Glosse Feuilleton

Schauklau

14. Juni 2007 Internet heißt Selbstbedienung. Deshalb bedienen wir uns jetzt ausnahmsweise einmal beim "Perlentaucher". Dort schreibt Rüdiger Wischenbart, ein sogenannter Vordenker der Buchbranche, über ein seltsames Ereignis: Der Engländer Richard Charkin, Vorstandsvorsitzender der Holtzbrinck-Tochter Macmillan, hat zusammen mit einem Kollegen bei der "Book Expo" in New York zwei Laptops der Firma Google von deren Platz am Messestand entwendet. Die beiden Herren standen mit ihrem Diebesgut mehr als eine Stunde lang in der Nähe des Standes, bis ihre Tat entdeckt wurde. Dann gaben sie die Laptops umstandslos zurück. Wischenbart hat die Geschichte erzählt bekommen - und er hat sie in dem Blog gefunden, den Charkin betreibt. "Zuverlässig konträrisch" lautet, frei übersetzt, das Motto dieses umstrittenen Netztagebuchs - umstritten, weil von der Debatte begleitet, ob es sich für einen Spitzenmanager zieme, dermaßen schandschnäuzig vom Leder zu ziehen, ausgerechnet in einer kleinen, von sensiblen Individualisten bevölkerten Branche. Genau deswegen hat Charkin den Blog erst angefangen: Der hemdsärmelige Verlagsmann, von Statur einem Möbelpacker ähnlich, ist ein Freigeist des Gewerbes, das vielerorts von Zahlenmenschen okkupiert wird. Diese Rolle hat sich Charkin mit seinem Happening zunutze gemacht. Der Hintergrund ist ein ernster: Wie hält es Google mit dem geistigen Eigentum? Charkin argumentiert (nicht ganz sauber), Google verhalte sich hier genauso wie er. Tatsächlich hat Google in vielen Fällen die Beweislast umgekehrt und offeriert im Rahmen der elektronischen Buchsuche Titel, ohne im Einzelfall die Rechtslage zu prüfen. Um es mit Charkin zu sagen: Nur von Büchern, die ausdrücklich mit dem Etikett "Bitte nicht stehlen" versehen seien, ließen die Allesdigitalisierer die Finger. Google habe nicht ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Laptops nicht zum Mitnehmen gedacht seien. Charkin musste Prügel einstecken - er verhalte sich pennälerhaft, sei ein Mann von gestern, dem es an Visionen fehle. Eine gewisse Brenda S. schrieb, sie werde keinen Penny mehr für ein Buch von Macmillan ausgeben, solange ein solcher Mann an der Spitze stehe. Als eine der weltweit führenden Verlagsgruppen lebt Macmillan vom Handel mit Inhalten, aber die Verflechtungen sind so allseitig, dass selbst Charkins Blog nicht ohne Google-Anzeigen daherkommt. Er habe sich schäbig gefühlt, mit Google dieses Spiel zu spielen, bekennt Charkin, fügt aber an: Google solle das Gleiche empfinden, wenn die Suchmaschine den gleichen Trick bei Autoren und Verlagen anwende. Richard Charkin weiß, dass das angesichts der netzweltlichen Selbstbedienungsmentalität ein frommer Wunsch bleiben wird. hhm

Text: F.A.Z., 15.06.2007, Nr. 136 / Seite 41

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