Jürgen Habermas zum 80.

Was alle angeht

Von Jürgen Kaube

Im Gespräch liegt die Vernunft begründet: Jürgen Habermas

Im Gespräch liegt die Vernunft begründet: Jürgen Habermas

18. Juni 2009 Es gab in den fünfziger Jahren nicht nur das Wirtschaftswunder, es gab auch ein Wunder in den Geisteswissenschaften. Als Deutschland 1945 selbstverschuldet in Trümmern lag, schienen alle seine intellektuellen Traditionen vergiftet. Denn fast keine, sie wäre denn von jüdischen Autoren geprägt gewesen, war vom Zugriff irgendeiner nationalsozialistischen Fraktion verschont geblieben. Es hatte nationalsozialistische Kantianer ebenso gegeben wie Hegelianer und „bewaffnete Fichteaner“ (Heinrich Heine) sowieso, Phänomenologen wie Positivisten, Romantiker wie Antiromantiker, Idealisten wie Materialisten, Lutheraner wie äußerst römische Katholiken, George- wie Rilke-Verehrer, Feinde wie Freunde des Privateigentums, der Technik, des Abendlands, der sozialen Schichtung. Von fast jeder Idee und von ihrem Gegensatz gab es NS-Aneignungen. Anders formuliert: Von fast keinem Gedanken war gewiss, ob er nicht soeben furchtbar versagt hatte.

Man muss an diese Lage erinnern, um die Leistung einer Generation begreiflich zu machen, deren berühmtester Exponent heute achtzig Jahre alt wird: der Sozialphilosoph Jürgen Habermas. Schon eine knappgefasste, unvollständige Namensliste jener Generation zeigt, wie wenig übertrieben es ist, von einem Wissenschaftswunder zu sprechen: Blumenberg, Borst, Dahlhaus, Dahrendorf, Hennis, Henrich, Imdahl, Jauß, Koselleck, Lübbe, Luhmann, Szondi. Die Jahre zwischen 1955 und 1970, in denen sie – alle zwischen 1923 und 1929 geboren und mit denkbar verschiedenen Lebensgeschichten, weshalb Worte wie „Flakhelfer“ oder „skeptische Generation“ am Phänomen vorbeigreifen – ihre Ideen entwickelten, waren die intellektuell mit Abstand produktivste Epoche der deutschen Nachkriegszeit.

Ein integratives Denken, von der Seminarsituation hergedacht

Ein integratives Denken, von der Seminarsituation hergedacht

Aus der Reihe der Genannten ragt Jürgen Habermas heraus: durch seinen Weltruf, seine öffentliche Konfliktbiographie, aber auch durch die Weise, in der er auf jene Ausgangslage reagierte.

Verbrauchte Größe

Wie alle jene Zeitgenossen hatte er sich früh der philosophischen Forschung verschrieben, also dem Versuch, Theoriebildung mit den Spezialisierungsvorteilen der Erkenntnis zu verbinden. Es war weder die Zeit für ein Absehen vom gesellschaftlichen Ganzen noch eine, in der mit Schlüsselattitüden noch viel auszurichten gewesen wäre. Nicht die Welt sollte über den Geist informiert werden, sondern der Gedanke über die Welt sich informieren, auf dass aus ihm ein Argument werde. Insofern ging es jener Generation aus einem ganz existentiellen und fast politischen Impuls heraus um Wissenschaft. Er brachte sie in Gegensatz zu den Verdikten Heideggers, dem Geforsch fehle das Gehör fürs Wesentliche, aber auch zu den Reserven Adornos, die Forschung sei nicht dialektisch genug, um das Unheil zu erkennen.

Von den Jüngeren wurden dagegen Philologie, Soziologie, historische Kenntnis und ganz allgemein Gelehrsamkeit um so energischer ergriffen, als ihnen der Widerwille gegen empiriefreien Tiefsinn zweite Natur war. „Auf grandiose Thesen in angestrengter und zugleich appellierender Sprache auszugehen verbot sich von selbst“, notierte Dieter Henrich im Rückblick. Die Gesten der Prophetie und Andacht waren verbraucht. Binnen kurzer Zeit bildete sich unter den damals Jüngeren ein kognitiver Stil aus, zu dem nicht zuletzt der Verzicht auf schönes Schreiben zugunsten von sachlicher Mitteilung und Weiterbildung gehörte.

