19. Juni 2003 Als das Wünschen noch geholfen hat, sind auch Peter Handkes Wünsche in Erfüllung gegangen. Damals, in der guten alten Wunscherfüllungszeit, hätte nicht Susan Sontag den Friedenspreis bekommen, sondern Gerhard Schröder und Joschka Fischer hätten sich die Auszeichnung geteilt, ganz so, wie es der Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller vor einiger Zeit vorschlug. Niemand hat den banalen Einwurf beachtet, niemand außer Peter Handke, der aufschrie wie ein verwundeter Stier: Sollte der Vorschlag Gehör finden, wolle er, Peter Handke, aus der Zunft der Schriftsteller austreten und künftig etwas ganz anderes sein, Maikäfer etwa. Man muß nicht Freud bemühen, um zu erkennen, daß hier ein Wunsch formuliert wurde. Und zwar mit Bedacht. Alles hätte Handke sein wollen können, ein schmackhafter Pilz etwa, wie er ihn so gern im Walde sammelt, ein Stifterscher Kiesel oder gar ein bemooster Feldstein. Der Dichter aber, der kein Schriftsteller mehr sein wollte, wählte jenes Geschöpf, über das der gute Grzimek schrieb: "Der Käfer ist offenbar der erfolgreichste aller Tiertypen." Denn durch seine festen Flügeldecken erhält der Käfer "größeren Schutz, als ihn die Körper anderer Insekten je genießen". Aber das ist noch nicht alles. Während manche Schmetterlinge mit über fünfzig Sachen durch die Lüfte brettern, legt ein Maikäfer nach Wandererart nicht mehr als acht Kilometer in der Stunde zurück. Gut geschützt, gemütlich durch den Äther schaukelnd, den milden Blick fest auf die naturschönen und winzigkleinen Dinge unter ihm gerichtet, so hatte sich der Schriftsteller Peter Handke sein künftiges Maikäferleben vorgestellt. Ein schönes Bild. Und nun dies: nicht Schröder, sondern Sontag. Handke muß also Schriftsteller bleiben, aber offenbar ist ihm mittlerweile so unwohl in seiner dünnen Haut, daß er die Metamorphose nicht entbehren kann. Nun hat er aus Anlaß der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Salzburg seinen Rückzug aus dem öffentlichen Leben bekanntgegeben: "Das ist das letzte Mal, daß ich mein Idiotentum öffentlich zeige." Während in der Antike die Idioten abseits der Städte gelebt hätten, stünden heute viele Idioten in der Öffentlichkeit. Er wolle nun nicht länger Idiot sein und werde niemals wieder öffentlich auftreten. Seine Dankesrede schloß Dr. h.c. Handke mit den Worten: "Ab jetzt könnt ihr mich vor Gericht bringen, wenn ich noch einmal im Leben öffentlich auftreten soll." Die Welt stand still nach diesem Satz, ganz Salzburg wurde von einem Abgrund verschlungen. Und das schlimmste: Kein Handke mehr, der aufschreit wie ein verwundeter Stier, der brüllt, nie wieder wolle er mehr Pilze sammeln, solange Handke nicht wieder öffentlich aufgetreten sei. Fast vier Jahrzehnte sind seit der "Publikumsbeschimpfung" vergangen. "Dadurch, daß wir Sie beschimpfen, werden Sie uns nicht mehr zuhören, Sie werden uns anhören. Der Abstand zwischen uns wird nicht mehr unendlich sein", schrieb Handke 1966. Seit damals hat er nicht mehr aufgehört, die Welt zu beschimpfen. Doch der Abstand zwischen dem Schriftsteller und der Welt ist immer größer geworden, und jetzt ist Peter Handke in diesen Abstand kopfüber hineingefallen. Aber weil das Wünschen nicht mehr hilft, ihm nicht und uns nicht, werden wir Handke gewiß bald wieder sehen, schimpfend, brummend und mit einer Fluggeschwindigeit von etwa acht Kilometern in der Stunde.
igl
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2003, Nr. 140 / Seite 33
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