07. Dezember 2003 Es gibt wenige Großstädte in der Welt, in deren Zentrum man sich wie auf einem niedersächsischen Acker fühlt; Berlin ist eine davon. Da ist das Kanzleramt, festlich beleuchtet, ein einsamer Palast in einer leeren Weite. Läuft man in Richtung Spree, sieht man, hinter weiten Sandhaufen, dürren Bäumen und umgepflügter Erde, eine geduckte Glaskonstruktion - den Lehrter Bahnhof. Es ist still hier wie am Ortsrand des niedersächsischen Städtchens Lehrte. Aber dort ist es nicht so; dort ist es viel lebendiger als hier.
Kaum besser ist es im Niemandsland zwischen Neuer Nationalgalerie, Staatsbibliothek und Gemäldegalerie. Der Verkehr donnert nach Schöneberg, Touristen werfen erkaltete Cheeseburger in den Rinnstein, und trauriger ist es nur vor dem Palast der Republik: Berlin, heart of darkness, leere Stadt.
Ausgerechnet an diesen drei Orten sollte Berlin seinen neuen Metropolenglanz erhalten, pulsieren, brummen und leuchten: Kulturforum, Bürgerforum, Humboldt-Forum hieß die Trias der strahlenden Kapitale, aber das einzige Forum, das in Berlin heute wirklich von Leben erfüllt ist, ist das Automobilforum Unter den Linden, wo Passanten den fernen Glanz von Bugattis und Bentleys bestaunen.
Was man dagegen am Spreebogen sieht, ist nur ein Rudiment von Stadt, eine gebaute Ruine, und man traut seinen Augen nicht, wenn man sieht, was Architekten wie Axel Schultes hier vor einem Jahrzehnt geplant haben. Denn eigentlich sollte das Kanzleramt nicht einsam und monumental wie ein bundespolitischer Alcatraz in der Landschaft liegen, sondern durch ein dichtes städtisches "Bürgerforum" an das Paul-Löbe-Haus und die Stadt angebunden werden und im städtischen Kontinuum von Restaurants und Cafes für Tausende von Verwaltungsangestellten, Bundestagsmitarbeitern und Touristen aufgehen, die durch ein dichtbebautes Mini-Manhattan aus Wohn- und Bürobauten vom Lehrter Bahnhof herüberströmen sollten. Schultes und seine Partnerin Charlotte Frank planten eine fast romantische Vision von Stadt, das städtische Gegenmodell zu den Kommerztürmen von Sony oder Daimler-Chrysler am Potsdamer Platz, mit großen Blicken über den nahen Hafen und lebendigen Straßen; ein urbanistisches Modell, das den politischen Raum mit dem städtischen verzahnt - und nebenbei einen der interessantesten Stadträume des neuen Berlin geschaffen hätte: Ein gigantisches Flugdach, unter dem die völlig ausgefranste Invalidenstraße vor dem Bahnhof durchtauchen sollte.
Es kam anders. Oswald M. Ungers schlug als herbeigerufener Stadtplaner Häuser am Hafen vor, deren Bau sich unter anderem wegen der hochkomplizierten Gründungen im Wasser schnell als viel zu teuer erwies. Das Hamburger Büro gmp plante mit dem Ingenieur Jörg Schlaich einen gläsernen Bahnhof mit einem "Wolkenbügel" und schwebendem Dach. Nun ist die Bahn, was die Finanzen betrifft, das Berlin unter den Beförderungsmitteln; sie ist vollkommen pleite, deswegen schwebt hier gar nichts - und selbst wenn die Bahn den Turm noch baut, wird der Bahnhof wie ein notgelandetes Flugzeug auf dem Acker an der Spree stehen; selbst dann wird die Invalidenstraße an ihm vorbeilaufen wie ein alter Bekannter, dem die Bekanntschaft mittlerweile peinlich ist. Von dem, was man Stadt nennt, von der erlebnisreichen Dichte, von welcher der Senatsbaudirektor träumte: keine Spur. Statt Häusern am Hafen: kalter Wind. Statt Bahnhofsviertel: wehender Sand. Kanzleramt und Lehrter Bahnhof stehen da wie schöne Metaphern einer arg ramponierten Stadtgesellschaft.