Mitdenken und Gegendenken

Anders aber als die meisten seiner Generation spezialisierte sich Habermas nicht selber. Seine einzigartige Gabe war vielmehr von Anfang an, Forschung zu integrieren. Vor allem aber: Argumentationen und Theorien. Von jedweder philosophischen Position stellte er durch Zusammenfassungen, die nicht selten wie beeindruckende Stimmimitationen der betreffenden Klassiker wirkten, Kondensate her. Schon der erste Text, der den Mittzwanziger, der noch in Bonn bei Erich Rothacker studierte, schlagartig bekannt machte, eine Besprechung von Heideggers „Einführung in die Metaphysik“ von 1953 in dieser Zeitung, trug das Verfahren im später weggelassenen Titel: „Mit Heidegger gegen Heidegger denken“.

Habermas dachte und denkt bis heute stets „mit gegen“, stets also mehr von Texten als von Sachverhalten aus und fast immer mit dem Ziel, einer moral-, rechts- oder gesellschaftstheoretischen Position nachzuweisen, dass, wenn sie nur um ihre Stärken und Schwächen besser wüsste, auch sie zu vernünftigen, humanistischen Schlüssen disponiert wäre. Es handelt sich bei seinem Werk insofern um Erziehung an Theorien, um einen Fall großer philosophischer Pädagogik, und darum ist es wenig verwunderlich, wie viele gute Schüler er angezogen hat. Und wie kanonbildend seine Lektüren wurden: Das Hauptwerk, die „Theorie des kommunikativen Handelns“ von 1981, besteht zu großen Stücken im Nachweis, dass sich ganz heterogen erscheinende Autoren reimen, wenn man sie nur richtig wiedergibt.

Habermas im Gespräch mit dem amerikansichen Rechtsphilosophen Ronald Dworkin

Habermas im Gespräch mit dem amerikansichen Rechtsphilosophen Ronald Dworkin

Sein eigenes „Max Planck Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“ war im selben Jahr gescheitert. Als Textkombinat aber überlebte der Versuch, aus Marxismus, Entwicklungspsychologie, Linguistik, Religionssoziologie und Moralforschung eine Lehre von dem zu gewinnen, was Habermas den „normativen Gehalt“ aller argumentativen Sprechakte nennt.

Das ideale Gespräch

Auch diese Lehre ist ihrem Selbstverständnis nach auf die intellektuelle Lage der Nachkriegsgesellschaft bezogen. Denn letztlich versucht sie, aus der Tatsache der Kommunikation und der menschlichen Erkenntnisfähigkeit selber deren Angelegtsein auf Gelingen nachzuweisen. Wer spricht, so der Gedanke, unterstellt damit schon die Bereitschaft, sich nach seinen Gründen fragen zu lassen; vorausgesetzt, die Rede ist nicht von vornherein nur expressiv oder strategisch gemeint. Wer das Wort ergreift, um zu argumentieren, täte es widersprüchlicherweise, wenn er nicht auch die anderen dazu kommen ließe. Welche anderen? Alle vom Gesagten Betroffenen. Denn Betroffenheit korreliert mit Kompetenz. Wer etwas behauptet, unterstellt die Zustimmung derer, die sich auskennen. Sofern die Teilnehmer am Gespräch also vernünftig sind, ist Konsens ein Hinweis auf Wahrheit.

