Von Dirk Schümer
23. Juni 2008 Mit dicken Goldketten behängt, mit einer Basecap auf dem Schädel und in die Kniekehlen herabhängenden Jeans kann und mag man sich ihn in der Mailänder U-Bahn nicht vorstellen. Und doch ist Umberto Eco jetzt unter die Rapper gegangen. Für das neue Album von Ottavia Fusco, Gli anni zero, hat der berühmteste lebende Semiologe und Theoretiker der Popkultur wieder einmal die Seiten gewechselt. Sein Lied über die Jahre null ist zu einem lockeren, leichten Rap, durchaus passend zur beginnenden Strandsaison, geworden. Und Eco, dem seine Rolle als wichtigster intellektueller Widersacher Berlusconis (ein großer Liedtexter auch er) zunehmend langweiliger, weil sisyphushafter vorkommen muss, hat als Texter seiner Lust am Sprachspiel freien Lauf gelassen. Frou frou, Zazà, Coco Chanel, BB, tuca tuca und tamtam lauten die wiederkehrenden Kurzrhythmen, mit denen Eco seinen Rap skandiert.
Im Unterschied zu Berlusconi, der sich selbst bei Staatsbesuchen gerne am Klavier präsentiert, hat der Büchermensch Eco das Musizieren allerdings den Profis überlassen. Sein versöhnlicher Text klingt nicht recht nach Gangsta-Kultur, sondern eher nach amüsantem Erinnern an Erotik und Mode der Nachkriegszeit. Warum auch nicht? Wird doch Jugendkultur zum lukrativen Markt für Alte, von denen es ohnehin immer mehr gibt.
Kurz und chic
Das Beispiel könnte Schule machen. Weil sich Eco erst jüngst mit seinem Freund Günter Grass zum Diner getroffen hat, ist vielleicht auch von der Popfront Lübeck-Danzig bald ein heißer Song zu gewärtigen. Als arrivierter Intellektueller ist Eco auf der neuen Platte ohnehin nicht allein. Der vom Papst persönlich bei der katholischen Konversion begrüßte Publizist Magdi Allam dichtete ein züchtiges Liebeslied auf seinen Sohn; Lina Wertmüller und Dacia Maraini machen ebenso mit wie der erzfaschistische Theaterstar Giorgio Albertazzi. Es wirkt ein bisschen wie ein edler Strandclub der gar nicht so großen und eng ineinander verwobenen italienischen Kulturschickeria. Und zu Zeiten, da Ecos Schaffenskraft als Romanautor etwas abkühlt, hat der Rap über Coco und BB, Zazà und Froufrou ein Gutes im Vergleich zu den dickleibigen Romanen: Man ist schnell damit durch.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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