Glosse Feuilleton

Messe-Wirrnis

25. Januar 2007 Es ist dies ein kleines Lehrstück darüber, wie man als prominenter Schriftsteller auf eine Unterschriftenliste gerät. Ganz ohne eigenes Zutun. Nur durch eine Verkettung medialer Missverständnisse. Ein "Manifest" nämlich zur "Wiederzulassung der überlieferten lateinischen Messe" (F.A.Z. vom 24. Januar), verbreitet von Radio Vatikan, also von höchster geistlicher Sendestelle, unterschrieben von über fünfzig Erstunterzeichnern, darunter Philosophen, Theologen, Mathematiker, Politologen, Kirchenmaler, Neurochirurgen, Musikwissenschaftler, Historiker und Altphilologen, initiiert vom Bonner Universitätsdozenten Heinz-Lothar Barth, den man über eine "AlteMesse"-Website kontaktieren kann, wirkt ja umso wuchtiger, wenn auch schriftstellerische Prominenz die Liste ziert. Im Falle des "Manifests" tauchen die Namen von Martin Mosebach, Ulla Hahn und Botho Strauß unter den Erstunterzeichnern auf. Keiner der drei aber hat das "Manifest" unterschrieben. Ulla Hahn hat diesen Umstand bereits öffentlich gemacht (F.A.Z. vom 25. Januar), Botho Strauß zieht jetzt nach: Er sei sowieso Protestant, "wenngleich ein gequälter und unglücklicher", und insofern unberufen, sich zu Fragen der lateinischen Messe zu äußern, da er diese ja "höchstens als Gast genießen" könnte. Martin Mosebach freilich trägt das "Manifest" nachträglich "solidarisch und mit seinen Inhalten restlos sympathisierend" mit, ohne es ausdrücklich unterschrieben zu haben. In der "Welt" vom 18. Januar ("Warum Schriftsteller die lateinische Messe wiederhaben wollen") war zu lesen: "Frühere Unterschriftenaktionen waren mehrmals in den Verdacht geraten, dass es nicht immer mit rechten Dingen zugegangen sei." Die obengenannten drei Autoren hätten aber jetzt ihre "Zustimmung signalisiert". Es ging aber auch da schon nicht mit rechten Dingen zu. Der Autor des "Welt"-Artikels hatte mit Mosebach gesprochen, diesen, so Mosebach, missverstanden und die Namen der drei Schriftsteller-Unterschreiber in die Welt gesetzt. Als Mosebach sich daraufhin mit Ulla Hahn und Botho Strauß in Verbindung setzte, um das Missverständnis aufzuklären, verstand der Bonner Initiator der Her-mit-der-lateinischen-Messe!-Aktion die unverbindlichen Freundlichkeiten, die Hahn und Strauß gegenüber Mosebach, dem entschiedenen Lateinische-Messe-Sympathisanten, geäußert hatten und von denen Mosebach dem Bonner "Manifest"Verfasser gesprächsweise berichtete, als dergestalt verbindlich und unterstützlerisch, dass dieser, ohne viel nachzufragen, deren Namen robust und wohl auch etwas arg listig auf die Liste setzte, diese nach Rom mailte, wo Radio Vatikan das, was die "Welt" und "Spiegel-Online" schon richtiggestellt hatten, als neue Tatsache in die Welt sendete. So dass Ulla Hahn im Gespräch mit dieser Zeitung sozusagen im doppelten Sinne eine "richtige Täuschung" konstatiert. Sie hält nämlich auch den Inhalt des "Manifests" für eine solche. "Denen geht es nicht ums Latein in der Messe. Die kann man heute schon lateinisch lesen. Es geht denen um eine generelle Rückkehr ins Vorkonziliare." Und dazu benötigen sie wahrlich keine Schriftsteller. G.St.

Text: F.A.Z., 26.01.2007, Nr. 22 / Seite 42

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