Jürgen Habermas in seinem Starnberger Haus

Jürgen Habermas in seinem Starnberger Haus

Für Habermas gibt es demzufolge so etwas wie ein Naturrecht der Sprachverwendung. Wenn es nur ideal zuginge, ließe sich im Gespräch aufgrund des Verlaufs, den jedes ideale Gespräch annehmen würde, eine Verständigung erreichen, der alle beipflichten könnten. Und das, hier liegt die Pointe von Habermas, schlägt auch auf jedes unideale, etwa strategische Gespräch durch. Denn wer es mit Verweis auf die Abweichung vom Ideal unterbräche, dem müssten eigentlich alle Beteiligten zugeben, dass es tatsächlich besser anders verliefe. Wer das nicht zugeben würde, ist entweder kognitiv oder moralisch beschränkt.

Das Seminar als Lebenswelt

Sofern, wenn, würde, müssten – eine Philosophie des Konjunktivs also. Und eine der Erziehung des Menschengeschlechts im Seminarraum, in dem es viel zu diskutieren und meistens wenig wahrzunehmen gibt; so wie das Bewusstsein bei Habermas vor allem spricht und denkt, aber wenig mit dem Wahrnehmen von Dingen und Zeichen beschäftigt ist. Kein anderer Philosoph geschweige denn Soziologe hat seine Grundaussagen so eng an die Verkehrsformen im universitären Unterrichtsgespräch gebunden wie Habermas. Im Unterrichtsgespräch, wie er selbst es, Berichten zufolge, pflegen konnte: in Rollendistanz zur eigenen Prominenz, ohne Rekurs auf die vielen politischen Meinungen, die von ihm bekannt sind, ohne Appelle an Gleichgesinnte. Dass er sich dann ein paar Jahre lang die Universität als Agentur gesellschaftlicher Emanzipation vorstellen konnte, passt zu dieser philosophisch sympathischen, soziologisch allerdings kostspieligen Idee, das Seminar komme der idealen Sprechsituation nahe. Auch sie trug wohl mindestens unbewusst zu seiner überragenden Beliebtheit an den Universitäten der Welt bei.

Freilich waren es stets gesellschaftskritische Seminare, denen diese Wertschätzung vorbehalten blieb. Für Habermas gibt es zwei Handlungstypen, technisch-instrumentell-strategisches Handeln und praktisches, dem es nicht um Effekte, sondern um vernünftige Begründungen geht. Diese Dichotomie erzeugte die These vom fatalen Eindringen der „Systeme“ – Wirtschaft, Politik, Bürokratie und technologisch verzweckte Forschung – in die „Lebenswelt“, also die eigentlich dem freundlichen Beisammensein, Bildung und Solidarität zugedachte Sphäre. Als gäbe es nicht auch eine Lebenswelt der Bürokratie, der Ökonomie – mit der es der Marxist nie hatte – oder der Wissenschaft; und als wären Familien, Schulstunden, Universitäten nicht auch „Systeme“ mit eigener Widerstandskraft gegen Versuche, sie zu organisieren und zu kommerzialisieren.

Intellektuelle Gefahrenabwehr

Jene Dichotomie, hinter der von Beginn an – siehe unsere Dokumentation des Feuilletonisten Habermas – eine Anthropologie des nichtentfremdeten Lebens stand, erzeugte auch Gegnerschaften und damit jene Konfliktbiographie, die Habermas ebenfalls einzigartig in der Ideengeschichte der Bundesrepublik macht. Als Fürsprecher der Lebenswelt: gegen Positivismus, Sozialtechnologie, Linksfaschismus, Tendenzwende, Ernst Nolte, Postmoderne, DM-Nationalismus und Sloterdijks „Menschenpark“. Der Konsenstheoretiker ist ein Dissenspraktiker, wohl auch -techniker. Wer sich die Trümmer jener Konflikte heute anschaut, vermag nicht in jedem Fall mehr nachzuvollziehen, dass es stets um die Abwehr größter intellektueller wie politischer Gefahren gegangen sein soll. Die infame Suggestion, Begriffe von Habermas wie der der „bloß formalen Demokratie“ führten zu linkem Terror, war genauso absurd wie sein eigenes Warnen, Hermann Lübbe oder Kurt Sontheimer bereiteten einen Umsturz der bundesdeutschen Wertgrundlagen vor.

