Schillers Schädel

Im Namen der Authentizität

Von Hellmut Seemann

28. Mai 2008 Michael Hagner zerbricht sich am Anfang und am Ende seines Beitrags über Schillers Schädel in der F.A.Z. vom 15. Mai Goethes Kopf: Was hätte, fragt er sich, Goethe zu der Geschichte gesagt? Was hätte Goethe von dem „jüngsten Weimarer Schädel-Spektakel“ gehalten, und hätte ihm der leere Schiller-Sarg Behagen verursacht? Nein! Nein! Nein!, weiß Hagner, hätte Goethe gesagt, und so kann es nicht verwundern, dass auch Hagner dreimal Nein! ruft.

Das ist ein interessantes, über den Anlass und den Autor hinausgehendes Phänomen: Wenn über Schillers Schädel gesprochen wird, fragen sich immer alle, was Goethe dazu gesagt hätte – um dann zu erkennen, dass Goethe genau das, was sie selbst denken, auch gedacht hätte. Noch nie hat einer hypothetisch gefragt, was Schiller denn wohl zum Treiben um seinen Schädel gesagt hätte; wie Schiller beurteilt hätte, dass er in der Weimarer Fürstengruft als Doppelgestalt mit zwei Schädeln samt Skelett „gewürdigt“ wird.

Offenheit, die nichts kostet

Das nennen kluge Menschen eine Kuriosität. Denn sie wissen, dass es auf die Authentizität der Knochen doch gar nicht ankommt: Es geht vielmehr darum, die Geschichte des Umgangs mit den Relikten kulturhistorisch zu vergegenwärtigen. Lasst die Besucher der Fürstengruft – Zigtausende jedes Jahr – doch weiterhin glauben, dass sie vor den Gebeinen Schillers stehen. Lasst sie schöne Gefühle fühlen und warme Gedanken denken. Sie wissen nicht – und brauchen auch nicht zu wissen –, dass sie ein Partikelchen im ewigen Fluss der Kulturgeschichte sind, den andere bewirtschaften. In expliziter Umkehr der Schillerschen Forderung nach Gedankenfreiheit gegenüber dem Souverän fordert Hagner von der Klassik Stiftung Weimar: Geben Sie Glaubensfreiheit, Sire! Diese Freiheit ist die Freiheit dort, wo es nicht darauf ankommt. Die „Offenheit der Erinnerungsräume“, für die Hagner optiert, ist die Offenheit dort, wo es nichts kostet.

Das kann man leicht durch die Gegenprobe verdeutlichen. Wie würde die Öffentlichkeit reagieren, wenn der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin sagte: Der „Mann mit dem Goldhelm“ mag von Rembrandt sein oder nicht; wir jedenfalls schreiben Rembrandt darunter. Wir sind doch nicht so dumm, uns die Offenheit und Glaubensfreiheit dadurch selbst aus der Hand zu schlagen, dass wir das Bild einem Rembrandt Research Project aussetzen. Oder, noch schrecklicher: Was würde man zu einem Gedenkstättenleiter – unheimlich deutsches Wort – sagen, der die Besucher der Erinnerungsstätte vor die Hinterlassenschaften der Opfer führte, um das Andenken an diese zu befördern, ohne dass er zuvor die Provenienz und die Authentizität dieser Relikte geprüft hätte? Man würde den Menschen in die Wüste schicken. Wo es uns wirklich wichtig ist, da wollen wir, postszientifisch auf- beziehungsweise abgeklärt, wie wir sind, dass ganz objektiv wahr ist, was man uns in den Erinnerungsräumen vorsetzt.

Die Pflicht des Wächters

Friedrich Schiller, sein Werk und das, was er sonst hinterließ, stehen im Zentrum der Stiftungsarbeit. Zwei Skelette wurden nur deshalb in der Fürstengruft aufbewahrt, weil nicht abschließend zu klären war, ob eines derselben authentisch ist. Wenn diese Frage heute prinzipiell aufklärbar ist, ist die historische Situation in der Fürstengruft nicht länger „offen“, sondern schlicht dem Andenken Schillers unwürdig: die Stiftung hatte deshalb den Auftrag, den unwürdigen Zustand zu beenden. Gezögert hat sie nicht wegen des möglichen Verlusts der falschen Gebeine; sie hätte, wenn das Ergebnis vorher bekannt gewesen wäre, erst recht so gehandelt. Einzig die Sorge, die Recherche könnte hinsichtlich der Kernfrage (Ist einer der beiden „Schiller-Schädel“ authentisch?) ohne eindeutiges Ergebnis bleiben, war in eine Abwägung zwischen kustodischer Pflicht einerseits und Wahrung der Totenruhe der Verstorbenen andererseits einzubeziehen.

In der Tat sah es während der fast zweijährigen Untersuchung lange so aus, als ob genau das geschehen würde: viele Erkenntnisse, aber kein abschließendes Ergebnis in der Kernfrage. Deshalb löste es bei den Verantwortlichen der Klassik Stiftung ein Gefühl der Erleichterung aus, als endlich Professor Walther Parson vom gerichtsmedizinischen Institut der Universität Innsbruck beweisen konnte, dass der von Carl Leberecht Schwabe 1826 im Kassengewölbe des Jakobskirchhofs ausgegrabene Schädel nicht der von Friedrich Schiller sein könne.

Ein Ende des Palavers

Dass allerhand Experten und Hobbyforscher jetzt Hypothesen und Spekulationen anstellen, wie es „wirklich“ gewesen ist, das mag so sein. Die Klassik Stiftung beteiligt sich daran nicht. Geschweige denn, dass sie auf der Suche nach „irgendeinem Fernsehsender“ wäre, mit dem sie den nächsten Code zu knacken gedächte. Das sind haltlose Unterstellungen wie die, die Klassik Stiftung halte wie Franz Joseph Gall den Schädel Friedrich Schillers für ebenso wichtig wie sein Werk – man reibt sich die Augen.

Hagner kann sich, wenn es um Weimar und um Kultur geht, Wahrheit nur in Anführungszeichen vorstellen. Aus kulturhistorischer Perspektive ist das gewiss zutreffend. Die Stiftung wird eben dieser Kulturgeschichte im kommenden Jahr eine Ausstellung widmen: „Schillers Schädel – Die Physiognomie einer fixen Idee“. Aber das Andenken an Schiller ist zu wichtig, als dass es die Stiftung auch in der Fürstengruft beim ewigen Palaver und Rauschen der kulturhistorischen Quellen hätte belassen dürfen.

Und im Übrigen: Was eigentlich ist an dem Ergebnis, wenn man ausnahmsweise einmal aus Schillers Perspektive daraufschaut, auszusetzen? Natürlich bleibt der Sarg Schillers leer, er ist kulturhistorisch vom Sarg zum Kenotaph mutiert. Schillers Andenken haftet nicht länger an Materiellem. In „Ausgang aus dem Leben“ schrieb er: „Aus dem Leben heraus sind der Wege zwei dir geöffnet, / Zum Ideale führt einer, der andre zum Tod. / Siehe, wie du bei Zeit noch frei auf dem ersten entspringest, / Ehe die Parze mit Zwang dich auf dem andern entführt.“ Wieder frei ist er der Gruft entsprungen, der Sarg ist leer. Während Goethe, der bis ins hohe Alter gehofft hatte, sich irgendwie doch noch mit der Parze ins Benehmen setzen zu können, mit kaltem Zwang mazeriert, in seinen Sarg gebannt bleibt. Goethes Los hätte Schiller beklagt, sein eigenes nicht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche