26. Februar 2008 Wie wäre die Zeitgeschichte wohl verlaufen, wenn es 1968 bereits das Internet gegeben hätte? Laut Alt-Kommunarde Rainer Langhans eine sinnlose Frage: Denn es existierte schon - und sogar mit revolutionär hoher Datenübertragungsrate: 68 war das größere Internet, das highere Internet, wir brauchten dafür keine elektronischen oder materiellen Hilfsmittel, das ist ja das Irre, schwärmte Langhans nun bei der Vorstellung seiner in diesen Tagen erscheinenden Autobiographie Ich bin's: Im Internet sei man ein geistiges Wesen und nicht mehr mit dem Körper unterwegs - so hätten sich die Freigeister auch damals schon kurzgeschlossen.
Die Kommune 1 als eine Art WLAN-Hot-Spot, dessen Mitglieder auf gleicher Wellenlänge, hemmungs- und drahtlos, miteinander kommunizierten; Langhans und Fritz Teufel als Engelswesen, reine Intelligenzen, losgelöst von allen Barrieren (und Barrikaden) von Raum und Zeit, im unendlichen Datenkosmos ein antiautoritäres Bit-in nach dem anderen abhaltend. Das Netz als Riesentüte.
Mehr als ein Laberflash
Nun haben wir irgendwie in Erinnerung, dass Körper in der Kommune 1 doch eine gewisse Rolle spielten, der von Uschi Obermaier etwa, doch vielleicht war das ja damals schon ein Rückfall ins analoge Zeitalter. Langhans herrlich bekifft klingende Umwertung der damaligen Provokationen zur futuristischen Kommune 2.0 ist aber mehr als ein Laberflash. Denn die Cyperspace-Phantasien der neunziger Jahre ersehnten ja tatsächlich eine Verwirklichung ursprünglich linker Utopien mit technischen Mitteln: die Abschaffung des Kapitalismus, ja der Arbeit überhaupt, die Überwindung des Staates, in Verbindung mit radikaler Basisdemokratie, und eben endlich die Transzendierung des Körpers - all dieses verlieh den Internettheorien einen religiös-eschatologischen Zug, der den Achtundsechzigern vergleichbar ist.
Es liegt also in der Natur der Sache, dass Langhans den Spieß umdrehen kann. Was die Aktivisten der Virtualität heute nur anstreben, wurde damals schon verwirklicht - so bleibt man ewig Avantgarde. Eines jedenfalls haben die Achtundsechziger mit der Generation von Myspace, Facebook oder StudiVZ wirklich gemeinsam - den grenzenlosen Exhibitionismus, der in der Tat auch ohne jede Technik auskommt.
Text: F.A.Z., 26.02.2008, Nr. 48 / Seite 33
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