Das hat natürlich auch etwas mit der wirtschaftlichen Rezession zu tun, und vielleicht wird einiges noch zuwuchern mit Häusern und Pflanzen, doch das kann noch dauern. Um so unverständlicher ist es, daß die Politik den krisenbedingten Löchern im Herzen der Stadt mutwillig neue hinzufügt.
Es wurde beschlossen, den Palast der Republik abzureißen, um den Weg freizumachen für Schloß und "Humboldt-Forum", in dem unter anderem die ethnologischen Sammlungen aus Dahlem und die Schätze der Humboldt-Universität präsentiert werden sollten. Nun kann all das nicht gebaut werden - denn dem Bundestagsbeschluß lag ein in seinen Ausmaßen geradezu unglaublicher Rechenfehler zugrunde, wie der damalige Kulturstaatsminister Nida-Rümelin nach dem Beschluß einräumen mußte: statt der angegebenen 100000 Quadratmeter Nutzfläche bietet das teilrekonstruierte Schloß nur 60000 Quadratmeter - allein das macht den Bau in den nächsten Dekaden äußerst unwahrscheinlich. Sogar Schloßinitiator Wilhelm von Boddien erklärt auf seiner Website: "Würde man jetzt auf die Bewilligung der öffentlichen Mittel für den kulturellen Teil des Schlosses drängen, würde es angesichts der dringender zu lösenden Probleme wohl kaum zu einem positiven Beschluß im Bundestag kommen. Dies ist auch angesichts der Kürzungen in den Sozialhaushalten weiten Kreisen der Bevölkerung kaum zu vermitteln."
Es wird also, wenn der Palast verschwindet, bis auf absehbare Zeit kein Forum und kein Schloß entstehen, sondern nur noch eine matschige Wiese mehr, das nächste Berliner Loch. Diese sumpfselige Berliner Agoramanie läßt sich die Politik das letzte Geld kosten, das sie nicht hat; der Abriß kostet mindestens 20 Millionen Euro (ein Zehntel der Summe, die der Staat für das Schloß beisteuern muß), vermutlich aber mehr als das Doppelte, denn das Baugelände an der Spree ist kein einfaches Terrain; die Entfernung des Gewichtes des Palasts hat Auswirkungen bis in die Fundamente des Doms; Apokalyptiker sehen ihn nach dem Abriß dramatisch absinken; einfach wird die Stabilisierung des fragilen Ortes jedenfalls nicht.
Im besten Falle werden die Berliner im Sommer nach dem Abriß kommen und in dem Loch der Republik das machen, was sie auch im Tiergarten tun, nämlich grillen: Die Spree als Baggersee, das Zentrum der Republik als Campingplatz: Warum nicht - wenn man dafür nicht schon den Tiergarten, den Mauerpark, das Umland dafür hätte; wenn es keine anderen Ideen gäbe, den Ort zu beleben. Der Verein "Zwischenpalastnutzung", den unter anderen Amelie Deuflhard von den Sophiensälen, Jörn Weisbrodt von der Staatsoper Unter den Linden und der Architekt Stefan Rethfeld vertreten, hat es nicht einmal darauf abgesehen, den Abriß zu verhindern. Recht bescheiden schlägt der Verein vor, was jenseits aller Pro- und Contra-Schloßfronten bereits von der Expertenkommission Historische Mitte und der Arbeitsgruppe Schloßareal für "wünschenswert" erklärt wurde: Nämlich den Palast der Republik kulturell zu nutzen, bis die Finanzierung seines Abrisses geklärt ist - und damit den Ort probeweise zu dem zu machen, was er später einmal werden soll. Nichts weniger als das "Zentrum der Bürgergesellschaft".
