Im Gespräch: Conti-Chef Manfred Wennemer

„Nicht alle haben dieses böse Spiel mitgemacht“

21. Juli 2008 Der Conti-Chef meldet sich in der Übernahmeschlacht zu Wort. Manfred Wennemer gibt sich kämpferisch. Er geißelt das Anschleichen der Angreifer, die Machenschaften der Banken, die zweifelhafte Rolle seines Aufsichtsrates. Und er appelliert an Frau Schaeffler.

Herr Wennemer, eine Milliardärin kauft Conti. Was ist schlimm daran?

Erst mal gar nichts - wenn es nach fairen Regeln geschieht, im Einklang mit dem Gesetz. Dagegen aber ist hier verstoßen worden.

Wann haben Sie von der Absicht der Schaeffler-Gruppe erfahren, Conti zu übernehmen?

Es ist noch nicht so ganz lange her, da hörten wir am Markt erstmals Gerüchte, dass die Schaeffler-Gruppe irgendetwas plant. Dann haben wir die Familie angesprochen und um ein Gespräch gebeten.

Sie sind auf die Familie zugegangen, nicht umgekehrt?

So war es.

Schaeffler behauptet, man habe Sie erst am 11. Juli informiert.

Wir haben das Gerücht aus dem Markt gehört und sind auf die Schaeffler-Gruppe zugegangen. Dann wurde der Termin für den 11. Juli vereinbart.

Und wie erfolgte der erste Kontakt?

Den hat Herr von Grünberg hergestellt, unser Aufsichtsratsvorsitzender. Der kennt Frau Schaeffler am besten, weil er dort einmal im Beirat saß. Und er berichtete, dass die Schaefflers sich mit uns treffen wollen. Das hat dann aber noch etwas gedauert.

Seltsames Vorgehen, dass der Aufsichtsratschef verhandelt und den Vorstandschef nicht einweiht.

Nein, das war ja keine Verhandlung. Es gibt viele Gerüchte, da können Sie ja nicht jedes Mal anspringen. Da fragt man sich vielmehr: Wer kann in vertrauensvoller Art und Weise sehen, ob so ein Gerücht stimmt? Mal ruft dann der Aufsichtsratschef an, mal rufe ich an, mal ein Vorstandskollege.

Was hat denn nun Herr von Grünberg berichtet?

Er hat gesagt, dass Schaeffler sich bedeckt halte, aber er glaube, wir sollten einen Termin machen.

Bei dem Termin hat Schaeffler Ihnen dann offenbart, dass man schon auf 36 Prozent der Conti-Aktien Zugriff habe?

So war es. Die Schaeffler-Vertreter haben gesagt: Wir haben auf 36 Prozent der Aktien Zugriff.

Zu Deutsch: Wir wollen Conti übernehmen, aber Sie sind bereits in unserer Hand.

So kann man das interpretieren. Sie haben noch eines gesagt, und das ist kennzeichnend für die Situation: "Wir wollen Ihre Unterstützung. Wir sind offen für eine Beteiligung über oder unter 30 Prozent. Aber Sie wissen: Wir haben Zugriff auf 36 Prozent."

Wie haben Sie reagiert?

An besagtem 11. Juli, einem Freitag, haben wir uns nicht geäußert. Drei Tage später, also am vergangenen Montag, eröffnete man uns, dass sich die Schaeffler-Gruppe entschlossen habe, die Kontrolle anzustreben. Wir hatten da unseren konstruktiven Vorschlag gemacht und bis zu 20 Prozent angeboten, um den Schaefflers eine Brücke zu bauen.

Schaeffler argumentiert mit der industriellen Logik: Mechanik plus Technik, Schaeffler plus Conti ergänzen sich perfekt. Warum überzeugt Sie das nicht?

Dazu muss man sich die Geschichte anschauen: Wir haben schon seit 1995 ein Gemeinschaftsunternehmen mit Schaeffler. Dort entwickeln wir gemeinsam Produkte: In Ihrem Auto ist der Keilriemen von uns, die Rollen, über die er läuft, sind von Schaeffler. Aber das ist eine Mini-Aktivität. In den meisten großen Bereichen gibt es überhaupt keine Synergien. Wir machen Reifen, Displays für Autos, Elektronik und Safety-Systeme. Wir brauchen Schaeffler nicht. Aber die brauchen uns schon.

Aus Ihrer Sicht will der Schwanz mit dem Hund wackeln?

Ich verstehe jedenfalls die Logik von Schaeffler. Noch einmal: Sie brauchen Continental, denn sie stehen ohne den Wachstumsbereich Elektronik da.

Sie wollen unbedingt allein bleiben?

