Glosse Feuilleton

Selbstklebend

06. Juni 2006 Es beginnt nun wieder die Zeit, in der sich selbst kleine Mädchen für schwitzende, häßliche und bärbeißig dreinschauende Männer zu interessieren beginnen. Hätte man doch das erste Warnzeichen ernster genommen, als die Zehnjährige unvermittelt Oliver Kahn zu ihrem großen Vorbild erklärte. Wie bitte? Gorilla Kahn, den Bankdrücker und Weizenbiergenießer? Was war da schiefgelaufen? Als Rätsels Lösung ergab sich, daß die nicht nur auf den Schulhöfen allgegenwärtigen WM-Sammelalben in der deutschen Torwartfrage nicht auf dem neuesten Stand sind. Von Lehmann keine Spur, weswegen die Firma Panini nun schon quasi in der Nachspielzeit schnell zwei Millionen Bildchen der neuen Nummer eins nachdrucken läßt - zu spät fürs kollektive Sammlergedächtnis. Doch Rotation hin oder her, spätestens nach dem Anschauen des letzten deutschen Testspiels mußte endlich ein eigenes Klebealbum (Preis: ein Euro!) für den Fan-Nachwuchs besorgt werden; mit ein paar Ersatzspielern von Fußballzwergen - oh ja, die gibt's hier noch! - war das Kind auf dem Schulweg schon angefixt worden. Doch dasselbe "Zeitfenster" (Jürgen Klinsmann) hatte sich offenbar für die halbe Nation geöffnet beziehungsweise gerade geschlossen: Sammelbilder, so der Kioskbesitzer, schon reichlich entnervt, gebe es in Hülle und Fülle, aber die Alben seien restlos ausverkauft, der Zeitpunkt der Neulieferung ungewiß. Das gleiche Spiel bei vier weiteren Verkaufsstellen, selbst in der Nachbarstadt, wo man rät, zum Hauptbahnhof zu fahren! Doch da alle diesen Tip bekommen haben, ist das ebenso zwecklos, als wollte man Karten fürs Finale. Wahrscheinlich haben sich auch bei den Alben skrupellose Fifa-Pfeffersäcke ihre Pfründe gesichert und so der Basis den Nachschub abgeschnitten. Für die Korruptionsthese spricht, neben Sepp Blatter, daß man in Frankfurter Broker-Bars schon Anzugträger beim Bildertausch im großen Maßstab beobachten konnte, als handelte es sich um Aktienoptionen. Oder daß der nordrhein-westfälische Bauminister gerade unter Beschuß steht, weil er während einer Landtagsdebatte über Hartz IV Panini-Bildchen einklebte - angeblich im Auftrag seines Sohnes. Offenbar hat sich längst eine Parallelwährung, ja eine Schattenwirtschaft entwickelt, in die allerhöchste Kreise verstrickt sind. Doch nehmen wir's als gutes Omen, daß man mit der richtigen Einstellung auch gegen die Großen "ein Näschen vorn" (Klinsmann) sein kann: Ausgerechnet im profanen Supermarkt finden wir noch zwei Hefte! Die werden gleich beide gekauft. Erstens, weil man ja sonst nicht tauschen kann, und zweitens, weil die anscheinend auch unbeklebt Gold wert sind. Gleich in den ersten Tütchen finden sich: Michael Ballack, Ronaldinho und - der Cup, Objekt aller Tauschbegierden und, so die pausenhofgeschulte Tochter, ein höchst rares Exemplar. Dazu aber auch Owomoyela und Kuranyi. Möchte wer tauschen? rik

Text: F.A.Z., 07.06.2006, Nr. 130 / Seite 35

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