Von Michael Hanfeld
17. April 2007 Für einen Tag wie den 16. April 2007 ist der Nachrichtensender CNN gemacht. Es gibt nur eine Nachricht an diesem Tag, und sie kündet von einer Katastrophe, von dem Massaker an der Virginia Tech University in Blacksburg. CNN geht auf Sendung, als noch niemand weiß, wie viele Menschen der Attentäter auf dem Campus erschossen hat, ob es sich um einen oder um mehrere Täter handelt und ob das Gemetzel beendet ist.
CNN hat keine Gewissheit, wohl aber Bilder. Verwackelte, unscharfe Bilder, aufgenommen während der Schießerei, aus nächster Nähe. Wir sehen nicht viel, aber wir hören. Siebenundzwanzig Schüsse hören wir, der Moderator Wolf Blitzer hat sie gezählt. Wir hören die siebenundzwanzig Schüsse, sehen die Bilder und lesen im Nachrichtenlauftext die jüngsten Opferzahlen: mindetens zwanzig Tote, einundzwanzig, zweiundzwanzig, schließlich sind es mehr als dreißig. Vor den Bildern verstummen alle Fragen und alle Experten, die darüber spekulieren, wie die Opfer versorgt werden, was die Polizei unternimmt, wer die Angehörigen verständigt.
Ein ganzer Sender in Schockstarre
Nach Stunden sehen wir den Mann, dem CNN die Bilder verdankt: Es ist der Student Jamal Albarghouti, der mit seinem Handy - einem silbernen Nokia N70 Smartphone, wie er erklärt - einfach draufgehalten hat, als er in Deckung ging. Er stand vor dem Gebäude, in dem die meisten seiner Kommilitonen zu Tode kamen, und filmte, bis die Polizei ihn vertrieb. Seinen Ein-Minuten-Film schickte er an das I-Report-Portal von CNN - was der Bild-Zeitung die Leserreporter, sind CNN die citizen-journalists. Und als solcher wird Jamal Albarghouti sogleich unter Vertrag genommen, für eine Summe, die der Sender nicht verraten will.
Mehr als 1,8 Millionen Mal wird Albarghoutis Aufnahme vom Virginia Tech Massacre bis zum Abend auf CNN.com angeklickt. Jamal Albarghouti ist Palästinenser, er stammt von der Westbank und hat in Saudi-Arabien gelebt. Aus seiner Heimat sei er schlimme Dinge gewöhnt, sagt er im Interview, vielleicht sei er deshalb nicht gleich weggelaufen. Er blieb in der Gefahrenzone und legte den lebensgefährlichen Leichtsinn an den Tag, der Journalisten überkommt, wenn sie die Geschichte ihres Lebens vor sich zu haben glauben, den Scoop schlechthin. Albarghoutis Englisch ist denkbar schlecht, trotzdem wird er von den CNN-Leuten sogleich als Kollege aufgenommen.
Er ist kein Zeuge, er ist einer von ihnen, einer von uns, er hat die Geschichte. Leider vergessen die hochbezahlten Moderatoren im Bann von Albarghoutis Video, was ihre Aufgabe wäre: Informationen zu sammeln und Fragen zu stellen. Zum Beispiel die, warum zwei Stunden nach den ersten beiden Morden auf dem Campus offenbar derselbe Täter sein eigentliches Massaker anrichten kann. Wieso die Studenten aufgefordert wurden, in ihren Klassen zu bleiben, da doch zu befürchten war, dass der Attentäter noch unterwegs sei. Es dauert Stunden, bis bei CNN überhaupt jemand irgendwelche Fragen stellt. Der ganze Sender ist in Schockstarre, inszeniert den Horror wie in Trance. Es ist wie im Krieg, und Albarghouti ist unser Mann an der Front. Mann, Jamal, du bist verrückt, schreibt ihm ein Freund per E-Mail. Jamal ist nicht verrückt. Seine Geschichte ist es.
Text: F.A.Z., 18.04.2007, Nr. 90 / Seite 39
Bildmaterial: AP