Während die siebziger Jahre von anderen ganz mit derlei Unfug vertan wurden, wuchs aus immensem Fleiß dennoch sein Werk. Aus der Soziologie zog es sich Mitte der achtziger Jahre zurück, in der Philosophie hat es weltweit gewirkt. Nicht zuletzt dadurch, dass es zeigt, wovon die Ethikwelle, die das Fach seit langem erfasst hat, nichts wissen will: wie aufwendig und umwegig und kognitiv voraussetzungsvoll es ist, eine Lehre vom vernünftigen Leben zu entwickeln, die sich nicht sofort als bloße vorkritische Meinung erweist. Es braucht eine ganze Biographie, eine ganze Generationenerfahrung und viel Theorie dazu. Selbst wer sich darum vom Appell zur Vernunft und zur Moral und zum richtigen Begründen als Königsweg des sozialen Umgangs nicht erreicht fühlt, muss dieses Aufklärungswerk an Argumenten, die alle angehen können sollen, und den Willen, den es dokumentiert, bewundern.

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Der Lebensweg des Jürgen Habermas

1929: Habermas wird am 18. Juni in Düsseldorf geboren und wächst in Gummersbach bei Köln als zweites von drei Kindern auf. Sein Vater ist dort Leiter der Industrie- und Handelskammer.

1943-1945: Um den eigentlichen Dienst in der Hitlerjugend umgehen zu können, macht er im Jungvolk eine Ausbildung zum Sanitäter (Feldscher). Im Herbst 1944 kommt er als Fronthelfer an den Westwall.

1949-1954: Nach dem Abitur studiert Habermas in Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie, Geschichte, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie. Er promoviert in Bonn mit dem Thema „Das Absolute in der Geschichte“, einer Untersuchung zu Friedrich Wilhelm Schelling.

1954-1956: Er arbeitet als freier Journalist.

1955 heiratet er Ute Wesselhoeft. Das Paar bekommt drei Kinder.

1956-1959: Habermas ist Assistent von Theodor W. Adorno an dem von Max Horkheimer und Adorno geleiteten Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main. Horkheimer fordert Ende 1958 seine Entlassung, weil Habermas sich gegen die Atomrüstung ausgesprochen hat. Bevor es dazu kommt, wechselt der Schüler der „Frankfurter Schule“ nach Marburg.

1959-1961: Unterstützt durch ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft habilitiert er 1961 bei Wolfgang Abendroth an der Universität Marburg mit „Strukturwandel der Öffentlichkeit“.

1961-1964: Privatdozent an der Universität Heidelberg.

1964-1971: Doppelprofessor für Philosophie und Soziologie in Frankfurt/Main als Nachfolger von Horkheimer. Er setzt sich vehement für eine Bildungsreform ein und prägt während der Studentenbewegung entscheidend die Position des „verfassungsloyalen“ Linken. Dabei geht er zunehmend auf Distanz zu radikaleren Studentengruppen.

1971-1983: Neben Carl Friedrich von Weizsäcker leitet er das neugegründete Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg, danach die Nachfolgeinstitution für Sozialwissenschaften.

1980: Habermas erhält den Adorno-Preis der Stadt Frankfurt/Main. Es folgen zahlreiche Ehrungen im In- und Ausland.

1983: Er übernimmt die „Professur für Philosophie mit dem Schwerpunkt Sozialphilosophie“ an der Frankfurter Universität. Zuvor war er dort bereits Honorarprofessor für Philosophie. Daneben folgen zahlreiche Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte in Europa und Amerika. Habermas wird Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.

1986: Habermas löst eine nachhaltige Debatte aus, den sogenannten Historikerstreit, der auch im Ausland Beachtung findet. Er wirft Ernst Nolte und anderen Historikern vor, die Nazi-Verbrechen zu relativieren. Nolte hatte Parallelen zwischen dem „Rassenmord“ des Nationalsozialismus und dem „Klassenmord“ des Stalinismus aufgezeigt.

1994: Nach seiner Emeritierung im Oktober verlagert Habermas seinen Lebensschwerpunkt erneut nach Starnberg, wo er bis heute lebt.