Nein. Wir sind schon immer offen für langfristig orientierte Investoren. Und wir haben viele Gespräche geführt mit Interessenten, auch Finanzinvestoren. Das ist in einem Fall ja auch veröffentlicht worden ...

... der Deal ist dann am steigenden Kurs der Conti-Aktie gescheitert ...

Damals haben wir auch mit der Schaeffler-Gruppe gesprochen.

Das ist uns neu.

Es haben zwei Gespräche stattgefunden. Danach sind wir gemeinsam zum Schluss gekommen, dass eine Verbindung keinen Sinn ergibt. Einer der Gründe der Schaeffler-Gruppe war, dass es keine Synergien gebe.

Kein Gesetz dieser Welt schreibt vor, Übernahmen seien nur erlaubt, wenn Synergien zustande kommen. Man kann ein Unternehmen auch einfach nur kaufen, um Geld zu verdienen.

Völlig richtig. Schauen Sie sich jeden Hedge-Fonds an: null Synergien. Geld verdienen wollen sie.

Das muss Ihnen bekannt vorkommen. So macht Conti es doch auch.

Natürlich wollen wir Geld verdienen, aber es muss strategisch sinnvoll sein, und wir beachten die Regeln. Was die Schaeffler-Gruppe macht, ist etwas anderes. Das finde ich nicht in Ordnung.

Was konkret werfen Sie Frau Schaeffler vor?

Es gibt gesetzliche Vorschriften, wonach gemeldet werden muss, wenn man drei, fünf, zehn und erst recht mehr als 30 Prozent der Aktien eines Unternehmens besitzt. Das ist nicht passiert. Die Schaeffler-Gruppe hat sich nach eigener Aussage mit Hilfe eines Koordinators durch fragwürdige Finanztransaktionen den Zugriff auf Aktien verschafft. Sie wollen uns kontrollieren und haben das nicht offengelegt. Genau das ist der Vorwurf.

Sie wollen sagen, man habe Sie belogen?

Ob gelogen wird, weiß ich nicht. Aber die Schaeffler-Gruppe hat ihre Absichten nicht offengelegt, als sie dazu verpflichtet war.

All Ihre Hoffnung ruht jetzt auf der deutschen Finanzaufsicht?

Es gibt mehr als eine Option. Doch jetzt müssen wir erst einmal ein gemeinsames Spielfeld schaffen mit Regeln, die von allen akzeptiert werden. Das ist die Grundvoraussetzung. Dann kann man darüber reden, wer unsere Aktien kaufen und damit Geld verdienen will.

"Unfair" schimpfen immer jene, die im Wettbewerb verloren haben. Schaeffler sagt, sie handeln legal. Bis die Juristen feststellen, wer recht hat, kann es lange dauern. Da sind Sie längst in fremden Händen.

Sagen Sie das nicht. Es gibt durchaus Fälle, wo die Finanzaufsicht solche illegalen Fälle abgewehrt hat. Und Pirelli musste auch schon einmal von uns ablassen, weil sie sich nicht an die Spielregeln gehalten hatten.

Porsche hat es mit VW genauso gemacht wie Schaeffler mit Conti.

Der Fall Porsche/VW ist anders gelagert. Porsche hat in dem Moment ein Pflichtangebot abgegeben, als sie die Schwelle von 30 Prozent überschritten haben.

Wer hat Nachteile von diesem Angriff?

Unsere Aktionäre. Sie haben ihre Aktien zu einem billigen Preis abgegeben, ohne zu wissen, dass eine Übernahme beabsichtigt ist. Aber genau deswegen gibt es ja eine Meldepflicht. Damit sollen die Aktionäre geschützt werden. Und genau deshalb muss ich als Vorstandsvorsitzender handeln.

Die Franken haben die Gunst des niedrigen Aktienkurses genutzt. Warum hat Conti an der Börse zuletzt so stark verloren?

Da kommen drei Dinge zusammen: unsere Verschuldung, die Frage, ob wir die Integration von Siemens VDO hinkriegen, und die schlechte Autokonjunktur.

Haben Sie außer dem juristischen Vorstoß bei der Finanzaufsicht noch andere Mittel, sich zu wehren?

Alle neun Banken, über die die Schaeffler-Gruppe die Aktien gekauft hat, müssen sich vorhalten lassen, wie sie sich verhalten haben. Gottlob haben nicht alle das böse Spiel mitgemacht. Aber jene, die sich beteiligt haben, müssen sich fragen, ob das Vorgehen ihrer Händler mit ihren Regeln konform geht. Das sollen die mal ruhig analysieren.

Von Ihrer Hausbank, der Dresdner Bank, die offenbar das Geschäft der Schaefflers mitbetreibt, sind Sie tief enttäuscht.

