Glosse Feuilleton

Geschichtszeit

Von Lorenz Jäger

23. April 2007 Plötzlich sieht man nicht mehr den einzelnen Fall, sondern ein Bündel, Geschichten, die ineinander verknotet sind in der Wirklichkeit oder in der Mythisierung der Akteure selbst. Stefan Wisniewski, auf den sich jetzt die Ermittlungen zum Buback-Mord zu konzentrieren scheinen, ist der Sohn eines polnischen Zwangsarbeiters, der nach dem Kriege in Deutschland blieb. So konnte gerade Wisniewski, aus zunächst einmal nachvollziehbaren Motiven der Rache, zum glaubwürdigsten Sprecher des gewalttätigen Antifaschismus der RAF werden. Denn die Terrorgruppe wollte doch auch die Speerspitze des nachgeholten Widerstands der Deutschen sein. Was in den Worten von Gudrun Ensslin hieß, "dass mit der Generation von Auschwitz nicht verhandelt werden kann".

1997 erklärte Wisniewski, nach den Gründen der Schleyer-Entführung befragt, in einem Interview: "Schleyer, so wie er sich präsentierte in der Öffentlichkeit, in Interviews und all seinen Auftritten, war einfach ein Magnet. Ein naheliegender Gedanke. Es gab aber auch andere Überlegungen, beispielsweise kamen wir auf Filbinger, den baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Filbingers Vergangenheit als Nazi-Marinerichter war damals noch nicht öffentlich bekannt. Aber bekannt war, dass er nach der NS-Zeit praktisch ungebrochen zum Landesvater geworden war. In seinem Fall sind wir sehr schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass wir da den ganzen Landtag stürmen müssten. Das fiel natürlich aus. Schleyer ist dann übrig geblieben."

Bei Schleyer und dem als Opfer pragmatisch ausgeschlossenen Filbinger ging es um die Freipressung der Stammheimer Häftlinge Baader, Ensslin, Raspe und Irmgard Möller. Wisniewski steuerte, so viel ist gesichert, den Wagen, mit dem man Schleyer abtransportierte. Rolf Hochhuth wiederum forderte 1978 in der "Zeit", Filbinger sei einzusperren. Am Ende im regional nahegelegenen Stammheim? Genau das ist das Eigentümliche der Geschichte: Nichts gibt sie uns isoliert, immer überfällt sie uns mit allem zugleich.



Text: F.A.Z., 24.04.2007, Nr. 95 / Seite 33

 
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