2001: Habermas erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er habe den „Weg der Bundesrepublik Deutschland ebenso kritisch wie engagiert begleitet“, begründet die Jury.

2004: Für sein Lebenswerk wird er mit dem japanischen Kyoto-Preis in der Kategorie Kunst und Philosophie geehrt. Ein Jahr später erhält er in Bergen (Norwegen) den Internationalen Holberg-Gedenkpreis.

Habermas, der Feuilletonist: Aus seinen Artikeln in der F.A.Z.

Die Selbstverständlichkeit, mit der wir an Radioknöpfen und Telefonscheiben kurbeln, die Gleichgültigkeit, mit der wir an den Neonfassaden vorbeisehen, mit der wir in Sesseln und an Tischen sitzen, hat mit Vertrautheit zu den Dingen sehr wenig zu tun, einmal ganz abgesehen von der Undurchsichtigkeit der meisten technischen Konstruktionen für den Laien. Technische Produkte sind unauffällig und ohne Eigendasein; sie lassen den, der sie braucht, vergessen, daß sie überhaupt etwas sind. Sie gehen auf im Verschleiß. Sie sind gut oder schlecht, je nachdem, ob sich das mit ihnen, wozu sie nun gerade dienen sollen, reibungslos erreichen läßt oder nicht.

Aber war es nicht zu allen Zeiten mit den Gebrauchsdingen so, daß es auf ihre Tauglichkeit ankommt? Warum sind ausgerechnet technische Produkte unpersönlich, ohne Gesicht? Nur weil sie am Fließband hergestellt werden? Warum haben gerade sie ein so neutrales Dasein, daß sie im Gebrauch nicht zu einer qualifizierten Geltung kommen, daß der Mensch zu ihnen keine rechte Beziehung anknüpft, daß er eben ihre Funktion weiß und sie im übrigen vergißt? Warum treibt gerade die Technik in dieser Achtlosigkeit gegenüber den Dingen ihr verborgenes und darum so gefährliches Unwesen? Schließlich geht es von jeher um die Brauchbarkeit des Geräts, die Bequemlichkeit der Bank, das Passen der Schuhe usw. Aber merkwürdig, der Spaten, dessen Stiel fest im Schaft sitzt, ist ein „handfestes“ Ding, die schier unverrückbare Truhe mit dem lastenden Deckel ist ein „gediegenes“ Ding.

Gewiß, auch heute werden solch großväterliche Attribute noch merkantil ausgebeutet, aber jeder spürt, daß sie die Fabrikate aus Stahlrohr und Kunststoff nicht eigentlich treffen. Sie sind für deren technische Nacktheit zu intim. Offenbar ist ein Unterschied in der Art der Zweckmäßigkeit eines Leiterwagens und eines Porschekabrioletts. Zwar ist der eine zum Heueinholen so geeignet wie der andere zur 140-Stundenkilometerautobahnfahrt. Aber wie steht‘s denn mit dem Zweck, ist das 140-Stundenkilometertempo wirklich Zweck für den Autofahrer?

Man wird sagen: natürlich, der Mann will möglichst schnell zu seinem Bestimmungsort. Ob er wirklich so schnell fahren „will“? Wollen alle, die einen Porsche kaufen, so schnell fahren? Hat, um zu pointieren, der Sonntagsausflügler die Ambitionen eines Rennfahrers? Vermutlich möchte er bummeln. Aber da sich der Gashebel nun mal durchdrücken läßt und der Kilometerzähler nicht bei 20 aufhört, dreht er eben auf. Der Leiterwagen, den der Bauer aus der Scheune holt, verleitet ihn nicht zu etwas, das er nicht will, aber das Auto den Sonntagsfahrer.

