Von Gerhard Stadelmaier
07. Mai 2008 Der taugt nichts. Schauen Sie ihn sich an, das ist ein verdammter Krüppel. Den können Sie eigentlich gar nicht wollen. Aber wenn doch, dann kriegen Sie ihn für umsonst. Geld kann ich dafür nicht nehmen. Weg mit Schaden!“ So sprach vor Jahren der Herr Landschaftsgärtner, warf das kleine, unscheinbare, völlig verkrüppelte, verschrumpelte nackte Aprikosenbaumstämmchen achtlos in unseren Kofferraum, wobei er das gesunde, stattliche, gerade gewachsene Exemplar, für das er auch einen stattlichen Preis verlangte und von dessen künftig zu erwartenden Früchten er wunderaromatische, vollsaftige und sattfarbige Dinge vorschwärmte, sorgfältig in ein Sackleinen wickelte – mit genauesten Angaben, wie die Wurzeln vor dem Einpflanzen zu behandeln und wie die sie umgebende Erde zu wässern und zu düngen wäre.
Mit dem Krüppel können Sie machen, was Sie wollen!“ Und adieu. Der Gesunde, Gerade, Glänzende, Teure, Normale blühte kaum, trug fast nichts, rollte die Blätter ein, warf sie bald ab, wurde schwarz und schwärzer und ging nach ein paar Jahren ein, musste mühsam wieder ausgegraben werden (Ja, mein Gott, das ist halt die Aprikosenpest, da kann man nichts machen, die kommt und geht“). Der Krüppel dagegen, aus absichtsloser, nichts erwartender Laune unweit von seinem gesund glänzenden Pestbruder gepflanzt, blüht über die Zeiten wie verrückt, explodiert jährlich fast vor Früchten, lässt sich nach allen Himmelsrichtungen und -höhen die Äste radikal beschneiden, was er nicht als Beeinträchtigung seiner Möglichkeiten, sondern als Aufforderung, neu auszuschlagen und frisch wuchernd weiterzuwachsen, begreift.
Nicht nur in der näheren Umgegend, sondern republikweit haben Nachtfröste der Aprikosenblüte derart den Garaus gemacht, so dass selbst in dieser Zeitung zu lesen stand, diese sei wohl leider im Eimer“. Unser Krüppel hat den Kopf hoch über jedweden Eimer erhoben und allen Frösten in fast wahnwitzigem Mut getrotzt. Er strotzt in all seiner Verwachsenheit und Verdrehtheit vor unbändigster Früchtelust. Hätten wir ihn, den man uns zum Wegwerfen überließ, sozusagen im embryonalen Stadium weggeschmissen, wir wüssten gar nicht, was das Leben an Ernte bringen kann, wenn man es einfach nimmt, wie es kommt.
Text: F.A.Z.
