Licht, Bewegung, Raum

Philologie gegen Ideologie: Ein Meisterstück von Richard Alewyn

01. Januar 2004 "Draußen aber ging der herrlichste Sommermorgen funkelnd an allen Fenstern des Palastes vorüber; alle Vögel sangen in der schönen Einsamkeit, während von fern aus den Tälern die Morgenglocken über den Garten heraufklangen." Unter dem schlichten Titel "Eine Landschaft Eichendorffs" hat Richard Alewyn dieses Satzgebilde 1957 zum Gegenstand einer Demonstration des Verhältnisses von philologischer Methode, Erkenntnis und Interesse gemacht. Angesichts der jüngst mit großem Elan ausgerufenen "topographischen Wende" und der Wiederentdeckung des realen Raums in den Kulturwissenschaften mag die Erinnerung an die Studie nützlich sein, vielleicht nicht zuletzt als Warnung vor übereifriger Geopolitik.

Die Ausgangsthese Alewyns bezieht sich auf den eigentümlichen Widerspruch, daß dieser Satz Eichendorffs eine bildliche Vorstellung hervorruft, ohne klassische Mittel der Anschaulichkeit und Differenzierung in der narrativen Gestaltung eines Seheindrucks zu gebrauchen. Die erste analytische Beobachtung des Interpreten betrifft die Stellung des Nomens "Sommermorgen" im Satz. Es ist in dem Beispiel Subjekt, dennoch handelt es sich dabei nicht um eine anthropomorphe Personifizierung, das Subjekt bleibt "eine ungreifbare Lichterscheinung". Die metaphorische Übertragung von Zeit in Raum ist zwar konventionalisiert (der Morgen geht vorüber), der besondere Effekt bei Eichendorff entsteht aber durch die Beziehung auf bestimmt Örtliches ("an allen Fenstern des Palastes vorüber").

Die zweite grundlegende Beobachtung betrifft die Funktion von Verben und Partizipien wie "funkelnd" oder (in einem anderen Beispiel) "herüberleuchten". Sie bezeichnen "das Spiel des Lichts, besonders das Spiel von Reflexen auf einer spiegelnden Fläche". Auffällig dabei ist, daß die Lichtquelle nicht genannt wird, vielmehr nur die Reflexe, und zwar als in Bewegung befindlich. Die zwei Prädikate des Sommermorgens, Licht und Bewegung, erscheinen ebenfalls als Prozeß. Die Landschaft wird nicht als momentaner Anblick sichtbar, sondern als ein bewegter synästhetischer Wahrnehmungsakt. Die gleiche Dynamisierung widerfährt nämlich der akustischen Erfahrung in "heraufklangen".

Die Bewegung ist dabei weder auf die der Erde beziehungsweise der Sonne noch die des Betrachters bezogen, eben nichts Körperliches, "sondern eine Komposition von ungreifbaren Elementen, denen wir in Eichendorffs Landschaften immer wieder begegnen: Licht, Bewegung und Raum". Die körperlichen und konkreten Bestandteile der Landschaft sind entsprechend nicht Subjekte im Satz, sondern den Verben zugeordnet. Nicht funkeln die Fenster im Sommermorgen, sondern derselbe an den Fenstern. Das gleiche gilt für die akustische Wahrnehmung. Die Glocken können zwar als Subjekt begriffen werden, aber nicht in der Bedeutung als konkrete, metallene Körper, sondern nur als in Bewegung durch den Raum befindliche Klänge.

Die konkreten Nomen "Palastfenster", "Garten" und "Tal" sind dagegen nicht Gegenstand der Aussage, ihre Stelle wird ihnen lediglich durch die Präpositionen "an", "aus" und "über" zugewiesen. Alewyn zufolge ziehen die Verben der Bewegung, des Klingens und der Lichterscheinungen die Substanz der Subjekte beziehungsweise Körper an sich: "Emanzipation der Bewegung vom Körper" wie von der Quelle oder Ursache. Als "erlebter Raum" steht die Landschaft dem Betrachter autonom gegenüber, denn ihr Mittelpunkt ist wesenhaft die Ferne. Die Stationen, die Eichendorff zwischen Hier und Ferne einschaltet, haben nicht lediglich die Funktion, die Bewegung zu exponieren, vielmehr werde "auch ihr Weg" beschrieben.

Damit ist die Bewegung selbst durch die Landschaft hindurchgeleitet und diese überhaupt erst realisiert. Indem nun Eichendorff die fernen Seh- und Hörphänomene in den Plural setzt, die nahen aber in den Singular, "wird der Vordergrund perspektivisch verengt, während in der Ferne der Raum sich fächerförmig ausdehnt". Durch die Wendung "aus den Tälern" wird überdies der Betrachter "unvermutet vertikal gehoben", auf einem erhöhten Standpunkt angesiedelt. Es entsteht "Raumtiefe". Die Aussage bewegt sich dabei in der Welt der sichtbaren und hörbaren Dinge, ohne jedoch realistisch zu sein. Gleichwohl exponiert sie das Bild einer Welt, die sich dem, der zu hören und zu sehen weiß, als Bedeutsamkeit erschließt. "Ihr Gegenstand sind Bilder, die mehr sind als nur private und subjektive Erlebnisse, die vielmehr Grundbestände unserer Welterfahrung ausdrücken, die allen gemein sind."