Der Moloch und die Künste.
Gedanken zur Entlarvung der Legende von der technischen Zweckmäßigkeit, F.A.Z. vom 30. Mai 1953

***
Autofahren ist so etwas wie eine Geisteswissenschaft. Man muß fortwährend fremde Texte übersetzen, fremde Welten, Stile, Manieren und Marotten antipizieren. Denn eben das heißt es ja: mit den Fehlern der anderen kalkulieren. Darin kulminiert der Adel automobiler Intelligenz. Es ist eine konservative Intelligenz. Freilich begegnen wir auch einem Fahrstil, darin sich gleichsam der Liberale mit seinem normativen Denken manifestiert. Der hält sich streng an die Verkehrsregeln, auch dann noch, wenn er dabei Schaden nimmt an Leib und Seele. Der Umgang mit Menschen und menschlich gesteuerten Apparaten fällt eben nicht in den Bereich des Berechenbaren. Diesen Märtyrern der geschriebenen Paragraphen fehlt die spezifische Intelligenz des Misanthropen, der immer das Dümmste vom lieben Mitmenschen erwartet und dessen Fehltritte weiß, mehr noch: versteht, und das mindestens drei Sekunden, bevor sie wirklich passieren.

Dem konservativen Temperament fällt es leichter, sein Verhalten auf die Unvollkommenheiten abzustellen und mit den individuellen Schlingpflanzen des Verkehrs einen mehr liebenswürdigen oder mehr resignierenden Pakt zu schließen. Autofahren - das ist eine Art Oekologie, ein Hineinschlüpfen in fremde Umwelten. - Die Abstraktion des liberalen Fahrstils wird gleichwohl noch übertroffen vom „revolutionären“: das sind die pubertären Temperamente, die es „darauf ankommen lassen“ und die Gewandtheit von Windigkeit selten unterscheiden. Zugegeben, es mögen Aestheten darunter sein, denn das provozierte Risiko hat seinen spezifischen Reiz. Wir alle, nehme ich an, fanden ihn einmal schön, bis wir merkten, daß solche Schönheit autistisch ist und mehr kitzelt als befriedigt.

Der Mensch am Lenkrad,

Bilder und Zeiten vom 27. November 1954

***
Im Fall der zur Artistik entfalteten Wissenschaft geraten intellektuelle Operationen in ein Stadium der Formalisierung, darin sie sich kristallin verselbständigen und vom eigentlichen Zweck ganz lösen. Wir denken hier an die extremen Konstruktionen der Logistik, wo, wie bei Wittgenstein, Positivismus sich fast pythagoräisch mit Mystik berührt. Wir denken auch an die makabre Artistik gewisser atomphysikalischer Berechnungen, wo ein blutig ernster Zweck zuerst manieristisch im Reiz einer aufgegebenen und schließlich in der schönen Selbstverständlichkeit einer gelungenen Konstruktion verschwinden kann.

Robert Jungk berichtete in seinem Buch „Heller als tausend Sonnen“, Verlag Scherz und Goverts, von einer Stellungnahme Oppenheimers zur Entwicklung der Wasserstoffbombe: „Wenn man etwas sieht, was einem technically sweet erscheint, dann packt man es an und macht die Sache, und die Erörterungen darüber, was damit anzufangen sei, kommen erst, wenn man seinen Erfolg gehabt hat.“ Eine Entsprechung findet sich in gewissen philosophischen Spekulationen, die in paradoxer Verkehrung gerade da, wo sie zum Engagement aufrufen, artifiziell in sich gerinnen und mehr der ästhetischen Kontemplation denn ihrer Bestimmung des kritischen Appells genügen.

Kurzum, die Konsumgesellschaft läßt keinen Spielraum. Und wo sich Reservate gleichwohl erhalten, nimmt das Spiel artistische Gestalt an und bleibt esoterisch: entweder bedeutungslos wie in privaten Zirkeln intellektueller Spielchen; oder unverstanden wie in der Kunst, der abstrakten vor allem; oder aber gefährlich, wie in jenen explosiven wissenschaftlichen oder philosophischen Konstruktionen, über denen die Konstrukteure die Ziele vergessen, die sie verwirklichen helfen.

Können Konsumenten spielen?

Eine Untersuchung von Jürgen Habermas,

F.A.Z. vom 13. April 1957

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Barbara Klemm, dpa, Jesco Denzel

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