Ich weiß, auch die Banken stehen heute unter enormem Druck und machen solche Dinge in der Absicht, schnell eine satte Prämie zu verdienen. Aber verstehen kann ich das nicht. Noch im Oktober hat die Dresdner Bank für uns eine Kapitalerhöhung durchgezogen.

Die Dresdner ist also die längste Zeit Ihre Hausbank gewesen?

Eine Hausbank haben Unternehmen heute ohnehin kaum noch.

Die Investmentbank Merrill Lynch organisiert den Angriff auf Conti mit. Und hat gleichzeitig vorvergangene Woche in einer Studie Ihre Aktie heruntergestuft. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Darüber wundere ich mich - wie im Übrigen auch manche Medien.

Sie glauben nicht an Chinese Walls in den Banken, wonach Analysten und Händler nicht miteinander sprechen dürfen?

Das müssen andere beurteilen.

Es geht doch in Wirklichkeit um einen Fundamentalkonflikt: Börsenkonzerne wie Conti unterliegen der höchsten Transparenz. Familienunternehmen wie Schaeffler sind niemandem zur Rechenschaft verpflichtet. Das werfen Sie jetzt der Familie Schaeffler vor.

Nein, überhaupt nicht! Die Schaefflers haben das Recht, niemandem zu sagen, welche Gewinne sie machen. Sie brauchen auch keine Zahlen zu veröffentlichen. Deshalb kämpfen wir hier mit ungleichen Waffen. Aber das akzeptiere ich. Mein Punkt ist einzig und allein die Tatsache, wie sie sich gegen das Gesetz an uns herangeschlichen haben. Nur deshalb konnten wir uns nicht wappnen und auf Augenhöhe reagieren. Wir haben nicht wie Regierungen einen Geheimdienst, der uns hätte warnen können.

Das klingt ja wie im Krieg.

Nein, aber freundlich ist das nun wirklich nicht! Wir haben nichts gegen langfristig orientierte Investoren oder die Familie Schaeffler. Deshalb haben wir ja angeboten, eine Beteiligung von 20 Prozent unserer Aktien zu unterstützen. Ich appelliere deshalb auch hier noch einmal sehr nachdrücklich an Frau Schaeffler zu überlegen, ob es nicht einen vernünftigen Weg gibt, und ein weiteres Mal über unser Angebot nachzudenken.

Der Vorstand kann sich in der Marktwirtschaft seine Aktionäre nicht aussuchen. Wo kommen wir da hin?

Ich will mir nicht meine Aktionäre aussuchen! Meine Aufgabe ist es, darauf zu achten, dass alle Aktionäre gleich und fair behandelt werden.

Aktien gehen immer zu Marktpreisen über den Tresen. Der Käufer muss dem Verkäufer nichts über seine Kaufabsichten verraten.

Einspruch: In deutschen Aktiengesellschaften muss er offenlegen, wenn er Aktien in großem Stil kauft. Es muss doch Gründe haben, dass der Gesetzgeber das vorschreibt.

Manfred Wennemer, der große Mann der Kapitalmärkte, ruft die deutsche Regierung zur Hilfe?

Quatsch, das ist kein Appell an die Regierung! Wir haben die Gesetze, die wir haben. Die müssen eingehalten werden.

Was hat Schaeffler mit Conti vor?

Das weiß ich nicht. Sollten sie allerdings über 50 Prozent der Aktien bekommen, kann eine Refinanzierung der Conti in Höhe von rund 12 Milliarden Euro notwendig werden und das in einer Phase, in der die Automobilindustrie ja gerade nicht der Liebling der Kapitalmärkte ist.

Sie spekulieren, Schaeffler müsse Teile von Conti verkaufen und das Unternehmen zerschlagen, um die Übernahme zu finanzieren.

Davon gehe ich aus.

Wer könnte Conti kaufen, wenn das Unternehmen zerschlagen würde?

Da gibt es viele Möglichkeiten und zahlreiche Interessenten, manche davon habe ich in den Zeitungen gelesen.

Als potentielle Interessenten werden Private-Equity-Gesellschaften genannt, als deren Sympathisant Sie bisher galten. Da können Sie doch jetzt nichts dagegen haben?

Ich glaube, dass das Unternehmen Continental im Verbund besser wirtschaftet, als wenn die Teilbereiche getrennt werden. Wir haben untereinander viele Synergien und in den vergangenen zehn Jahren in der Erstausrüstung zum Beispiel gegen Michelin kontinuierlich Marktanteile gewonnen, weil wir das Geschäft in ein gesamtheitliches automobiles Denken eingebunden haben. Früher war ein Continental-Vorstand nur der Gummireifen-Mann. Da hat kein Vorstand eines Automobilherstellers lange mit einem geredet. Heute bin ich der Zulieferer für alles Mögliche im Auto. Aber keine Frage: Auf ewig muss das nicht so bleiben. Wer Continental jedoch zerlegen muss, wenn die Finanzierung wackelt, der soll das auch sagen! Wir haben jedenfalls immer unsere Karten auf den Tisch gelegt.