Angesichts des Phlegmas der politischen Vertreter dieser Gesellschaft muß man sich aber fragen, wie ernst es ihr mit der Belebung der großen Berliner Löcher ist. Seit Christian von Borries in diesem Jahr im Foyer des Palasts ein Orchester dirigierte, weiß man, daß der Bau nach der äußerst aufwendigen Asbestsanierung wieder nutzbar und eine beeindruckende Kulisse für Veranstaltungen aller Art ist. Es gibt namhafte Interessenten, die diesen toten Ort solange bespielen möchten, wie hier nichts anderes stattfinden kann - Volker Schlöndorff, die Künstlerin Marina Abramovic, der Intendant der Staatsoper, Peter Mussbach; es gibt Sponsoren, die an der Förderung dieses Projektes interessiert wären. Auch das Argument, die Förderung von Kultur im Palast würde den bestehenden Berliner Kulturstätten schaden, leuchtet nicht ein. Vielmehr könnte der in Kooperationsprojekten von Kunstvereinen, Museen und Opernhäusern mitbespielte Palast zum Schaufenster der Berliner Kulturstätten werden. Das Bundesvermögensamt hat keine prinzipiellen Einwände gegen die Nutzung ihrer Immobilie - und so fehlt nur noch ein entscheidendes Ja-Wort: das der Staatsministerin für Kultur Christina Weiss.
Ihr Zögern ist nicht recht zu begreifen, bietet sich doch an dieser Stelle die einmalige Gelegenheit, in den Ruinen des alten Systems das auszuprobieren, was hier später einmal stattfinden soll - und gleichzeitig in Zeiten einer durch die Rezession völlig paralysieren Stadtkultur ohne nennenswerten finanziellen Aufwand ein Zeichen zu setzen. Der Verein hat allen Mitgliedern der Bundestagsausschüsse für Kultur und Medien angeboten, sie über ihre Initiative am Ort zu informieren; nach Aussagen des Vereins hat jedoch nur Vera Lengsfeld von dem Angebot Gebrauch gemacht. Das Desinteresse der Volksvertreter ist dramatisch. Statt die Angebote von Mussbach, Forsythe oder Schlöndorff, der hier Beethoven inszenieren möchte, ernst zu nehmen, wartet man in aller Ruhe auf einen Abriß, dessen Finanzierung unsicher ist, auf ein Schloß, das auch bei optimistischsten Schätzungen erst in zwei Dekaden fertiggestellt werden kann; die Kulturpolitik sitzt wie Charles Bovary im Ohrensessel und döst und träumt von fernen Dingen.
Schließlich das dritte Beispiel: Das "Kulturforum" zwischen Philharmonie, Staatsbibliothek und Neuer Nationalgalerie. Hier muß endlich das enorme Potential des Ortes so inszeniert werden, daß die Berliner das einmalige Ensemble international bedeutender Kulturbauten, die zur Zeit so stumm wie Kühe im Regen nebeneinander stehen, auch räumlich erleben können. Die Gemäldegalerie zeigt einen der größten Schätze, den die Berliner Museumslandschaft zu bieten hat, eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen europäischer Malerei vom 13. bis zum 18. Jahrhundert, darunter Gemälde von Dürer, Caravaggio, Rubens, Rembrandt und Vermeer; daß sie nicht so häufig besucht wird, wie es denkbar wäre, mag auch am konfusen Städtebau des Forums liegen, an jenem Chaos, in dem die Gebäude wie ausrangierte Modelle in der Asservatenkammer eines Baumeisters nebeneinanderstehen.
Mag sein, daß in ein oder zwei Jahrzehnten genügend Geld für den Abriß des Palasts und den Bau seines Nachfolgers vorhanden ist. Doch auch diejenigen, die jetzt in Berlin leben, haben ein Recht darauf, im Zentrum ihrer Stadt mehr als nur Löcher zu sehen. Wo staatliches Geld aufzutreiben ist, sollte es besser in die Entwicklung des Kulturforums gesteckt werden statt in Abrisse mit ungewissem Ausgang. Die ausschließlich aus Sponsorengeldern finanzierte Zwischennutzung des Palasts wäre ein Weg, bis zur Vollendung der großen Utopien im Vorhandenen das stattfinden zu lassen, was von zahllosen Baukultur-Initiativen so wortreich beschworen wird: Das sogenannte urbane Leben. Eine neue Stadtgesellschaft. Irgend etwas, das Berlin von den Matschlöchern des Lehrter Landes unterscheidet. NIKLAS MAAK
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.12.2003, Nr. 49 / Seite 29
