabei aber auch die Beobachtung berücksichtigt werden, die Tom Wolfe einem Protagonisten seines Romans Ich war Charlotte Simmons in den Mund legt: dass man als Student am liebsten Betriebswirtschaftslehre zum Hauptfach nehme, weil das die klare und gewissermaßen coole Mitteilung enthalte, keinesfalls intrinsischen, unter Streber- und Langweilerverdacht stehende Motive zu haben.
Vergleicht man die Debattenbeiträge aus den Vereinigten Staaten mit der hiesigen Lage, so mischt sich Ähnliches mit Unvergleichbarem. Hierzulande kann von einer abnehmenden Attraktivität der Geisteswissenschaften nicht die Rede sein; die Seminare sind voll. Und wo man studiert, spielt auch keine Rolle. Doch da die undergraduates, also die Bachelorstudenten, anders als in Amerika, der Universität kein Geld bringen, kümmert man sich um sie, zum Beispiel die Lehramtskandidaten, auch nicht besonders. Humboldt, das ist etwas für Fortgeschrittene, der Rest bekommt meistens das Programm von der Stange.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: DPA