Von Hubert Spiegel
10. Juli 2008 Als der Käfer eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ausgestorbenen Ungeziefer verwandelt. Hatte die Welt doch beschlossen und verkündet, seinesgleichen habe aufgehört zu existieren. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Außerdem sah er vier Fühler, die fast doppelt so lang waren wie er selbst. Auf seinem Nachttisch aber lag ein Brief mit den Worten Weine, Liebste, weine, jetzt ist die Zeit des Weinens da! Der Held, meiner kleinen Geschichte ist vor einer Weile gestorben. Wenn es dich tröstet, so erfahre, daß er genug friedlich und mit allen ausgesöhnt gestorben ist.
Verdutzt rieb der Käfer seine Fühler aneinander. Nein, er ist nicht krepiert, rief der Käfer aus, ausgestorben bin ich nicht! Er warf die Bettdecke von sich und begab sich nach Ashchurch, Gloucestershire, wo er solange durch die Straßen stolzierte, bis man auf ihn aufmerksam wurde und die Fotografen kamen. Jetzt ist sein Bild in der britischen Tageszeitung Independent zu bewundern, die auf derselben Seite vermeldet, dass eine Ansichtskarte gefunden wurde, die an J.R.R. Tolkien gerichtet war. Ein Bauunternehmer, der mit dem Abbruch der ehemaligen Villa des Schriftstellers betraut war, fand das Kärtchen aus dem Jahr 1968 hinter dem alten Kamin des Hauses. Wie es dorthin gekommen ist, wissen nur die Käfer. Es steht wohl auch nicht viel darauf, aber der glückliche Finder will jetzt Kamin und Karte zusammen versteigern lassen und hofft auf einen Erlös von mehr als dreihunderttausend Euro.
Dafür könnte man sich in Tel Aviv, wo seit 1968 der Nachlass Max Brods liegt, vermutlich eine kleine Wohnung kaufen. Wenn Tolkien die Ansichtskarte nicht bekommen, sondern geschrieben hätte, und zwar am besten an Max Brod, und wenn der wieder in die beseelte Welt zurückgekehrte Käfer sich nicht in Ashchurch, Gloucestershire, sondern in Tel Aviv gezeigt hätte, und zwar am besten in der Wohnung von Max Brod, dann käme vielleicht alles zusammen schon bald nach Marbach, Neckarshire, ins Deutsche Literaturarchiv, das Brods Nachlass sehr gerne kaufen würde. Und das wäre vermutlich für alle Beteiligten das Beste. Denn mit einem Archiv ist es wie mit einer Glosse: Hier findet alles behaglich zusammen, auch das, was gar nicht zusammengehört.
Text: F.A.Z.