Sie denken, Schaeffler ist der Komplexität der Managementaufgabe nicht gewachsen?

Nein, das habe ich nicht gesagt! Ich halte Schaeffler für ein hoch professionell geführtes Unternehmen. Was die in den letzten Jahren geleistet haben, da kann ich nur sagen: Chapeau, Hut ab!

Sie ziehen in die Abwehrschlacht ohne die Legitimation durch den Aufsichtsrat. Das ist ungewöhnlich, sensationell.

Ich gehe fest davon aus, dass wir am kommenden Mittwoch von unserem Aufsichtsrat eine klare Stellungnahme haben.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Hubertus von Grünberg unterstützt Sie nicht und hegt stattdessen große Sympathien für die Strategie von Frau Schaeffler, mit der er befreundet ist. Schulterschluss kann man das nicht nennen.

Da kann ich nur Herrn von Grünberg zitieren, der gesagt hat, dass er den Meinungsbildungsprozess im Aufsichtsrat noch abwarten wolle und er im Übrigen auf die klare Äußerung des Vorstands verweist.

Noch einmal: Rückendeckung hört sich anders an. Das klingt sehr mehrdeutig.
Vorstand und Aufsichtsrat haben beide in diesem Verfahren getrennte Aufgaben. Warten Sie doch einfach die Aufsichtsratssitzung am nächsten Mittwoch ab.

Es geht Ihnen um Ihre Macht und Sie kämpfen für Ihr Lebenswerk?

Was heißt hier Macht? Ich bin nicht der Meinung, dass mein Job nur von mir gemacht werden kann. Wer das von sich behauptet, der überschätzt sich grenzenlos. Das ist alles Teamarbeit.

Jetzt spielen Sie doch nicht Ihre Leistung für den Erfolg von Conti so herunter. Das glauben wir Ihnen nicht.

Damit nicht der falsche Eindruck entsteht: Ich bin mit Herz und Seele Continentäler. Natürlich wäre es schlimm, wenn es gelänge, dass jemand durch die Hintertür die Früchte dessen erntet, was wir über viele Jahre gesät haben. Natürlich liegt mir die Continental am Herzen.

Werden Sie unter Schaeffler Vorstandsvorsitzender bleiben?

Diese Frage stellt sich gar nicht.

Sie verdienen gut, wenn Sie bei einem Eigentümerwechsel das Unternehmen verlassen. Haben Sie eine Change-of-Control-Klausel, die Ihnen dann eine hohe Abfindung garantiert?

Nein, so eine Klausel gibt es bei uns nicht. Und das bedauern wir auch nicht.

Welche Chancen geben Sie Ihrem Sieg?

Wir haben wirklich gute Chancen.

Der berühmte weiße Ritter, der Sie rettet?

Welche Namen wollen Sie hören? No comment.

Der Conti-Chef

Der gelernte Mathematiker Manfred Wennemer, 1947 im Münsterland geboren, steht seit September 2001 an der Spitze der Continental AG. Über Jahre war er der Liebling der Börse. Die Investoren mochten ihn, wofür ihn die Gewerkschaften hassten: Wennemer achtete auf die Kosten, trieb den Konzern zu Gewinnrekorden.

Voriges Jahr landete er den vermeintlich größten Coup: Nach einem hitzigen Bietergefecht hat Conti für mehr als 11 Milliarden Euro den Konkurrenten Siemens VDO gekauft. Die Zweifel an der Logik dieser Übernahme sind einer der Gründe, warum sich der Kurs der Conti-Aktie in den vergangenen Monaten halbiert hatte. Dies eröffnete der Familie Schaeffler die Möglichkeit zum Angriff auf den traditionsreichen Dax-Konzern.

Schon im Jahr 1871 wurde in Hannover die „Continental-Caoutchouc- & Gutta-Percha Compagnie“ gegründet. 1892 wurden dort die ersten Fahrrad-Luftreifen in Deutschland gefertigt. Die produziert Conti bis heute, neben vielem anderen; Pkw-Reifen natürlich, in viel stärkerem Maße jedoch elektronische Ausrüstung für Autos. Continental beschäftigt heute mehr als 150 000 Menschen, der Umsatz betrug im Vorjahr 16,7 Milliarden Euro.

Das Gespräch führten Rainer Hank und Georg Meck



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Christian Burkert

 
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