Alewyns Prozedur ist nachvollziehbar, und die Ergebnisse können überprüft werden, insofern handelt es sich um ein wissenschaftliches Verfahren. Gleichwohl bleibt die Erkenntnis auch in der Verallgemeinerung an die philologische Analyse ebenso gebunden wie an das spezifische, virtuell politische Interesse des Interpreten. Alewyn ging es nämlich explizit darum, Eichendorff gegen ein "Sektierertum" abzugrenzen, das den Dichter für seine weltanschaulichen oder landsmannschaftlichen Ressentiments in Anspruch genommen hatte.

Das mußte 1957 in erster Linie als Einspruch gegen Josef Nadlers "Literaturgeschichte des deutschen Volkes" (1939-1941) verstanden werden, die nationalsozialistisch frisierte Version der legendären "Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften" (1912 ff.). Alewyn plazierte seine Studie sicher nicht ohne symbolische Absicht im "Euphorion", der von Nadlers Lehrer August Sauer begründeten Zeitschrift. Daß Nadlers deterministische und gemeinschaftssüchtige Konstruktionen einst den Beifall Hugo von Hofmannsthals fanden, mußte seinen subtilsten Interpreten verstören. Hofmannsthal wollte Nadlers Werk als Beitrag zur Einigung der Nation im Geistigen begreifen, obwohl er die Tendenz zur "Überwältigung des Individuums" darin nicht übersah.

Nadler wollte die Eigentümlichkeit der Landschaftsdarstellung des Dichters aus stammesgeschichtlicher und landsmannschaftlicher Prägung herleiten. Den geschichtlichen Moment, in dem Eichendorff "in des Wortes wörtlichster Bedeutung ein schlesischer Heimatkünstler wird", datierte Nadler "um die Zeit, da aus der Landschaft die letzten Spuren österreichischen Geistes verflogen und die ersten Niederschläge preußischer Art sichtbar wurden". Im weiteren erhält Eichendorffs Landschaftsdarstellung ihren Ort in der Rechtfertigung des Zwangssystems, des Eroberungskriegs und der verordneten Wahrnehmung in rassistischer Prägungslehre, in der "Heimholung der Romantik in die eine Natur der Deutschheit".

Zum exemplarischen Fall für das Verhältnis von Philologie und Ideologie hätte die Gegenüberstellung Nadlers und Alewyns, wenn sie denn erfolgt wäre, nach dem Ende des Nationalsozialismus durch die schlichte Beobachtung werden können, daß Nadlers Verfahren einer landschaftlich-stammesgeschichtlichen Erklärung dichterischer Produktivität ohne philologische Textanalyse auskommt. Da die kausale Herleitung ästhetischer Erfahrung aus der "unentrinnbaren Vertrautheit" mit der heimatlichen Landschaft und dem "Erbgut und Brauchtum der Sippe" bei Betrachtung einzelner Werke offensichtlich nicht zu halten ist, steht Nadler permanent vor der Aufgabe, die ins Auge fallenden Unterschiede herunterzuspielen oder wegzuerklären. Dazu aber benutzt er die gleichen Blut-und-Boden-Argumente wie in der Konstruktion geschichtlicher Kontinuität auf dem Wege zur deutschen Ganzheit: "Ein Volk, ein Reich, ein Führer". Während Eichendorff als schlesischer Heimatkünstler von der Schwärmerei "durch die Tiefe des gläubige Gesinnungswandels" zum Allgemeinen der Deutschheit durchdrang, konnte dies dem Schwaben Hölderlin aufgrund des "kranken Blutes seiner Ahnen" nicht gelingen, zumal er "ohne väterliche Zucht und nur unter Frauenhänden" aufwuchs.

Alewyns scheinbar nur um den Text bekümmerte philologische Analyse dagegen löst Eichendorffs Landschaft von dem Gedanken einer Determinierung durch die Kräfte des Bodens und der Erbschaft des Blutes und macht den Dichter als Vorläufer des europäischen Symbolismus, in einer sich funktionalistischer Wahrnehmungsverordnung widersetzenden Tradition kenntlich. Indem sich die Seh- und Hörerfahrung bei Eichendorff von der Körperlichkeit der Dinge löse, setze er in die Freiheit der Vorstellungsbildung. Alewyns Philologie als Verfahren der Identifikation und zugleich der Distanzierung in einer "sachgemäßen Sprache" soll auch den Leser von den angeblichen Wirkungsmächten des "Elementaren" befreien, auf die Nadlers Geschichtsvorstellung ausging.

Für Alewyn taugte die Geschichte der Literatur nicht zur Herleitung nationaler Identität aus Landschaft und Blut, aber auch nicht für die nicht weniger von antiindividualistischem Ressentiment getragenen Geltungsansprüche des Bleibenden, wie sie 1953 Emil Staiger in der zweiten Auflage von "Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters" (1939) unbeirrt von den Geschehnissen verfocht. Vielmehr bietet sie "die unentbehrliche Gelegenheit zur Distanzierung" von Ideologie, Ordnungswahn und Konformismus. Friedmar Apel

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