17. November 2006 Sacha ist die englische Schreibweise des russischen Kosenamens für Alexander. Aus dem Welteroberer wird so ein Herzchen, dem man nichts Übles zutrauen würde. Als der große elegante Herr mit der tiefen, britisch gefärbten Stimme also "Hi, ich bin Sacha" sagt, ist der Reporter verzaubert: "Mit diesem einen Wort - Sacha - hat er mir mitgeteilt, daß ich hinter den kasachischen Vorhang gelassen werde." Er - das ist Borat, dessen Dokumentarfilmsatire über seine Reise als tumber Kasache in die Vereinigten Staaten seit zwei Wochen die Massen dies- und jenseits des Atlantiks ins Kino lockt. Er - das soll aber auch Sacha Baron Cohen sein, jener Mann, der Borat spielt, ein englischer Komiker, der seine Rollen derart intensiv auslebt, daß die Trennung von Wahrheit und Fiktion schwerfällt. Für die aktuelle Ausgabe des amerikanischen Magazins "Rolling Stone" hat Borat alias Sacha ein Interview gegeben. Er dürfte damit der erste Schüler des britischen Historikers Ian Kershaw sein, dem es gelungen ist, ins Zentralorgan der amerikanischen Popkultur vorzudringen. Denn als Geschichtsstudent hat Cohen von Kershaw gelernt, daß "der Weg nach Auschwitz durch Gleichgültigkeit geebnet" wurde. Außerdem ist der Darsteller des Borat, der mit seinen antisemitischen Bemerkungen just diese Gleichgültigkeit testen will, selbst Jude. Und zwar einer, der, wie man nun erfährt, sich koscher ernährt und den Sabbat heiligt - "wenn er kann". Dieser mustergültige Zeitgenosse aber, gottesfürchtig, gebildet und sogar verlegen, soll "der wahre Borat" sein, wie der "Rolling Stone" schreibt? Die Zeitschrift spricht auch vom "einzigen Interview als er selbst". Und schon sind wir wieder bei der Frage, wer hinter dem "er" steckt. Rimbaud hat sich offenbar getäuscht: Nicht nur Ich ist ein Anderer. Der Reporter des "Rolling Stone" erklärt den Erfolg der multiplen Existenzen des Sacha Baron Cohen so: "Borat und Ali G. sind Zufluchten für ihn, Masken, hinter denen er sich verstecken kann." Alles, was Cohen als Borat sage, diene nur dazu, seine Gesprächspartner zur Gratwanderung zwischen Geduld und Intoleranz zu zwingen, wodurch ihre eigene wahre Persönlichkeit enthüllt werde. Eine kluge Erklärung; allerdings eine, die vermuten läßt, daß Sacha Baron Cohen noch etwas klüger ist. Denn was soll dieser brave Sacha denn anderes sein als eine weitere Rolle, mit der Cohen die Erwartungen jener Gesprächspartner bedient, die ihre Gleichgültigkeit gegenüber seiner Drastik dadurch zu legitimieren wünschen, daß sie den guten Kerl hinter all den Injurien finden. Als was immer Cohen sich bislang inszeniert hat - als schwarzen Ali G. oder als schwulen französischen Rennfahrer Jean Girard, als Borat oder als österreichischen Reporter Bruno -, seine allerbeste Rolle spielt er jetzt als Sacha, als die Fiktion seiner selbst. apl
Text: F.A.Z., 18.11.2006, Nr. 269 / Seite 39
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